Strausberg - Mit den üblichen Klischees im Kopf würde man Jens Knoblich glatt übersehen. Keine knallbunt gefärbten Haare, keine orangefarbene Latzhose, keine schräge Kopfbedeckung. Der 43-Jährige hat recht kurze dunkelblonde Haare und trägt eine randlose Brille. Über dem Stuhl hängt eine schlichte olivgrüne Winterjacke. Er sieht bürgerlich aus – für einen Piraten geradezu unauffällig.

Jens Knoblich sitzt in einem Café in Strausberg (Märkisch-Oderland) und nippt an seinem Früchtetee. Er ist einer der erfahrensten Piraten: 2009 war er bundesweit der erste Pirat, der ein Mandat hatte. Allerdings war er 2008 als Parteiloser ins Stadtparlament gewählt worden, in die Piratenpartei trat er später ein. Seit vier Jahren ist er nun Parteimitglied und politisch sehr aktiv.

Hier auf dem Lande ist die junge Partei, deren Thesen eher bei Großstädtern ankommen, noch etwas Besonderes. Knoblich auch. Der IT-Spezialist ist nicht nur Chef des Kreisverbandes, sondern auch Ortsvorsteher in Hohenstein, einem 500-Seelen-Ort, der zu Strausberg gehört. Der Vater zweier Töchter sitzt im Stadtparlament als Einzelkämpfer in einer offenen Fraktion. Nun will er noch höher hinaus: 2013 möchte er in den Bundestag.

Beamter bei der Bundeswehr

In einem Flächenland wie Brandenburg haben es die Piraten wesentlich schwerer als in Metropolen. Hier zieht das mitunter neurotisch-schrille Agieren der Großstadt-Piraten nicht. Der bodenständig-unaufgeregte Jens Knoblich, der als Beamter bei der Bundeswehr arbeitet, wäre dafür auch nicht der Typ. „Ich lasse nicht den Piraten raushängen. Für wilde Anträge ist mir der Aufwand zu schade. Immer nur Meckerecke – das macht keinen Spaß.“

In Strausberg ist er Vorsitzender des Bauausschusses und hat damit Verantwortung im politischen Prozess. „Parteipolitisches Geplänkel hat da nichts zu suchen“, wie er sagt. Nicht nur seine Unterstützer, auch Abgeordnete anderer Parteien beschreiben ihn als sachlich und besonnen. „Er ist sehr zugänglich, auch, wenn wir nicht immer einer Meinung sind“, sagt Ronny Kühn, Chef der Linksfraktion, der stärksten Kraft hier.

Auf kommunaler Ebene geht es nicht um die großen Piraten-Themen wie Vorratsdatenspeicherung oder Internetsperren. In seiner Funktion als Ortsvorsteher gratuliert Knoblich den Senioren zu runden Geburtstagen, er geht auf Beerdigungen, engagiert sich im Förderverein für die Dorfkirche, und als Stadtverordneter beschäftigt er sich mit Straßenbeleuchtung und Sanierung von Kitas.

Aber es waren genau die piratischen Ur-Themen, die ihn zu dieser Partei gezogen haben. Dahinter steht bei ihm die Angst vor dem Orwell'schen Alptraum, vor dem Überwachungsstaat. Den Roman „1984“, Pflichtlektüre für viele Piraten, kennt Jens Knoblich gut.

Die Transparenz ist alles

Eines der Kernthemen versucht er in der Lokalpolitik zu etablieren: Transparenz. „Ich weiß, der Begriff ist überstrapaziert, aber wir wollen zeigen, wie Politik zustande kommt“, sagt er. „Die Hinterzimmerpolitik nimmt die Bürger nicht mehr mit.“

Besonders auf dem Lande gebe es viele gegenseitige Abhängigkeiten, zum Beispiel zwischen einzelnen Abgeordneten, lokalen Unternehmen und Vereinen vor Ort. „Das ist eine blöde Voraussetzung für saubere Politik“, sagt er. Filz sei oft die Folge, auch in Strausberg.

Was in den Ausschüssen vor sich geht, wer wie abstimmt und verhandelt, beschreibt er auf seinem Blog. Das Internet-Tagebuch betreibt er bereits seit fast zehn Jahren, zunächst als Blog über den Bau seines Hauses, heute als eine Art kommunalpolitisches Protokoll. Das gefällt vielen in Strausberg – aber nicht jedem. Knoblich macht sich auch Feinde mit seinem Anspruch, alles offenzulegen. „Der Stadtwerkechef zum Beispiel sprach lange nicht mit mir.“ Mehrfach hätten hohe Amtsträger ihm gedroht und gefordert, dass kritische Artikel verschwinden sollen. Auch Links-Fraktionschef Kühn, der schon manchem Knoblich-Antrag im Parlament zustimmte, sagt: „Dass er alles veröffentlicht, macht das Verhandeln nicht immer einfacher.“

Die Kommunalpolitik und die Mitgliedschaft bei den Piraten habe sein Leben umgekrempelt, sagt Knoblich. Für seine Töchter und seine Frau, die beim Finanzamt arbeitet, habe er immer weniger Zeit. „Manchmal wünsche ich mir schon eine Sekretärin.“

Hart kämpfen für die fünf Prozent

Und dann steht nächstes Jahr die Bundestagswahl an, die für die Piraten unter keinem so guten Stern steht: Die Umfragewerte sind derzeit schlecht und es gibt heftige innerparteilicher Querelen. Die Kritik, dass der Partei ein gesamtgesellschaftliches Profil fehlt, prallt an Knoblich ab. „Auch in der Partei schreien jetzt viele, dass wir ein Vollprogramm brauchen. Ich sage: Nein, wir brauchen keines.“ Die Programme der Altparteien seien auch nicht viel Wert, weil vieles davon gar nicht umgesetzt werde. Mit dem Thema Transparenz etwa hätten die Piraten schon genug zu tun.

Derzeit liegen die Piraten in Brandenburg unter der Fünf-Prozent-Marke. Mit Platz vier auf der Landesliste hat Knoblich praktisch keine Chance, selbst wenn die Partei wieder zulegt. Aber er ist auch Direktkandidat – und will hart kämpfen. Gegen keine geringere als Dagmar Enkelmann. Die Linke holte ihr Mandat 2009 mit 37 Prozent. „Wir haben Themen besetzt, die auch bei den Linken gut ankommen, vor allem in der Sozialpolitik“, sagt Knoblich. Er hofft auf Überläufer. Aber er weiß: „Es wird nicht einfach.“