Content für die Instagram-Story: Der Ausflug zum See lässt sich großartig in Szene setzen.
BLZ/Markus Wächter

Die Anreise

Von Paul Linke

Man trifft sich ja wieder, quatscht über Gott und wie er die Coronawelt schuf, und manchmal schwappt die Hitzewelle in den Redefluss, mäandert zwischen Wetterbericht und Wochenendplänen, mündet im See, platsch. Wir waren neulich da, wo fahrt ihr denn eigentlich so hin? Manche schweigen, als wäre es strafbar, mit Seeinsiderwissen zu handeln. Berlin ist auf Sand gebaut, liegt aber noch nicht am Meer. Auf der Suche nach halbwegs maritimer Erfrischung bleibt meist nur die Flucht über die Stadtgrenze, besser noch jenseits des Autobahnrings. Wer dort unter den tausend Sonnen Brandenburgs einen Quadratzentimeter Seeschatten findet, sollte sich dennoch großflächig eincremen. Der Stress beginnt schon viel früher. Badetaschen müssen gepackt und geschultert oder gesattelt werden. Bahnfahrer spielen Menschenslalom im Abteil, Autofreunde Tetris im Kofferraum. Und dann springen sie am Autobahndreieck im Quadrat, weil andere zwischen Stoßstangen gepferchte Familien überraschenderweise ähnliche Seegewohnheiten pflegen. Die Radiostimme mahnt jetzt zur Geduld stadtauswärts, auf der Rückbank tobt längst das Gegenteil, weil die strategischen Knabbervorräte zur Neige gehen. Und dann ist man da. Und dann will man am liebsten wieder weg. Zu voll. Zu laut. Zu heiß. Aber auch zu spät, um auf die Badespaßbremse zu treten. Also platsch!

Die Bikinifigur

Von Nadja Dilger

Ich hasse Ausflüge an den Badesee. Besonders seit der Corona-Pandemie. Nicht weil ich Angst habe, dass mich jemand am Eisstand oder im Wasser anstecken kann, sondern weil ich mit jeder weiteren Homeoffice-Woche mindestens ein Kilo zugenommen habe. Wenn ich jetzt an den See fahre, bin ich der gestrandete Wal, auf den alle starren. „Los, schiebt ihn wieder rein“, höre ich sie schon am Ufer rufen. Body-Positivity-Verfechter würden mich für diesen Satz wohl am liebsten ertränken, aber ganz ehrlich: Halbnackt in einer Menschenmenge, das ist eine ganz schöne Zumutung. Vor allem, wenn man sich nach der aktuellen Bademode umschaut – auf Fotos im World Wide Web sieht JEDER gut aus. Und dennoch kommt der Tag, an dem mich meine Ausreden nicht schützen. An einem heißen Wochenende zwingt mich der Verwandtschaftsbesuch an den See. 36 Grad, Schweiß, Menschen, Wasser. Doch ein Blick genügt, und ich weiß: Hier fühlen sich alle wie dicke Fische. Keiner ist sexy, keiner trägt den aktuellen Look und niemanden kümmert es. Alles, was zählt, ist jetzt die Abkühlung und dass keiner in den See kackt. „Na gut, was soll’s“, denke ich mir. Kleid aus, Badeanzug an und rein in den See. Vielleicht gehen so auch die Corona-Kilos wieder runter. 

Kulinarisches

Von Anne Vorbringer

Wenn es an den See geht, muss natürlich Proviant mitgeführt werden. Gerade wenn Kinder dabei sind, können fehlende Zwischenmahlzeiten sehr leicht der Auslöser für die ganz große Krise sein: „Maamaaaa, Paaaapaaaaaa, ich will Maiswaffeln!“ Neben dem pappigen Trockenfutter stehen bei uns Obst- und Gemüseschnitze hoch im Kurs. Wer sich als Elternteil allerdings schon darauf freut, nach der Ankunft am Seeufer endlich in ein knackig-frisches Stück Kohlrabi oder in einen Apfel beißen zu können, der wird enttäuscht: Klein-Vielfraß hat bereits während der Fahrt die ganze Dose leer gemampft. Also geht es alsbald auf die Suche nach einer Imbissbude, denn spätestens zwei Stunden nach dem Waffel- und Gemüseverzehr braucht auch das kleine Kinderbäuchlein wieder Nachschub. Der Einfachheit halber bestellen wir meist Pommes für alle, wobei die Herausforderung darin besteht, dem Nachwuchs die Mayonnaise vorzuenthalten – die ist ja nun wirklich ungesund, also besonders für Kinder. Wir Erwachsenen müssen hingegen nach drei Schwimmzügen dringend unsere Kohlenhydrat- und Fettspeicher auffüllen – und wer isst schon Pommes ohne Mayo?! Also wird der Imbisswirt gebeten, die Frittensauce entweder unter unseren Portionen zu verstecken oder sie uns im Extra-Beutelchen mitzugeben, das wir dann zurück auf der Decke klammheimlich öffnen. Dazu gibt’s die mitgebrachte Apfelschorle, die sich mangels Kühltasche in der Zwischenzeit schon ordentlich aufgeheizt hat. Ein Traum! 

