Berlin - Da kommt das Auto, das zu den Vorurteilen passt. Wobei Auto nicht die richtige Bezeichnung für dieses Fahrzeug ist. Was da ganz langsam auf das Gelände des Schlossguts Schönwalde-Glien rollt, ist ein Full Size Sport Utility Vehicle, ein SUV, wie man unter Automobilfreunden der Einfachheit halber sagt, also ein geländetaugliches Ungetüm bar jeder Vernunft.

Aus dem schwarzen Monster mit den großen Profilreifen klettern: der Fahrer, der einen knielangen Ledermantel und eine lustige Zehnzipfelmütze trägt und – wie sich gleich herausstellen wird – der Lebenspartner der Kontaktperson ist; die Beifahrerin, bei der es sich offensichtlich um die Kontaktperson Frau Doktor Ingeborg Schwenger-Holst handelt; der Linkshintensitzer, welcher der Internetrecherche zufolge Helge Holst, der Sohn von Ingeborg Schwenger-Holst, sein muss, und die Rechtshintensitzerin, die trotz der ländlichen Kälte nicht etwa eine Mütze, sondern eine Baseballmütze mit St.- Pauli-Emblem auf dem jugendlichen Kopf hat.

Das Schöne an diesem Termin, so viel darf schon mal vorweggenommen werden, ist Folgendes: Die leisen Vorurteile, mit denen der Autor dieser Zeilen an diesem Wintersonntag an den Stadtrand von Berlin gekommen ist, erweisen sich fast ausnahmslos als haltlose Vorurteile.

Der Reiz des Unvorhersehbaren

Die Holsts und Hans Jürgen Pullem, der Lebensgefährte, der Sprachwissenschaftler und „Lindenstraßen“-Macher, spielen nicht nur Polo, sie lieben das Spiel der Könige, die schnellste Mannschaftssportart der Welt. Die Mutter hat die Leidenschaft auf den Sohn übertragen. Alle tragen weiße Polo-Jeans, wie es sich gehört, alle schwarze Gummireitstiefel.

Während sie sich auf der weitläufigen Koppel unter die zutraulichen, mit Winterfell bekleideten Poloponys mischt, schwärmt Ingeborg Schwenger-Holst von ihrem Aha-Erlebnis auf dem Maifeld vor 17 Jahren. Bei einem internationalen Profi-Turnier sei ihr plötzlich die Erkenntnis gekommen: Das ist es. Da ist der Pferdesport, der meinen Vorstellungen entspricht. Sie sagt: „Ich hab einfach keinen Bock auf diese Viereckreiterei. Polo ist die einzige Reitsportart, bei der es keine vorhersehbare Situation gibt. Das ist im Vergleich zu Dressur- oder Springreiten wie Eishockey und Eiskunstlauf.“

Die 53-Jährige ist Vorsitzende des Berliner Polo-Clubs e. V. von 1906, zugleich die Vorsitzende der PPB Polozentren Verwaltungs- und Betriebs GmbH & Co. KG, eine Mietergesellschaft, die unter den Bürgern in Schönwalde-Glien noch immer mehr Feinde als Freunde hat. Über Jahre hinweg gab es Widerstände. Mehrmals machte die Initiative Pro Natur gegen die Pächterin mobil, die das arg heruntergekommene barocke Anwesen Ende 2007 von den Berliner Stadtgütern übernommen hatte. Allerdings unter der Voraussetzung, dass sie für den Ausbau eines Poloplatzes 3.200 Quadratmeter Wald roden dürfe.

Das Projekt Freizeit- und Reitzentrum ist das Politikum der Gemeinde. Ingeborg Schwenger-Holst gilt als rücksichtslose Landräuberin, sie hingegen hält sich für eine Förderin des Gemeinwohls. Immerhin schaffe sie ein neues Ortszentrum mit Theateraufführungen und anderen familienfreundlichen Veranstaltungen.

Lästiges Schicki-Micki

Helge Holst schwärmt von Argentinien, von den Erfahrungen, die er dort, wo Polo fast so wichtig wie Fußball ist, während eines mehrmonatigen Aufenthalts gemacht hat. Ganz spontan komme es da zum Wettbewerb, Pferde und Spieler würden im Mittelpunkt stehen, hinterher würde man ein Bier trinken, kein Schischi, kein Champagner, alles ganz natürlich, alles ganz selbstverständlich. „Da ist alles auf den Sport reduziert. Und so soll es auch hier sein.“ Helge ist für den Nachwuchs verantwortlich, für das Training mit Stick und Ball. Ein knappes Dutzend Mädchen und Jungen würde sich in Schönwalde-Glien für Polo interessieren.