Berlin - Nachts, wenn die Republik sich von den Tagesthemen in den Schlaf wiegen lässt, fährt Monika Herrmann im Schlafzimmer ihren Computer hoch. Die grüne Kommunalpolitikerin aus Kreuzberg reist durchs Internet, kommuniziert mit der Welt, neben sich ihren Kater. Sie brauche das, um nach einem langen Bürotag runterzukommen, sagt sie.

Am kommenden Mittwoch wird Monika Herrmann, langjährige Stadträtin für Jugend und Familie, zur neuen Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg gewählt. Die Mehrheit ist sicher. Sie fing vor über zwanzig Jahren im Bezirksamt Kreuzberg als Mitarbeiterin der Frauenbeauftragten an, arbeitete sich zielstrebig voran, jetzt rückt sie an die Spitze.

Sie ist nicht die einzige Bezirksbürgermeisterin, in Tempelhof-Schöneberg regiert Angelika Schöttler (SPD). Aber sie ist die einzige, die offen lesbisch ist. Nun ist es in einer Stadt wie Berlin nichts Besonderes, homosexuelle Politiker in Spitzenjobs zu haben, trotzdem ist der Umgang mit Frauen offenbar etwas verklemmter. In Porträts wird gern darauf hingewiesen, dass Herrmann ein Herrenfahrrad fährt und seit der Kommunion kein Kleid mehr trug. Sie selbst macht kein großes Geheimnis darum, dass sie mit einer Frau liiert ist. Man lebt in getrennten Wohnungen. Herrmanns Leben gehört sowieso der Politik. Als Hobby gibt sie auf ihrer Website an: „Kommunalpolitik“.

Ihr Vorgänger, Franz Schulz, schrieb nie SMS, hörte nur selten seine Mailbox ab, war eher verschlossen. Wenn man Monika Herrmann am Sonntagabend eine Nachricht über Twitter schickt, schreibt sie binnen Minuten zurück. Natürlich ist sie auch bei Facebook aktiv. Ihre Kollegen schenkten ihr kürzlich zum 49. Geburtstag einen „Gefällt-mir“-Stempel.

„Ich bin ein Technikfreak“

Sie postet auf ihrer Seite Zeitungsartikel, manchmal zehn auf einen Schlag, Zweifel am geplanten Verbot von Ferienwohnungen, ein Bericht über Proteste gegen die Homo-Ehe in Frankreich, auch mal ein Gedicht auf Spanisch. Manchmal schreibt sie einfach nur, was für einen tollen Abend sie mit ihren FreundInnen hatte, mit Binnen-I, wie es sich gehört.

Ihr Büro liegt im Bezirksamt in der Frankfurter Allee, ein heller, freundlicher Raum voller Grünpflanzen. Herrmann trägt Jeans und ein grünes Hemd. Grün ist ihre Lieblingsfarbe, nicht nur politisch. Sie bietet Mohnschnecken an, „selbst gebacken, aber nicht von mir.“ Auf dem Tisch liegt ihr Smartphone, ein weißes Samsung S3 Mini, und man kann sich sofort in ein Gespräch über Tablets, Smartphones und die verschiedenen Hersteller verwickeln.

Die Technikfeindlichkeit mancher Grünen teilt sie nicht. „Ich bin ein Technikfreak“, sagt sie. Sie spricht mit einer angenehmen, tiefen Radiostimme, moderierte früher auch mal im Offenen Kanal Radiosendungen. Auch Bücher lese sie inzwischen auf dem Kindle von Amazon, „auch wenn das nicht politisch korrekt ist“, fügt sie hinzu und lacht. Sie ist zwar links, aber nicht so dogmatisch.

Das hat vielleicht mit ihrer Herkunft zu tun. Sie ist in eine politische Familie hineingeboren, beide Eltern, Dieter und Anneliese Herrmann, saßen früher im Abgeordnetenhaus – allerdings für die CDU. Morgens, mittags, abends sei es zu Hause um Politik gegangen, erzählt sie gern. Den größten Einfluss in der Familie hatten die Frauen, erinnert sie sich, wie die Uroma, eine handfeste Berliner Kohlenhändlerin, die predigte, dass die wichtigsten Werte Bildung und Immobilien sind. Auch deshalb besitzt Monika Herrmann heute eine Eigentumswohnung im Bergmannkiez, gekauft, bevor die Preise explodierten.