Outfitwechsel

Von Sabine Röhtig

Gewisse Umstände erfordern zuweilen einen alleinigen Aufenthalt am See. In diese etwas missliche Situation geraten, bedarf es einer konkreten Strategie, um nicht nass, nackt und mittellos zu enden. Denn ist der Platz für das Badetuch gewählt, sieht man sich schon dem ersten Problem gegenüber: dem Wechsel von der Tages- in die Badebekleidung. Wie eine Robbe wälzt man sich am Boden, nur spärlich bedeckt von einem Handtuch, um sich den gierigen Blicken der Voyeure zu entziehen. Das muss nicht sein, denn Bikini oder Badeanzug kann man sich ganz ungezwungen schon zu Hause drunter ziehen. Weibliche Seebesucher sollten danach in ein weites, langes Kleid schlüpfen, es wird ihnen vor Ort noch nützlich sein. Dann folgt das Bad im See, begleitet von Problem Nummer zwei: einer fehlenden Aufsichtsperson für die Wertsachen. Fremde Menschen dafür auszuwählen, ist unangenehm und wer weiß, ob sich nicht die freundlich dreinschauenden Liegenachbarn im Nachhinein als diebische Elstern und fiese Langfinger entpuppen. Also selber für Sicherheit sorgen. Liegt man in Baum- oder Gestrüppnähe, bietet es sich an, die Sachen heimlich im Geäst zu deponieren. Hier eignen sich wohlbelaubte Äste für das Hineinhängen von Auto- und Wohnungsschlüsseln. Sind Smartphone und Geldbeutel schwer, vergrabe man sie in einem kleinen Beutel unmittelbar unter oder neben dem Badetuch. Wichtig: die Stelle mit Stöckchen oder Stein markieren. Wer hat nicht schon mal im Sand nach einer Münze gewühlt, die gerade eben noch da war… Nach geglückter Abkühlung im See folgt nun erneut die Umzieharie, denn selten ist es in unserem Breiten so heiß, dass man sich diese sparen kann. Pfiffig ist, wer nun ein Kleid zur Hand hat, das elegantes Umziehen ermöglicht. Der hosentragende Mann ist hier leider im Nachteil. Er muss sich entweder am Boden rollen oder sich kurz schamfrei zur Schau stellen, wobei ihm eines zum Trost gesagt sei: Laut Statistik gibt es deutlich weniger weibliche Voyeure als männliche auf dieser Welt.

FKK

Von Andrew Bulkeley

Ein Jahr nach meinem Umzug nach Berlin kündigten meine Freunde einen spontanen Badeausflug an. Da ich ein romantisches Interesse an einem der Gruppenmitglieder hatte, klang das nach einer guten Gelegenheit. Und da ich mal in LA gelebt hatte, hatte ich eine Vorliebe für spontane Strandausflüge. Aber als wir ankamen, lernte ich etwas Neues kennen: FKK. Kaum hatten wir unsere Handtücher, Decken und Taschen auf den Sand fallen lassen, kündigte Sandra an, schwimmen gehen zu wollen. Sie begann, sich auszuziehen, und hörte nicht mehr auf. Auch Stefan wollte schwimmen, und bald standen beide splitternackt vor uns und diskutierten etwas Banales. Mein prüder amerikanischer Verstand erlitt einen Kurzschluss. Ich wollte an dem Tag den Mut aufbringen, Sandra um ein Date zu bitten, aber jetzt stand sie völlig nackt vor mir. Peinlich. In den USA sind wir so prüde, dass wir erst bei zwei oder drei Dates Sex haben, bevor wir uns nackt sehen. Das Licht anzulassen, ist Intimität. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich Nacktheit immer mit Sex gleichgesetzt, aber mir wurde klar, dass man sie auch einfach mit Nacktheit gleichsetzen kann – besonders als ich bemerkte, dass wir von nackten Körpern jeder Form, Größe und jeden Alters umgeben waren. Es war eine spannende und nötige Lehre für mich. Aber ich traute mich trotzdem nie, Sandra nach einem Date zu fragen. 

Der Berliner und der Brandenburger

Von Anne Lena Mösken

Neulich am See, die perfekte Badestelle gefunden, schattig-kühl, das Wasser seicht und klar. Am nächsten Tag fuhren wir gleich wieder hin, schön früh, wir wollten die Ersten sein an „unserem“ Plätzchen. Waren wir nicht. Am Ufer saßen Teenager! Drei auf einem Handtuch, die Boombox volle Kanne aufgedreht, es rotierte ein Joint, und wo gestern noch das Baby selig durchs Wasser tapste, bolzten sich vier Jugendliche gegenseitig mit einem Gummifootball um. Am Badesee trifft sich, wer sich sonst nur selten begegnet: Halbstarke und Kleinfamilie, Rentner und Wassersportler, Hundebesitzer und Sonnenanbeter, Berliner und Brandenburger. Es ist eine Übung in Toleranz, man lernt über die anderen dabei mindestens so viel wie über sich selbst. Ich versuche – unauffällig, klar – die Frakturschrift zu entziffern, die die Wade des Vaters ziert, der neben mir sein Kleinkind ins Wasser tunkt; beobachte über den Rand meiner Zeitung hinweg die Gruppe stiernackiger Glatzköpfe, die eine Armada von Schlauchbooten aufpumpt. Der eine trägt ein „Hells Angels“-Shirt. Immerhin keine Nazis, denke ich. Um jetzt die Klischees in meinem Kopf zu hinterfragen, ist es leider zu heiß.  Wir sind ja selbst die wandelnden Klischees, wie wir hier allwochenendlich einfallen, die Landstraßen mit unseren Kleinwagen und Car-Sharing-Autos und VW-Bussen zuparken und Selfies am Ufer schießen für unsere Insta-Storys. Aber keine Sorge, liebe Brandenburger, wir Berliner sind viel netter, als wir aussehen, und wir mögen euren rauen Charme – auch wenn wir oft nur die Hälfte von dem verstehen, was ihr im feinsten Märkisch von euch gebt. Die Teenager jedenfalls drehten von selbst die Musik aus und packten den Ball wieder ein. War ein wunderschöner Tag, wie immer.