An warmen Sommertagen trinkt Julia Paaß ihren Kaffee auf der Terrasse. Sie kann von dort aus sehen, dass im Garten die Tomaten rot geworden sind und die Obstbäume Früchte tragen. Sie schaut in den Himmel statt auf ihr Handy, sieht Störche und Milane. Im Dorf bellen Hunde. Sonst ist es still. „Das ist Luxus“, sagt die 39-jährige Grafikdesignerin.

Vor fünf Jahren ist Julia Paaß mit ihrem Mann von Berlin nach Brandenburg gezogen. Sie hatte keine andere Wahl, denn in Neukölln hat sie keine größere und bezahlbare Wohnung mehr gefunden. Für sich, ihren Mann und das Kind, das beide planten. In einem Dorf namens Prädikow in Märkisch-Oderland, zwölf Kilometer von Strausberg entfernt, mietete Julia Paaß eine Wohnung in einem leerstehendes Landarbeiterschulheim. 256 Menschen leben im Dorf. Es könnten bald mehr sein.

„Wir haben so unvorstellbar viel Platz“

Schon heute wohnen in dem früheren Schulheim fünf Familien mit ihren zwölf Kindern. Auch sie haben Berlin verlassen, müssen nur noch an wenigen Tagen zurück, wegen der Arbeit. Ihre Kinder gehen in die Kita und die Schule im Nachbardorf oder in eine Freie Schule in Strausberg.

Der Garten am Haus ist riesig, es gibt dort eine Streuobstwiese. Ein Paradies für Kinder. „Wir haben so unvorstellbar viel Platz“, sagt Julia Paaß. Ihr Sohn ist vier Jahre alt. „Es ist heute unvorstellbar für mich, mit einem Kind in der Stadt zu wohnen.“

Landleben und Digitales

Im Dorf hat sie Großes vor. Mit Gleichgesinnten aus Berlin will Julia Paaß den Gutshof von Prädikow zu einem „Leuchtturmprojekt“ entwickeln. Das entspannte Landleben wollen die neuen Bewohner mit den Möglichkeiten der modernen, digitalen Arbeit koppeln. Vom Rechner zum Rettich. Auf dem Gutshof soll es einen Hofladen geben, Gewerbe, Werkstätten, Büro- und Seminarräume, eine Kita und eine Hofschule, eine Dorfscheune und betreutes Wohnen. Eine Mitfahr-App wird zurzeit programmiert, Pampa heißt sie. Autos teilen sich die Bewohner mit ihren Nachbarn. Etwa hundert Menschen könnten bald auf Gut Prädikow leben und arbeiten. „Das ist die Zukunft des Landlebens“, sagt Julia Paaß.

Vorerst 45 Erwachsene und 25 Kinder werden in den nächsten Jahren auf den Gutshof ziehen. Die neuen Bewohner arbeiten in der Kreativwirtschaft und im Management; Künstler, Designer und Programmierer gehören dazu. Sie brauchen keine festen Büros in der Stadt, nur ein stabiles Internet. „Wir wollen sesshaft werden im Dorf“, sagt Julia Paaß. Die Neuen aus Berlin wollen keine Pendler sein und nicht nur schöne Wochenenden auf dem Land verbringen. Sie wollen als Gemeinschaft leben, nicht als Kommune.

Sofort viele Ideen

Gutshof Prädikow gehört mit neun Hektar Land zu den größten Vierseitenhöfen in Brandenburg. Bis zur Wende gab es auf dem Volkseigenen Gut eine Bäckerei, eine Brennerei, ein Sägewerk, eine Schmiede, Tierställe, Scheunen und Wohnhäuser wie etwa das Schweizer Haus, in dem die Melker wohnten. Über hundert Leute aus Prädikow haben einst auf dem Gutshof gearbeitet. Doch dem Ende der DDR folgte das Ende des Gutshofes. 2003 kaufte ein Unternehmer aus Süddeutschland das Grundstück, er wollte ein Jugendfreizeitheim errichten, doch ihm fehlte das Geld. Der Gutshof blieb leer.

Julia Paaß und ihre Berliner Nachbarn entdeckten das Gut, als sie nach Prädikow gezogen waren. Sie hatten gleich viele Ideen. Nach langen Verhandlungen mit den Eigentümer kaufte die Stiftung Trias den Komplex. Die Stiftung fördert ökologische Projekte und gemeinschaftliches Wohnen und entzieht den Boden langfristig der Spekulation.

Berlin lässt keine Möglichkeit

In Prädikow hat das geklappt. Seit Dezember 2016 gehört der Gutshof der Stiftung. Sanieren und umbauen wird ihn aber die Berliner Genossenschaft Selbstbau, die den Bewohnern von über 20 Berliner Wohnprojekten bezahlbares und selbstbestimmtes Wohnen ermöglicht. Längst konzentriert sich die Genossenschaft auf Bauprojekte in Brandenburg. „Berlin wird immer teurer und die letzten Freiräume werden mehr und mehr zubetoniert“, sagt Peter Weber vom Vorstand. Berlin werde „trotz allem Größenwahn“ kein Wohnungsproblem auf dem Stadtgebiet lösen, deshalb werde das Umland immer wichtiger. „Aber nicht als Schlafstätte mit autofahrenden Pendlern, sondern als Wohn- und Arbeitsstätte.“

Und so plant die Genossenschaft ein weiteres Wohnprojekt in Brandenburg. In Wandlitz (Barnim) hat sie ein zentral gelegenes Kirchengrundstück gepachtet, um dort neue und altengerechte Wohnungen zu bauen. In Berlin sieht die Genossenschaft für solche Vorhaben keine Möglichkeiten mehr. „Es ist schon bedauerlich, dass wir gerade in Berlin zwei Regierungsparteien haben, deren Mitglieder sich mit Genosse ansprechen, sich aber mit der Unterstützung von Genossenschaften weiterhin schwertun“, sagt Peter Weber.

Hoffen auf Fördermittel

Auf Gut Prädikow entstehen bis zu 50 Wohnungen. Pro Quadratmeter zahlen die Bewohner 500 Euro als Genossenschaftsanteil. Nächstes Frühjahr beginnen die Bauarbeiten. Die Genossenschaft hofft auf Fördermittel von Bund, Land und Stiftungen.

Die neue Dorfgemeinschaft muss schon jetzt viel besprechen. Meist geschieht das über eine digitale Kommunikationsplattform. Dort sind Arbeitsgruppen eingerichtet, etwa für Architektur, Gewerbe und den Pferdestall. „Vieles können wir online klären“, sagt Julia Paaß. Es ist eine Art digitales Plenum. Dokumente stehen in einem Netzwerk für alle. Bei den Treffen werden dann nur noch die wichtigsten Dinge besprochen.

Zu den Projekten gehört auch ein Dorffest mit den Alteingessenen, das alle planen, so wie im vergangenen Jahr. Das finden die Bewohner wichtig. „Wir sind keine geschlossene Gesellschaft“, sagt Julia Paaß. Der Gutshof soll wieder zum Mittelpunkt des Dorfes werden, die kleine Scheune zum Treffpunkt für alle. Ohne dass die Berliner das Geschehen bestimmen. „Wir haben hier keine Kulturhoheit“, sagt Julia Paaß.

Berlin fehlt ihr heute nicht mehr. „Ich liebe die Luft und die Weite“, sagt sie. „Und ich muss hier nicht ständig Geld ausgeben und was Besonderes darstellen.“