Zollbrücke - Wie auf den gelben Ortsschildern üblich, ist auch am Ende von Zäckericker Loose der Name des Dorfes rot durchgestrichen. Doch anders als sonst steht dort nicht der Name des nächsten Dorfes. Diese Stelle ist auf dem Schild leer, so als käme nichts mehr. Doch dort hinten sind noch ein paar Häuser. Nach etwa 500 Metern biegt die Straße scharf nach links – und ein Schild verkündet: Sackgasse. Fast an deren Ende steht ein ungewöhnliches Haus: ein Rundbau mit einem kleinen Turm, der aussieht wie der Hut eines Zauberers. Das Haus in dem winzigen Oderbruch-Ort Zollbrücke würde gut in die Welt der Trilogie „Der Herr der Ringe“ passen. Gebaut wurde mit viel Holz und Lehm, alles ist wunderbar schief oder gebogen – rechte Winkel gibt es nicht. Und auf den Dächern wachsen Pflanzen.

Das Ganze ist ein Theater. Bundesweit gibt es wohl kein anderes, das so nahe an einer Staatsgrenze steht: Hier sind es 200 Meter bis zur Oder, dem Grenzfluss zu Polen. Wegen der Lage hat diese Kulturstätte genau den richtigen Namen: Theater am Rand. Und da es ein freies Theater ist, das keine regelmäßige feste Förderung bekommt, steht es durch die coronabedingten langen Schließzeiten auch finanziell am Rand. Wie so viele Theater.

Ganz schnell wird der Saal zur Freilichtbühne

Da das Theater ein bauliches Unikum ist, konnte hier bereits zu Pfingsten der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Denn hinter der Bühne ist ein schwerer Vorhang aus Kunststoff. Der ist tatsächlich die Außenhaut dieses Theaters: Zwei Mitarbeiter ziehen ihn schnell beiseite und schon ist das soeben noch geschlossene Theater nach drei Seiten offen und damit eine Freilichtbühne.

„Der Vorteil am Open-Air ist, dass wir mehr Besucher empfangen können“, sagt die Geschäftsführerin Almut Undisz. In den Saal passen eigentlich 200 Leute, nun wären nur 65 erlaubt, unter freiem Himmel sind es immerhin 100.

Volkmar Otto
Theater-Mitbegründer Tobias Morgenstern entwirft die ungewöhnlichen Gebäude selbst.

Almut Undisz zeigt Bilder von der ersten Aufführung. Thomas Rühmann singt und spielte auf der Gitarre seine „Lebenslieder“. Der Schauspieler ist ein Mitbegründer des Theaters, er verdient sein Geld vor allem mit seiner Hauptrolle in der Arztserie „In aller Freundschaft“. Das Foto zeigt ihn auf der Bühne, ganz hinten, am Horizont, glüht die Abendsonne, und vorn sitzen unter freiem Himmel die Besucher mit aufgespanntem Schirmen und lauschen trotz des Regens seiner Darbietung. „Die Bedingungen waren nicht ganz ideal, aber niemand ist gegangen. Alle waren glücklich“, erzählt Undisz.

Eine Legende stimmt gar nicht

Begeisterung ist immer herauszuhören, wenn Menschen von ihrer kleinen Kulturreise an den östlichen Rand des Landes erzählen. Das Haus ist auf viele Besucher angewiesen. Als freies Theater bekommt es von der öffentlichen Hand keine regelmäßige Förderung. „Das wäre wirklich sehr hilfreich“, sagt Almut Undisz. „Aber in Brandenburg gibt es eine solche Grundförderung einfach nicht für freie Häuser.“ Immerhin hat das Theater immer wieder Fördergeld vom Kulturministerium für einzelne Stücke erhalten, die dann opulenter inszeniert werden konnten – mit mehr Schauspielern, einem aufwendigeren Bühnenbild und längeren Proben. „Und dieses Jahr bekamen wir eine Förderung vom Bund, sodass wir überleben können“, sagt die Geschäftsführerin.

