Die neuen Rendite-Ziele ließen die Manager der deutschen Stage zusammenzucken

Die neuen Rendite-Ziele ließen die Manager der deutschen Stage zusammenzucken: 16 Prozent! Eine irre Zahl, wenn nicht gerade ein Ausnahmestück wie „König der Löwen“ zur Verfügung steht. Zum Vergleich – die berechenbare Schiffsbranche von Tui, auch aktiv im Unterhaltungssektor und zu hundert Prozent ausgelastet, peilt elf Prozent Rendite an. Von den neuen Stage-Eignern sind derweil solche Sätze übermittelt: „Ob eine Firma Autoteile verkauft oder Musicals, ist egal. Die Produkte folgen denselben Regeln.“ Aber was verstehen Finanzinvestoren von der heiklen Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz, die jedes Musical bestehen muss? Von der Unwägbarkeit jedes künstlerischen Erfolgs überhaupt? Nichts. Davon wollen sie gar nichts verstehen.

Dafür von Zahlen. Die wiederum erschließen sich keinem Theatermenschen. Dass die Stage lieber Abfindungen zahlt und dazu jährlich drei Millionen Euro Miete für das leere Haus, als ein neues Stück mit übersichtlichem Gewinn auf den Weg zu bringen, will den Mitarbeitern am Potsdamer Platz nicht einleuchten. Angeblich hat ja die Stage über 70 Stücke im Portfolio, setzt aber keins ein. 99 Angestellte und 44 Künstler werden also am Sonntag zum letzten Mal hier zur Arbeit gehen. Marlis Noeske, seit 17 Jahren an der Kartenkasse, schießen immer noch kurz die Tränen in die Augen, wenn sie sich an die Belegschaftsversammlung erinnert: „Die Verkündung war am 19. Januar und ist heute noch schlimm für mich. Eine Schließung konnte sich doch keiner von uns vorstellen. Es herrschte Totenstille im Saal, bis auf ein paar Schluchzer. Wir wollten das nicht glauben, doch nicht dieses neue Haus! Wir hatten gute Zeiten hier.“

Die 63-Jährige erlebt die Folgen der Kündigung weniger dramatisch als Jüngere, die auch auf Arbeit bis zur Rente gehofft hatten. Die künstlerische Leiterin Elisabeth Engstler, 50, wagt sich jetzt als selbstständige Regisseurin auf den Markt. Sie scheut kein Risiko, erinnert sich aber an das gute Gefühl von Sicherheit, das der feste Vertrag gab. Damit ist nun Schluss für alle. Immerhin handelten der Betriebsrat und die Gewerkschaft Verdi einen anständigen Sozialplan aus für die festen Mitarbeiter.

Die Künstler leben ohnehin nur mit Jahresverträgen. Von ihnen ziehen einige weiter nach Hamburg, wo das Musical zur Freude von Udo Lindenberg ab November läuft, allerdings zu saftigen Ticketpreisen: 50 bis 162 Euro (statt 40 bis maximal 140 Euro wie in Berlin). Wenn das mal Rendite bringt.

Warum interessieren sich Finanzinvestoren ausgerechnet für eine Theaterfirma? Üblicherweise erscheinen sie zum Kaufen, Ausdünnen, Weiterverkaufen, aber bei Theatern? Schließlich ist der alte Eigentümer Joop van den Ende selbst ein am Broadway gestählter Unternehmer mit Sinn für Gewinne. Dazu ein echtes Theatertier. Bei ihm musste vor allem das Gesamtergebnis stimmen, die Erfolge der Theater durften schwanken. Er liebt die Bühne, am besten bunt und schillernd. Manchmal reiste er kurz vor der Premiere an und fragte, warum das Stück keine Showtreppe hat oder so dunkel aussieht. Die Macher stöhnten. Nach so einem Auftritt verließ schließlich der langjährige deutsche Geschäftsführer Maik Klokow die Firma, die er acht Jahre unerhört erfolgreich aufgebaut hatte. Vorher erfüllte er noch die Wünsche des Chefs. Der zahlte schließlich. Der Rest der Belegschaft liebte ihn: „Für uns war er wie Gott“, sagt Marlis Noeske von der Theaterkasse.

