Eingang U-Bahnhof Mohrenstraße in Berlin-Mitte.
Foto: imago images/Dirk Sattler

Berlin-MitteViel Meinung, wenig Wissen. So geht das, seit in Berlin die Debatte über die koloniale Vergangenheit in Gang kam. Das ist spät geschehen, und nun läuft sie auch noch in beschämender Weise. Unkenntnis Afrikas und der eigenen Stadt durchziehen sie. Woran liegt das? Ist es zu viel verlangt von Lokalpolitikern, dass sie sich etwas kundig machen? Im günstigeren Fall resultiert das Unwissen aus Desinteresse, im schlimmeren aus Erkenntnisverweigerung – etwa, weil Fakten die politische Linie stören. Auch Ignoranz trägt koloniale Züge, wenn man zum Beispiel das Bild vom dunklen Kontinent als ewigem Opfer pflegt. So fällt die Geschichte des Sklavenhandels, die mittlerweile auch von afrikanischen Forschern ergründet wird, vielschichtig aus: Am Anfang waren Sklaven weiß, sehr oft Slawen, Slaves. Daher der Begriff. Dann dominierten Araber und Afrikaner den Sklavenhandel, bis ihn Europäer zum Massengeschäft machten.

Wie groß die Ignoranz hinsichtlich der eigenen Stadt ist, haben uns gerade BVG und Politikgrößen wieder einmal als Posse vorgeführt. Erst die BVG: Mit der Überschrift „Großer Bahnhof für Glinka“ gab sie am 3. Juli die Umbenennung des U-Bahnhofs Mohrenstraße in Glinkastraße bekannt. Antje Kapek, grüne Fraktionsvorsitzende, freute sich: „Dieser Name ist unerträglich und rassistisch.“ Sie meinte nicht die Glinkastraße. Auch Franziska Giffey, Sozialdemokratin mit Bürgermeisterambition, wusste weder  vom Antisemitismus des russischen Komponisten Glinka, noch bedachte sie den Ursprung des Namens Mohrenstraße, als sie mitteilte: „Ein großartiges Zeichen der BVG gegen Rassismus, Hass und Hetze.“

Nachdem die Berliner Zeitung am 6. Juli an Michail Glinkas (1804–1857) Judenfeindlichkeit erinnert hatte, die Jüdische Allgemeine kurz darauf ergänzte und mehrere Zeitungen nachzogen, vollführte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop eine Vollbremsung. Wie ihre Kolleginnen hatte auch die Grüne zack-zack die Umbenennung als „klares Zeichen gegen Diskriminierung“ und „genau richtig“ begrüßt. Am 7. Juli fand sie zu der Auffassung: „Schnellschüsse sind in solchen Angelegenheiten wirklich nicht angebracht.“ Also kein U-Bahnhof Glinkastraße. Selbst ein kleiner Erkenntniszuwachs wirkt Wunder. Und da spielte die Sache mit der Mohrenstraße gar keine Rolle. Dazu nur eines: Nirgendwo bürgert sich ein Straßenname ein und hält sich 300 Jahre lang, um die darin Bezeichneten zu schmähen.

Doch in der Umbenennungsdebatte geht es nicht um Reales, sondern um Empfundenes. Real rassistisch bedrängte schwarze Menschen haben mit der Mohrenstraße ein Symbol gefunden, an dem man sich abarbeiten kann, weil die reale Plage Alltagsrassismus so schwer zu bekämpfen ist. Die seit Jahren von linken Parteien betriebene Identitätspolitik lebt von solchen Symbolkämpfen. Die Bedürfnisse jeweils einer spezifischen Gruppe werden betont, um ihre Position zu verbessern. Wer bestimmte Kriterien erfüllt – ethnische, kulturelle, sexuelle – der gehört dazu, die anderen nicht. So treibt man die Gesellschaft auseinander. Im Fall der Black Community kann man sehen, wie unheilvoll das funktioniert.

Dabei gibt es reale Probleme zuhauf – bei der Wohnungs- und der Jobsuche, in der Karriere. Schaut man sich unter #WasIhrnichtseht an, worüber junge Leute mit dunkler Haut klagen, stellt man fest: Es ist die ganze Breite des Alltags. Mobbing auf dem Schulhof, beim Abiball, im Musikunterricht, bei der Verkehrskontrolle. Dämliche Bemerkungen aller Art und Härtegrade. Das wird nicht enden, doch stetiger Kampf um Recht und Anstand kann es mildern.

Decolonize! soll die Aufgabe in Berlin heißen. Das verweist auf die gleichnamige Bewegung in den USA. Ich bevorzuge: „Entkolonialisiert Euch!“ und zwar so, wie es der mosambikanische Schriftsteller Mia Couto meint, wenn er fragt: „Fällt euch in Europa nicht auf, dass die Schiffe voller afrikanischer Rohstoffe die gleiche Richtung nehmen wie die Flüchtlingsboote?“ Kolonialismus ist nicht von gestern, er ist praktizierte Realität und läuft genauso ab wie immer, im Pakt der Eliten aller Hautfarben.

Die Gegner der Mohrenstraße schlagen als Alternative Anton Wilhelm Amo (1703–nach 1757) vor. Der erste bekannte Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland liefert aber einen schönen Ehrenbeweis für die Mohrenstraße. Eines seiner Hauptwerke trug den Titel „Von der Rechtsstellung der Mohren in Europa“.