Berlin - Sie stellt sich tatsächlich mit ihrem Nachnamen vor. Schmidt. Das ist der Bühnenname der 22-jährigen Wahlberlinerin, die nun mit ihrem Debütalbum „Femme Schmidt“ für Aufmerksamkeit sorgt. Sie ist eine ausgesprochen hübsche Frau mit einem etwas zurückhaltenden Lächeln, bei dem man nicht weiß, ob es Schüchternheit oder distanzierte Pose ist. Schmidt ist schwarz gekleidet. Schick, aber nicht aufdringlich sexy. Sie trägt Schuhe mit hohen Absätzen und hat ihren Chiwawa beim Interview dabei.

Schon als Zehnjährige wollte Elisa Schmidt Sängerin werden. Sie sei beeindruckt gewesen von dem Energieaustausch, der zwischen Musikern und Publikum entstehen kann, erzählt sie. Aufgewachsen ist sie in Koblenz, seit fast vier Jahren wohnt sie in Berlin. Davor war sie lange Zeit in der Welt unterwegs, kam mit 16 Jahren auf das Musikinternat Hurtwood House in London. Ein Jahr später reiste sie schon durch die USA und lernte die wichtigen Entscheider und Produzenten der Musikindustrie kennen. Sie nimmt ein Album auf, das aber nicht erscheint.

Ein wunderbar deutscher Künstlername

Im Dezember 2010 lernte sie schließlich in London Guy Chambers kennen, der unter anderem schon Songs mit Robbie Williams produziert hat. Er beschließt, mit ihr ein neues Album zu machen und nennt sie bei ihrem Nachnamen, der so wunderbar deutsch klingt. Der Künstlername ist gefunden.

Es ist ein strebsamer und geradliniger Karriereverlauf. Trotzdem sagt Schmidt, sie mache in ihrer Freizeit nicht viel anderes als andere Leute ihres Alters. Sie geht mit Freunden in Bars feiern, sie macht Sport, schreibt Songs und denkt manchmal zu viel nach. Ihre musikalische Helden hingegen sind eher betagt, wenn nicht tot. Jazz findet sie toll, auch Marlene Dietrich. Sie sagt: „Was gibt es Besseres als Chet Baker und ein Glas Rotwein dazu?“

Ansonsten habe sie erst kürzlich die Shades-of-Grey-Trilogie gelesen. Ein Abklatsch der Twilight-Geschichte, ihrer Meinung nach. Gefallen habe es ihr trotzdem. Es sei bemerkenswert, dass viele Frauen auf diese verbotenen Fantasien so begeistert reagieren. Auch Schmidts Songs handeln von Sünde, von verspielter Verruchtheit.

Etwa in ihrer Single „Photo Booth“, in der sie erzählt, wie sie sich einen fremden Mann auf der Straße aufgabelt. Sie manövriert ihn in einen Fotoautomaten, wo sie mit ihm ein kurzes, aber intensives sexuelles Intermezzo hat. Währenddessen schießt der Automat Bilder. Schmidt sagt kokett, ihre Songs würden von ihren Erfahrungen handeln – oder von ihren Fantasien. Sie lässt bewusst offen, ob die Dinge, die sie besingt, schon passiert sind.

Der Geist der 20er-Jahre

Zusammen mit dem Produzenten Chambers beschließt Schmidt bei Beginn der Albumproduktion vor rund zwei Jahren, den Geist der 20er-Jahre in ihrer Musik wieder aufleben zu lassen. In der britischen Hauptstadt gibt es gerade einen kleinen Hype um diese Epoche. In Undergroundclubs werden Charlestonparties veranstaltet. „Pop Noir“ nennt Schmidt fortan ihre eigene Musik. Die 20er-Jahre in Berlin sind für die junge Sängerin eine Zeit, in der die Menschen eine besondere Lebenseinstellung gehabt hätten: „Jeden Tag so zu leben, als wäre es ein ganzes Leben wert.“

Sie meint freilich nicht die echten 20er-Jahre, die von einer labilen Demokratie, von Wirtschaftskrise und Inflation geprägt waren. Sondern die Absinth-getränkten Ausschweifungen in den Amüsierpalästen. Kabarett, Burleske, den Glanz der Dietrich. Wo es noch als sexy galt, wenn eine Frau rauchte. Es ist eine schöne Fantasie.

Trotzdem, in der Vergangenheit würde auch Schmidt nicht leben wollen. Sie ist gerne Teil der heutigen Zeit. Sie bediene sich aber an Elementen jener sagenumwobenen Epoche – als Accessoire, wie Schmidt sagt. Es diene dazu, die Leute in eine Fantasiewelt zu entlocken.

Im Oktober steht eine Deutschlandtour an, die sie durch neun Städte führt. Im November wird sie dann Elton John auf Tour durch Australien begleiten. Das sei kein Traum gewesen, denn soweit hätte sie nie zu träumen gewagt. Ob ihre Songs auch auf einer großen Bühne funktionieren werden? Na klar, sagt Schmidt. Kein bisschen nervös? „Erst kurz vor dem Auftritt.“ Es scheint, als wolle sie sich nicht in die Karten blicken lassen. Eine Diva, und sei sie noch so jung, darf nicht wanken.

Schmidt, 10. 10., 22.30 Uhr. Bar Tausend, Schiffbauerdamm 11. Eintritt: 12 Euro