Man kann nun auf knirschende Extrawünsche verzichten und sicher ein paar Sachkosten einsparen. Aber die entscheiden ja nicht über die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens, das 2013/14 vor Gesundheit nur so strotzte: 299 Millionen Euro Umsatz in Deutschland, im Folgejahr 302 Millionen. Zu den Gewinnen schweigt das Unternehmen, sie liegen im zweistelligen Millionenbereich. Die Verluste von 19 Millionen Euro, die es stattdessen jüngst herausgab, betreffen das Gesamtunternehmen mit Ablegern in acht Staaten. Aber die Gewinnbringer in Deutschland müssen ein Haus schließen.

Erprobte Importe, teure Lizenzen

Was machen die Neuen denn nun anders? Womöglich besser? Und wie wollen sie die Besucherzahlen insgesamt auf 20 Millionen verdoppeln, was sie plump behaupteten? Ursula Neuss, seit 2013 Geschäftsführerin der deutschen Stage, nimmt sich zehn Tage, um mitzuteilen, dass sie jetzt keine Zeit hat für Fragen. Von ihr hätte man auch gern gewusst, warum sie 2015 den Mietvertrag am Potsdamer Platz um sieben Jahre verlängerte, ohne einen Nachfolger für das damals schon abgespielte Stück parat zu haben.

Denn natürlich bleibt Berlin ein schwieriges Pflaster für Musicals – einfach zu viel Konkurrenz hier. Mit der Blue Man Group und „Hinterm Horizont“ gelangen zwei Coups, aber wer weiß das schon vorher? Noch auf der Premiere von „Hinterm Horizont“ wetteten zwei wirkliche Branchenkenner – der eine setzte auf Top, der andere auf Flop. Das „Lindical“ übertraf alle Erwartungen. Das nächste Wagnis ging teuer unter: Das Pferde-Stück „Gefährten“ („War Horse“) läuft in London seit neun Jahren ohne Pause. Aber am Theater des Westens, ebenfalls in Stage-Besitz, blieb das Publikum ganz schnell weg.

Theater lebt von seiner Unberechenbarkeit, auch das kommerzielle. Das betrifft vor allem neue, eigene Stücke. Drei seien in Planung, sagt der Unternehmenssprecher Stephan Jaekel. Aber ob die je auf die Bühne kommen, derweil der Stücke-Entwickler Michael Hildebrandt aus dem Management schon das Weite gesucht hat, muss man bezweifeln. Offenbar sind jetzt saubere Vermarktungspläne gefragt für Stücke ohne Risiko. Theater ohne Mut und Ideen? Schwierig. Die Stage wird versuchen, sich an erprobte Importe mit teuren Lizenzen zu halten. Am West End und Broadway, wo die allermeisten Stücke vor der Premiere untergehen, brechen gerade „Harry Potter“ und „Hamilton“ alle Rekorde. Stephan Jaekel bestätigt, die Stage sei an beiden Stücken dran und „über die Maßen interessiert“. Dies sei auch ein Indiz dafür, dass das Unternehmen als Ganzes nicht zügig zerschlagen werde. Denn stolze Lizenzgeber aus London und New York wünschten natürlich einen internationalen Abnehmer.

Dem Theater am Potsdamer Platz nutzt das alles nichts, das sieht keinen „Harry Potter“. Nach einem Jahr, wenn sich kein Angestellter mehr einklagen kann, wird jemand eine neue Idee für die Bühne entwickeln. Vielleicht interessiert sich der Cirque du Soleil dafür. Es muss kein Drama sein, wenn ein Marktführer nicht ewig das Geschäft dominiert. Nur muss sich an den Umständen ausgerechnet eine Heuschrecke laben?

Auf dem Weg ins Theater durch die fast leeren Arkaden, denen die Mall am Leipziger Platz offensichtlich ungerührt Kunden abzieht, vorbei an dem meistens geschlossenen Club Adagio im Keller und der nicht eben überfüllten Spielbank, drängt sich eine Ahnung auf, wie dringend die Gegend einen neuen Anlauf braucht. „Neupositionierung“ nennen sie das beim Finanzinvestor Brookfield, der das Areal gerade kaufte. Na dann!

Wenn am Sonntag die letzte Vorstellung läuft, wenn Serkan Kaya als Udo Lindenberg auf der Bühne sein Mädchen aus Ost-Berlin (Josephin Busch) in den Arm nimmt, bleibt nicht viel Zeit für Rückschauen. Hinten verladen sie dann schon die Kulissen nach Hamburg. Die Bühnenbilder müssen verkleinert, erweitert, erneuert werden. Es eilt. Das Operettenhaus dort darf keinen Tag länger als nötig dunkel bleiben, zu teuer! Nur das Theater am Potsdamer Platz, das muss.