Berlin - Den Kaffee gibt es nur schwarz, ohne geschäumte Milch und ohne Zucker. Die jungen adretten Angestellten sprechen Englisch, und sie verzichten auf Musik. Die Gäste dürfen ihre tragbaren Computer nur an einem gesonderten Platz benutzen, und Kinderwagen sind in dem geräumigen Café schon mal gar nicht erwünscht.

Erst vor wenigen Tagen hat Inhaber Ralf Rüller sein Café „The Barn Roastery“ in der Schönhauser Allee 8 in Prenzlauer Berg eröffnet. Es soll ein besonderer Ort sein, ein Café der Stille und des Genusses, mit frisch geröstetem Kaffee, sagt der 44-Jährige. Es hätte ein guter Start werden können, wäre da nicht die Sache mit dem Poller.

Die 176 Kilogramm schwere Betonbarriere steht am Eingang zum Café. Sie soll Eltern daran hindern, ihren Kinderwagen ins Café zu schieben. Das sei zu gefährlich, sagt Rüller. Im Café gibt es eine Röstmaschine, die könne bis zu 220 Grad heiß werden. Bricht ein Feuer aus, könnten Kinderwagen zu einem lebensgefährlichen Hindernis werden, sagt Rüller.

Heftige Debatte im Internet

Doch manche Eltern in Prenzlauer Berg werfen dem Cafébetreiber Kinderfeindlichkeit und Diskriminierung vor. Im Internet wird heftig diskutiert und gestritten. „Das Problem sind nicht Kinder als solche, sondern Kinder, die – berechtigterweise – irgendwann anfangen, sich Aufmerksamkeit zu erkämpfen, weil Mutti schon 2 Stunden mit ihnen im Café sitzt, sich aber nur für ihre Freundinnen interessiert. Das wirkliche Problem sind also eher ignorante Eltern, die glauben, ein Kind wäre ein weiteres Accessoire“, lautet einer der vielen Kommentare.

Und sogar Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) positioniert sich. Man müsse unterschiedliche Lebensweisen berücksichtigen, mit und ohne Kinder. Berlin stehe für Familienfreundlichkeit. „Wir brauchen gegenseitige Rücksichtnahme und keine Poller“, sagte die Senatorin der Berliner Zeitung.

Treppen vor und in Cafés

Offenbar hat Cafébetreiber Rüller völlig unterschätzt, wie emotional aufgeladen das Thema „Prenzlauer-Berg-Eltern“ und „Latte-Macchiato-Mütter“ seit einigen Jahren ist, wie sich Alteingesessene und Kinderlose über die neue Elterngeneration und ihre Erziehungsmethoden aufregen und wie sich jene Mütter und Väter dagegen wehren.

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Im vergangenen Jahr veröffentlichte taz-Autorin Anja Maier das Buch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter!“ Darin beschreibt sie diese Prenzlauer-Berg-Eltern, ihren Umgang mit ihren Kindern. Sie veröffentlichte ein Gespräch mit einer Cafébetreiberin, die über „die Weiber im Prenzlauer Berg“ schimpft. „Die kommen hier rein, in mein Café, drei Kinderwagen auf 30 Quadratmeter. Dann is hier dicht.“ Es gab eine heftige Debatte über das Buch, der Streit wird bis heute ausgetragen.

Auf Gehwegen rund um den Kollwitzplatz malten Bewohner Piktogramme mit durchgestrichenen Kinderwagen auf. Sie waren wohl genervt von den vielen Eltern, die mit ihren Kinderwagen die Gehwege versperrten. Im Café Niesen an der Schwedter Straße nahe dem Mauerpark richteten die Betreiber, selbst Eltern, einen kinderfreien Raum ein, wo Gäste auch mal ohne Babyschreien lesen und sich unterhalten können. Andere Café-Inhaber lösten das Kinderwagen-Problem, indem sie Treppen vor und in ihren Cafés errichteten.

„Wir sind ein Café, kein Kinderhort“

Es gibt aber auch Cafés, die sich freuen, dass Eltern mit ihren Wagen ins Café kommen. Diese Männer und Frauen sind meist treue Stammkunden, und für die Kleinen werden sogar extra Milchgetränke zubereitet, den Baby Latte.

„Wir sind ein Café, kein Kinderhort“, sagt Ralf Rüller. Natürlich könnten Eltern mit Kindern kommen, sagt er, doch sollten Eltern darauf achten, dass es kein Geschrei gebe und die Kinder nicht toben. „Bestimmte Orte sind einfach nichts für Kinder“, sagt er. Nun ist er für viele der Kinderfeind, einer, der Eltern diskriminiert.

Außer dem unerwarteten Ärger mit ein paar aufgebrachten Eltern muss Rüller aber nichts befürchten. Rechtlich gebe es kein Handhabe gegen das Kinderwagenverbot, sagt der Hauptgeschäftsführer des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Thomas Lengfelder. „Jeder Betreiber kann entscheiden, wen er zu Gast haben möchte.“ Die Debatte solle man aber nicht überbewerten. „In Berlin gibt es doch an jeder Ecke ein Café.“