Einmal in der Woche, meistens mittwochs, bekommt Anna K. vom Postboten gleich einen ganzen Stapel Briefe und Zeitschriften geliefert. Dafür kommt dann lange wieder gar nichts. In dem Stapel liegt auch Der Spiegel.

Das Nachrichtenmagazin wird regulär sonnabends an die Abonnenten geliefert. Doch Anna K. bekommt das Heft erst am Mittwoch, also drei Tage später. Der Briefträger hat sich bei Anna K. entschuldigt. Die Post habe zu wenig Personal, erklärte er. Viele Kollegen seien krank.

Zwölf Prozent Krankenstand

Wie Anna K. geht es derzeit vielen Berlinern und Bewohnern im Umland. Ihre Briefkästen bleiben tagelang leer. Kunden beschweren sich bei der Post, doch nichts ändert sich. „Die derzeitige Situation ist eine Katastrophe“, sagt Thomas Cosmar, Berliner Bezirksvorsitzender der Post bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Bis zu zwölf Prozent der knapp 3000 Briefzusteller in der Region seien derzeit krank, sagt er. Üblich seien fünf Prozent. In vielen Zustellbezirken könne die Post nur jeden zweiten Tag ausgeliefert werden, sagt er. Betroffene berichten von größeren Lücken.

In der Bundesnetzagentur, auch zuständig für die Einhaltung der Qualitätsmerkmale für die Briefbeförderung in Deutschland, beschweren sich derzeit vor allem Berliner. So sollen etwa Bewohner der Württembergallee in Charlottenburg-Wilmersdorf tagelang keine Post bekommen haben, ebenso in Reinickendorf.

„Aus keiner anderen Stadt in Deutschland bekommen wir wegen der Briefzustellung zur Zeit so massive Beschwerden wie aus Berlin“, sagt Olaf Peter Eul, Sprecher der Bundesnetzagentur, der Berliner Zeitung.

Keine gesetzliche Möglichkeit für Bußgelder

In diesem Jahr meldeten sich bisher knapp 400 Postkunden aus Berlin, mehr als die Hälfte wegen der Briefbeförderung. Im gesamten Jahr 2016 gingen 421 Beschwerden aus Berlin ein.

Die Bundesnetzagentur hat sich jetzt zum Handeln entschlossen. Wegen der vielen Beschwerden hat sie die Deutsche Post am Mittwoch schriftlich aufgefordert, die „werktägliche Zustellung in Berlin sicherzustellen“, sagt Eul.

Mehr kann die Behörde dann aber auch nicht tun. „Wir haben keine gesetzlichen Möglichkeiten für Bußgelder. Wir können nur auf die Abstellung von Mängeln drängen“, sagt Eul. In der Post-Universaldienstleistungsverordnung ist festgelegt, dass die Post Briefe „mindestens einmal werktäglich“ zustellen muss.

Überlange Zustellzeiten melden

Im Jahresdurchschnitt müssen Briefe zu mindestens 80 Prozent am ersten Werktag nach dem Einwurf zugestellt sein, zwei Werktage später sollen mindestens 95 Prozent in den Briefkästen liegen.

Briefboten berichten von einem Trick, wonach in einem Zustellbezirk der Stadt die Post nur in drei Straßen ausgeteilt wird, in den anderen aber nicht. Offiziell gilt dort die Post an diesem Tag als zugestellt.

Der Spandauer CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner bittet die Bewohner der Ortsteile von Gatow und Kladow jetzt, ihm „überlange Zustellzeiten“ zu melden. Die Post habe ihm trotz zahlreicher Beschwerden versichert, alle Sendungen seien „taggleich und rückstandsfrei“ zugestellt worden. Das glaubt Wegner aber nicht.

Bis zu 2600 zu beliefernde Haushalte pro Schicht

Die Verbraucherzentrale Berlin macht Betroffenen wenig Hoffnung auf eine erfolgreiche Klage. „Verbraucher haben keinen Anspruch auf Schadenersatz, wenn ein wichtiger Brief aus ihrer Sicht zu spät ankommt“, sagt Sprecherin Dorothea Kesberger.

Für den hohen Krankenstand bei den Briefboten gibt es aus Sicht der Gewerkschaft mehrere Gründe. „Viele Kollegen sind körperlich und psychisch am Ende“, sagt Gewerkschafter Cosmar. Zwar würden heutzutage weniger Briefe verschickt, dafür nehme die Werbepost zu. Und die sei oft schwerer als ein Brief.

Pro Schicht muss ein Briefträger zwischen 1700 und 2600 Haushalte beliefern. Das ist oft nicht zu schaffen. Und so kehren die Kollegen selbst nach einem freien Tag frustriert in ihren Zustellstützpunkt zurück. „Denn die Arbeit ist nicht geringer geworden“, sagt Cosmar. Das sei frustrierend und demotivierend.

Tarifvertraglich geregelte Bezahlung

Neue Mitarbeiter zu finden, ist nicht einfach. „Es wird für die Post immer schwieriger, Aushilfen zu finden“, sagt Benita Unger, Verdi-Fachbereichsleiterin Postdienste. Sie fordert von der Post eine „vorausschauendere Personalplanung“.

Die Bezahlung ist zwar tarifvertraglich geregelt. Im ersten Berufsjahr verdienen Postboten etwa 2000 Euro brutto, später bis zu 2650 Euro. Doch die Post stellt oft nur befristete Verträge aus. „Da nehmen Arbeitssuchende lieber einen anderen Job“, sagt sie.

Die Deutsche Post teilt mit, es könne in einigen Bezirken „noch punktuell zu Verzögerungen in der Zustellung kommen“. Es habe neben „krankheitsbedingten Ausfällen“ insbesondere „sturmbedingte Schwierigkeiten“ gegeben.