Berlin - Man könnte sagen, dass Jalid Sehouli nie aus dem Wedding herausgekommen ist, und dieser Satz wäre wahr und doch auch ganz falsch. Der Name in Kombination mit dem Stadtteil, in dem einer sein Leben lang verharrt hat – da ist man schnell dabei, sich im Kopf eine Migrantenbiografie zurechtzuzimmern, in der nicht viel erreicht worden ist. Die Ausgangsvoraussetzungen stimmen. Der Vater, ein politischer Flüchtling aus Marokko, der in den 60er-Jahren nach Berlin kommt, verdient anfangs sein Geld als Boxer. Später arbeitet er in einer Fabrik. Die Mutter kann nicht lesen und schreiben. Zu sechst leben sie in einer Einzimmer-Wohnung in der Stralsunder Straße, nicht weit von der Mauer. Das zeichnet Bahnen vor, die in Deutschland schwer zu verlassen sind. Doch es ist alles ganz anders gekommen.

An einem kalten Frühlingstag sitzt Jalid Sehouli in einem marokkanischen Restaurant in Berlin-Mitte. Der Bebra-Verlag, in dem gerade sein Buch erschienen ist, hat dorthin eingeladen. Es gibt süßen Minztee, wie Jalid Sehouli ihn in „Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo“ besingt. Der Autor trägt Anzug und Krawatte, um seinen Hals hat er einen leuchtend blauen Schal geschlungen. Der Verleger stellt seinen Autor als Beispiel für eine gelungene Migration vor, dafür, wie sich Menschen und Kulturen bereichern können.

Doch es ist gar nicht in erster Linie sein Buch, das Jalid Sehouli zu diesem gelungenen Beispiel macht. Er ist Arzt, ein weltweit bekannter Krebsspezialist, Direktor der Klinik für Gynäkologie der Charité. Der erste arabischstämmige Ordinarius in der Frauenmedizin in Deutschland. Und das Virchow-Klinikum im Wedding ist die Klinik, in der seine Mutter einst Stationshilfe gewesen ist, deren Aufgabe es war, sauber zu machen, Patienten zu waschen und zu füttern. „Sie war die Seele der Station“, sagt ihr Sohn.

Zeichen auf den Trottoirs

In seinem Buch steht diese Mutter im Mittelpunkt, er beschreibt, wie sie anfangs, als sie noch fremd war in Berlin, mit Kohle Zeichen auf die Trottoirs gemalt hat, damit sie den Weg nach Hause wieder fand. Die Straßenschilder konnte sie ja nicht lesen. Es habe Kollegen gegeben, die ihm rieten, nicht öffentlich zu machen, dass seine Mutter Analphabetin gewesen ist, sagt er. Aber wenn man die Passage in dem Buch liest, spürt man, wie stolz ihn die Findigkeit und der Durchhaltewille seiner Mutter machen.

Auf dem Tisch steht eine silberne Teekanne, Jalid Sehouli hat sie von Zuhause mitgebracht, es ist ihre Kanne. Für ihn ist sie viel mehr als ein Gefäß, in dem Tee zubereitet wird. „Diese Teekanne gab meiner Mutter die notwendige Kraft, die eigene Heimat zu verlassen und eine neue Welt für ihre Kinder zu erschließen – und das, ohne die eigene Identität und die eigenen Wurzeln zu vergessen“, schreibt er in seinem Buch, das auch von Geflüchteten handelt, die es ja nicht erst gibt, seit sich Deutschland in der sogenannten Flüchtlingskrise befindet. Schon immer haben sie Strategien entwickelt, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. Und manchmal ist es eben eine Teekanne, sind es Kohlezeichen auf dem Trottoir.

Als die Mutter nach Berlin kam, mit den beiden Geschwistern, war Jalid Sehouli noch nicht geboren. Er ist das dritte von vier Kindern. Eigentlich wollten ihn die Eltern Khaled nennen, aber der Berliner Standesbeamte wusste nicht, wie man das ausspricht oder schreibt, so erzählt er es in „Ein kleines Dossier über mich“, das Teil seines Buches ist. Der Beamte machte Jalid daraus, einen Namen, den es in Marokko gar nicht gibt. Die Eltern waren es zufrieden. „Unser Horizont war der Wedding“, sagt Jalid Sehouli. „Selbst der Ku’damm war weit, man hätte ja die U-Bahn bezahlen müssen.“

„Ich fühle mich als Berliner, als Deutscher“

Als Migrant hat sich Jalid Sehouli nie gefühlt. „Das Wort gab es früher gar nicht“, sagt er. „Ich fühle mich als Berliner, als Deutscher“, sagt er. Dabei hat er es oft genug zu spüren bekommen, dass andere das nicht so sehen. Etwa als er mit seiner Weddinger Fußballmannschaft nach der Wende in Cottbus oder in Hoyerswerda spielte und sie als Kanaken beschimpft wurden. Er kann mit der Rolle nichts anfangen, und er kann es auch nicht leiden, als Migrant vereinnahmt zu werden. Nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln baten ihn Journalisten um Interviews, er lehnte ab. Er hatte keine Lust, den „guten Marokkaner“ zu geben. Er ist Moslem, die Religion kennt er durch den Vater und die Mutter, den Koran hat er nicht gelesen. Zu der aktuellen Islam-Diskussion möchte er nichts sagen. Er nennt sie oberflächlich.

Jalid Sehoulis Büro liegt in der ersten Etage des Klinikgebäudes an der Mittelallee. Als wir ihn dort besuchen, ist er noch im OP. „Es dauert nicht lange“, sagt seine Sekretärin. Sie bietet Kaffee an. Wirklich tritt er uns ein paar Minuten später in der grünen Kleidung des Chirurgen gegenüber. „Eierstockkrebs“, sagt er knapp. Dann holt er ein Bild aus dem Regal, das hinter dem Schreibtisch in seinem Büro im Virchow-Klinikum der Charité in Wedding steht. Es ist ein Schwarz-Weiß-Foto, das eine junge Frau mit dunklen gewellten Haaren zeigt. Ernst blickt sie in die Ferne. „Das ist meine Mutter“, sagt er. Ihr Bild ist das Wichtigste hier, was er uns zeigen möchte.

„Bildung war das Höchste für meine Mutter“, sagt Jalid Sehouli. Aber wichtiger sei, dass sie ihm immer Mut gemacht habe. Keinen arroganten oder naiven Mut, sondern einen bescheidenen Mut, wie er sagt, einen Durchhaltewillen-Mut. Er konnte ihn brauchen, genau wie die Erfahrungen beim Fußball. „Man wird ausgewechselt oder gar nicht erst aufgestellt, man erlebt Kränkungen – das zu erfahren und trotzdem auf dem Weg zu bleiben, ist eine sehr gute Schule.“ Er würde Kinder aus Flüchtlingsfamilien erstmal Fußball spielen oder etwas anderes tun lassen, das sie können. „Wir Deutsche definieren Menschen immer über Defizite.“