Präventionsprojekt Babylotsen Neukölln: Schutz vor Misshandlung noch vor der Geburt

Berlin - Rund 50 Millionen Euro gibt allein der Bezirk Neukölln jährlich für Familienhilfe aus. Das Geld wird unter anderem dafür gebraucht, um Kinder aus gewalttätigen Elternhäusern an sicheren Orten unterzubringen. Dem gegenüber steht der vergleichsweise geringfügige Betrag von 53.000 Euro. Mit diesen Bundesmitteln wird seit Februar das Präventionsprojekt Babylotse Plus am Vivantes-Klinikum Neukölln finanziert.

„Wir wollen Familien frühzeitig helfen, um potenzielle Kindesmisshandlung zu verhindern“, sagte am Freitag der Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU). In Neukölln gebe es pro Jahr mehr als 500 Fälle von Kindesmisshandlung. Die Aufgabe der Babylotsen besteht darin, Frauen bei der Schwangerenberatung oder auf der Entbindungsstation anzusprechen und ihnen bei Bedarf Unterstützung etwa durch eine Familienhelferin zu vermitteln. Dabei geht es nicht nur darum, eine mögliche Gewalttat zu verhindern. Den Eltern soll auch ein Bewusstsein für gesunde Ernährung oder Hygiene vermittelt werden. Jedes sechste Kind in Neukölln ist übergewichtig, jedes fünfte hat schlechte Zähne.

Überforderte Eltern entlasten

Zwar gibt es auch Familienhebammen, die sich ein Jahr lang um Problemfamilien kümmern sowie den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, deren Mitarbeiter alle jungen Eltern besuchen. Sie sollen ebenfalls auf mögliche Risikofaktoren achten. Die Babylotsen seien jedoch keineswegs überflüssig, sagte Rainer Rossi, Chefarzt der Kinderklinik. „Sie sehen die Familien als erste“, sagt er. Und könnten noch im Krankenhaus Hilfe organisieren.

Risikofaktoren, die auf einen mögliche Misshandlung hinweisen, seien Überlastung oder Überforderung der Eltern, sagte die Ärztin Christine Klapp von der Charité, wo es bereits seit zweieinhalb Jahren Babylotsen gibt. Die Projektleiterin hat gute Erfahrung damit gemacht. „Die Frauen sind während der Schwangerschaft sehr aufgeschlossen und haben eine hohe Bereitschaft, sich helfen zu lassen“, sagte sie. Fast die Hälfte der angesprochenen Mütter hätten Unterstützung benötigt, die meisten von ihnen hätten das Angebot angenommen.

Michael Tsokos, Chef der Rechtsmedizin der Charité sowie seit rund einem Jahr Leiter der Gewaltschutzambulanz kritisiert, dass viel zu wenig für Prävention getan wird. „Bundesweit werden jährlich 4000 Kinder misshandelt und etwa 160 getötet“, sagte er. „Die Zahlen bleiben gleich.“ Er berichtet von einem Baby, das mit dem Kopf vor die Wand geschlagen wurde. Dabei wurde das Hirn so massiv geschädigt, dass es nun blind ist. „Viele Misshandlungsopfer leiden unter Spätfolgen. Sie sind taub oder werden nie lernen, zu sitzen.“