Respektiert auch vom politischen Gegner

Es hat sie früh selbst in die Politik gezogen, sie ging zuerst zur Jungen Union, doch die waren ihr zu rechts. Die verstorbene ehemalige Landesvorsitzende der Grünen, Barbara Oesterheld, holte die Politik-Studentin schließlich in die Frauengruppe, dann in die Partei.

Die Eltern hatten mit ihrer politischen Ausrichtung offenbar kein Problem. „Mein Vater hat schon Joghurt-Becher ausgewaschen und Müll getrennt, als es die Grünen gar nicht gab“, sagt Herrmann. Die Herkunft hilft ihr heute, sie redet im Parlament mit allen, wird auch von der CDU respektiert.

Der Bezirk hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert, es gibt mehr Luxuswohnungen, mehr Hotels, höhere Mieten. Wenn man sie fragt, wie sie dafür sorgen will, dass sowohl der Hipster-Stoffbeutelträger wie auch die türkische Oma ihren Platz haben, dass die Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet, überlegt sie. Dann sagt sie: „Auch wenn man vielleicht von einer Bürgermeisterin etwas anderes hören will, glaube ich nicht, dass man die Veränderungen aufhalten kann.“

Man solle nicht so tun, als gebe es das perfekte Rezept gegen steigende Mieten. Anders als andere in ihrer Partei ist sie skeptisch, was das jüngst erlassene Verbot von Ferienwohnungen angeht. „Als ich mit meiner Familie in Istanbul im Urlaub war, haben wir auch eine Ferienwohnung gemietet“, sagt sie. Die Reflexhaftigkeit bei manchen Diskussionen gefällt ihr nicht. Sie will einen neuen, offeneren Umgangston einführen, persönliche Angriffe mag sie nicht, weder bei Twitter und Facebook, noch offline.

Sie hat früher als andere bemerkt, wie sehr sich die Bevölkerung in Friedrichshain und Kreuzberg verändert. Es begann so, dass auffallend viele Kinder und Familien, die in Herrmanns Jugendamt betreut wurden, plötzlich von Spandau und Hellersdorf übernommen wurden. Sie gab die Daten an den rot-roten Senat weiter, warnte vor einer Ghettoisierung am Rande der Stadt. Nichts passierte. Das war 2007. Seitdem mussten immer mehr Hartz-IV-Familien wegziehen, oft türkischer Herkunft.

Herrmann wählt einen neuen Weg

Sie will die Kreuzberger Mischung erhalten, wählt dabei aber einen anderen Weg als ihr Vorgänger. Sie bleibt Jugendstadträtin, mit Investoren will sie sich nicht herum plagen wie Franz Schulz, das Ressort Stadtentwicklung übernimmt ihr Parteifreund Hans Panhoff, ein gelernter Stadtplaner. Herrmanns Politik zielt auf die Kinder, die nächste Generation. Sie will die Zahl der Migranten-Kinder in Kitas weiter erhöhen, die Qualität der Sekundarschulen verbessern, damit die neu zugezogenen Biomarkt-Eltern ihre Kinder nicht in anderen Bezirken anmelden.

Integration ist ihr wichtig, und zwar nicht nur die von Migranten. Kürzlich richtete sie auch einen Jugendraum für schwule, lesbische, trans- und intersexuelle Jugendliche ein. Anders als Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) aus Neukölln betont sie lieber das Positive. Sie schwärmt davon, wie engagiert sich türkische Mütter und Väter in Projekten des Bezirks einbringen. Sie hat angekündigt, sich künftig stärker in Debatten einmischen, auch über den Bezirk hinaus. Als Ex-Pressesprecherin von Stadtrat Peter Strieder (SPD) weiß sie, wie man sich verkauft. Kann sein, dass sie für eine neue Kultur in Kreuzberg steht, und dass Heinz Buschkowsky bald nicht mehr der Darling der Talkshows ist.