Berlin - Dass ausgerechnet die Ratte Hansakeks in den Westen gegangen sein soll, kann der Erzähler einfach nicht glauben. Hatten sich die Schüler der Polytechnischen Schule „Bruno Baum“ in Prenzlauer Berg doch gut um den zutraulichen Nager auf ihrem Schulhof gekümmert. Solche und andere Geschichten einer Ost-Berliner Kindheit und Jugend hat der 1963 geborene Comic-Zeichner Peter „Auge“ Lorenz in einer schönen, siebgedruckten Faltschachtel aufbewahrt. „Ostkinder, Nazi, Hansakeks“ heißt die Box, in der er verschiedene Minicomics versammelt hat. „Herr Lorenz erzählt“ sind die Episoden überschrieben – das klingt nicht unabsichtlich nach Opa erzählt vom Krieg. Denn die Geschichten wollte meist auch keiner mehr hören, lieber verdrängte man diesen Teil einer gelebten Realität.

Montagenartige Episoden

Das Gefühl, die eigene Biografie unterläge zunehmend fremden Deutungshoheiten, hat Lorenz dazu animiert, seine Sicht auf das Leben in Ost-Berlin in den 70er- und 80er-Jahren in Comic-Form darzulegen. Es sind unbeschwerte Momente des kindlichen Kriegsspielens in unsanierten Hinterhöfen oder grauselige Erinnerungen an die Musterung, die er auch im Comic-Heft „Das Land, das es nicht gibt“ aufhebt. Die meisten Episoden sind Montagen aus eigenen Erinnerungen, Erzählungen von Freunden und recherchierten Ereignissen. Die relativ realistisch gezeichneten Hintergründe machen eines deutlich: Das Leben in Ost-Berlins Mitte könnte sich nicht stärker verändert haben.

Aufs Schönste bestätigen lässt sich dieser Eindruck, wenn man heute an der von Lorenz maßgeblich mitbegründeten Comicbibliothek „Renate“ in der Tucholskystraße vorbeischlendert. Das heimelig anmutende Geschäft, das einen Shop für in- und ausländische Kleinstauflagen-Comics und grafische Kunst, die Bibliothek und einen Treffpunkt für Comic-Interessierte beherbergt, wirkt angesichts der durchsanierten Umgebung wie aus der Zeit gefallen.

Subjektive Annäherung an die Geschichte

Lorenz verfolgt die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist es natürlich erfreulich, wenn vorbeikommende Touristen sich die siebgedruckten Comics leisten können. Andererseits wohnen infolge der explodierenden Mieten kaum noch Comic-Schaffende in der Nähe, die Anreise zum regelmäßig stattfindenden Comic-Stammtisch ist weiter. Immerhin, es gibt sie noch, die „Renate“, nach der Stilllegung des Tacheles eine der letzten alternativen Kulturstätten in Mitte.

Lorenz’ erstes öffentliches Auftreten als Comic-Zeichner datiert auf das Jahr 1989. Zuvor hatte er ein Studium der Betontechnik in Weimar absolviert. Der Stadt, mit der damals angeblich höchsten Punkerdichte. Zurück in Berlin gründet er mit befreundeten Zeichnern das bis heute erscheinende Fanzine „Renate“.

Ökonomisch betrachtet ist das ehrenamtliche Engagement – die Bibliothek wird unentgeltlich geführt – leider kein Erfolgsmodell. Eine glückliche Verbindung aus sinnvoller Arbeit und Entlohnung bedeuten für „Auge“ Lorenz dagegen die Workshops, die er bisweilen in den KZ-Gedenkstätten Ravensbrück und Bergen-Belsen betreut. Jugendliche erhalten dort die Möglichkeit, über die vor Ort dokumentierten Schicksale zu recherchieren, eigene Haltungen zu hinterfragen und das so Entborgene in einem selbst verfertigten Comic aufzubereiten. Überhaupt scheinen die anfänglich eher anarchisch-absurden Comic-Geschichten von Lorenz immer mehr zu Gunsten einer bewusst subjektiven Annäherung an historische Gegebenheiten zu schwinden. Auch das ist in der Renate nachzulesen. Der Besuch lohnt sich!

Die Bibliothek im Internet unterwww.renatecomics.de