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Die Geschäftsführerin des Theaters: Almut Undisz.

Vor Corona lief es immer ziemlich gut: Das kleine Privattheater hat einen festen Kreis von Fans, die immer mal wieder vorbeikommen. Das Haus wird normalerweise von März bis Ende Dezember an den Wochenenden bespielt, früher mit 200 Vorstellungen und etwa 22.000 Besuchern im Jahr. Doch das kleine engagierte Haus ist ein klein wenig auch Opfer seines Erfolgs. Die meisten Leute, die dorthin reisen, schwärmen nämlich und erzählen, wie voll es war. Was nicht so ganz stimmt, voll ist es nur an den schönen Sommerwochenenden. „Viele Leute kommen erst gar nicht zu uns, weil sich noch immer die Legende hält, dass wir immer ausverkauft sind“, sagt Almut Undisz. „Vor Corona schafften wir es, im Schnitt 117 von 200 Plätzen zu besetzen. Das ist für unsere Randlage fantastisch, aber eben nicht ausverkauft.“

Das Haus ist nicht nur baulich ein Unikum, auch die Entstehungsgeschichte ist eine besondere. Anfangs spielten Thomas Rühmann und der Akkordeonspieler Tobias Morgenstern ihre Stücke und Lieder hier in Morgensterns Wochenendhaus für Freunde. Die brachten dann immer mehr Freunde mit, sodass die beiden irgendwann ein richtiges Theater aufgebaut haben.

Nun geht Jens-Uwe Bogadtke auf die kleine Bühne und streckt seine Arme leicht nach vorn. Mit halblauter, aber sehr klarer Stimme sagt der Schauspieler: „Gott versah uns mit zwei Händen, dass wir doppelt Gutes spenden.“ Es folgt eine kurze Pause, dann geht es in schneidendem Ton weiter: „Nicht, um doppelt zuzugreifen. Und die Beute aufzuhäufen. In den großen Eisentruhn, wie gewisse Leute tun.“

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Der Grenzstein mit der Nummer 615 ist nur 200 Meter vom Theater entfernt.

Der 63-jährige Bogadtke probt ein Gedicht, das er am Sonntag im Rahmen seines Heinrich-Heine-Programms vortragen wird. Wenn er seiner Arbeit nachgeht, ist sofort zu spüren, dass es nicht nur Arbeit ist, sondern Leidenschaft. Wie er die Stimme einsetzt und die Gesten. Ihm ist die Spielfreude anzumerken.

Sechs Monate Bühnenabstinenz hat er hinter sich. „Im Januar 2020 hatte ich einen solch vollen Auftrittskalender, dass ich dachte: Wie soll ich das nur schaffen“, sagt er. „Es wäre mein bestes Jahr gewesen, dann kam Corona.“ Er beantragte die Soforthilfe vom Berliner Senat. „Vor allem habe ich das Glück, dass meine Frau einen guten Job hat. So kamen wir mit einigen Einschränkungen finanziell über die Runden. Aber die Seele hat gelitten.“

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Zum Komplex gehört auch die „Randwirtschaft“, ein Restaurant, betrieben vom Öko-Dorf Brodowin.

Als Pfingsten hier dann endlich sein erster Auftritt anstand, fuhr er am Abend vorher zu der Aufführung seiner Kollegen. „Ich hatte tatsächlich eine Art kleinen Zusammenbruch. Ich sah die anderen auf der Bühne und erst da habe ich gemerkt, wie sehr es mir gefehlt hat.“ Fast wäre er aufs Feld gelaufen, um zu heulen. „Ich habe wieder gespürt, wie viel Lebensfreude mir das alles gibt. Ein solcher Auftritt – und schon hüpft das Herz. Es hüpft auch heute noch, also ein paar Tage später. Es ist so wunderbar. Und das Publikum spürt das ganz genau.“

Termine der nächsten Aufführungen unter theateramrand.de