Eine Freundin hat ihr die Website empfohlen. OKCupid hieß sie, „cupid“ wie Amor. Ihr gefiel, dass die Seite von englischsprachigen Mitgliedern genutzt wird, sie hat früher in England studiert. Sylvia Reimann (Name geändert) legte ein Profil an, machte sich zehn Jahre jünger, 48 Jahre. Über tausend Männer klickten Gefällt mir auf das Profil.

Sie wirkt drei Jahre später etwas erstaunt, wenn sie davon erzählt, wie einfach es war, Männer kennenzulernen. Sylvia Reimann sitzt auf dem Sofa in ihrer Schöneberger Altbauwohnung, eine zarte Frau mit langen schwarzen Haaren, alles um sie herum wirkt gemütlich, sie trägt eine Yogahose, auf einem Tisch steht Lakritze und eine Kanne Tee, griffbereit liegt das Laptop, das auch ein Entspannungsmittel. „Für mich hat sich eine neue Welt eröffnet“, sagt sie. Schnell lernte sie die Regeln des Internet-Datings. Man muss mit vielen Männern kommunizieren, viel aussortieren. Sie ist selbstständig, kann sich die Zeit frei einteilen, chattet nächtelang, es wird sehr persönlich. Sie macht die Erfahrungen, die viele beim Internet-Dating machen. Man schreibt sich viel, fühlt sich ganz nah, und wenn man sich trifft, ist man sich fremd. In drei Jahren hat sie sich mit 200 Männern getroffen, mit 40 bis 50 hatte sie Sex.

Sie zieht ihr Laptop heran, öffnet ein Profil, man sieht einen dunkelhaarigen Mann, Ende 20. Als sie sich mit ihm zum ersten Mal auf dem U-Bahnhof traf, wollte er gleich wieder gehen. Sie habe auf dem Foto jünger ausgesehen, sagte er. Sie überredete ihn zum Bleiben. Sie habe keine Lust gehabt, wegen ihres Alters abgewiesen zu werden, sagt sie auf ihrem Sofa. Fünfzigjährigen Männern, die angeben, nur Frauen zwischen 18 und 40 zu akzeptieren, schreibt sie auch mal erboste Nachrichten.

Sylvia Reimann ist in den Siebziger- jahren erwachsen geworden. Sie erzählt, wie sie in Münster eine Selbstuntersuchung in der Frauengruppe gemacht haben, um sich von innen selbst besser kennenzulernen. „Wir haben uns gegenseitig ermutigt, uns von den Männern nicht mehr benutzen zu lassen.“ Es ist, als würde sie jetzt, vierzig Jahre später, das, was sie damals gelernt hat, auch umsetzen.

Sexuelle Freiheit trotz Beziehung

Sie sieht sich als Teil einer neuen Bewegung, bei der man mit einem anderen eine Beziehung eingeht, trotzdem aber sexuelle Freiheit genießt: die Polyamorie. Wie verbreitet diese Beziehungsform tatsächlich ist, ist unklar, aber Sylvia Reimann versichert, dass Berlin eine Hochburg sei.

Sie hebt zu einem Lob auf die offene Beziehung an. Die Vorstellung, dass es nur darum ginge, mit so vielen Menschen wie möglich Sex zu haben, sei falsch. „Polyamorie ist die Freiheit, sich auch in andere zu verlieben und sich nicht nur auf einen Menschen zu verlassen“, sagt Sylvia Reimann. So frei, dass sie ihre Beziehungsform offen nach außen trägt, ist sie aber nicht. Ihre erwachsene Tochter ist nicht eingeweiht.

Polyamorie klingt anstrengend, wie ein Managerjob, man muss viel reden, viel organisieren. Zwei feste Beziehungen hat Reimann durch OK Cupid gefunden. Der eine Mann hatte schon drei Freundinnen, die er regelmäßig sah, als sie dazukam. Irgendwann war es aus, zu kompliziert. Eine andere Beziehung zerbrach, ganz traditionell, an Eifersucht. Sylvia Reimann klickt auf der Seite weiter, liest Nachrichten. Derzeit trifft sie sich mit zwei verheirateten Männern, die Frauen kennt sie. Macht das Online-Dating süchtig? „Die Versuchung ist groß, hier so herumzuschnuppern wie in einem Bonbonladen“, sagt sie und relativiert wieder. „Eines Tages, wenn mein Beziehungsnetz stabil ist, werde ich mich abmelden.“ Doch das hat sie in der nächsten Zeit nicht vor, sie hat noch viel zu entdecken.