Berlin - Die Premiere zu Wochenbeginn war so ganz untypisch für die sonst brüllend laute Berliner Start-up-Szene. Zwar unübersehbar, doch unspektakulär empfahlen sich vor Bio-Company-Filialen in Prenzlauer Berg blaue Lastenräder dem autolosen Kiezbewohner für den Transport von Getränken, Blumenerde oder Grillkohle. Die Elektro-Cargo-Bikes ließen sich einfach per App mieten, wofür der Biomarkt sogar noch Rabatt auf die Leihgebühr versprach. Bilanz der stillen Party: viele neugierige Blicke und am Ende des Tages tatsächlich auch ein paar Fahrten. Matti Schurr ist jedenfalls zufrieden. „Wir fangen ja erst an“, sagt er.

Der 28-Jährige ist Chef und Mitgründer des Berliner Start-ups Avocargo. Es ist das erste stationsfreie Sharing-Unternehmen für Lastenräder in Deutschland und das zweite europaweit. Die dreirädrigen Kleintransporter mit Elektromotor lassen sich somit ebenso leicht per App mieten wie E-Scooter, Elektromopeds oder Autos. Dass vor ihnen noch niemand auf die Idee kam, Cargo-Bikes für die spontane Kurzzeit-Nutzung zur Verfügung zu stellen, verwundert auch Matti Schurr. Denn diese seien nach seiner Ansicht nahezu ideal für das Sharing-Geschäft. Sie seien teuer, würden meist nicht täglich benötigt und seien in einer Stadtwohnung nicht so leicht unterzubringen. „Ein Kauf macht da oft keinen Sinn“, sagt der Gründer. Aber die Nachfrage sei da.

Praktikable Alternative zum Automobil

Daraus ein Sharing-Angebot zu entwickeln, war für die drei Gründer naheliegend. Denn damit kennen sie sich aus. Schurr, der einen Master für Automobilmanagement in der Tasche hat, war noch bis März für das zu BMW und Daimler gehörende Carsharing-Unternehmen Share Now tätig. Zwei Jahre hatte er dort gearbeitet. Die beiden Mitgründer kommen vom früheren Berliner Roller-Vermieter Coup sowie aus dem New-Mobility-Bereich der Deutschen Bahn, in dem etwa die Carsharing-Sparte Flinkster zu Hause ist. Gemeinsames Ziel der Gründer: „Eine praktikable Alternative zum Automobil schaffen.“

Das Unternehmen gibt es erst seit einigen Wochen. Im März wurde Avocargo ins Handelsregister eingetragen. Da hatten die Gründer ihre alten Jobs längst gekündigt. Den Start inklusive der ersten Lastenräder haben die drei aus eigener Tasche finanziert. Inzwischen ist ein Start-up-Stipendium dazugekommen, mit dem ein Teil der Gehälter und Büros in einem Co-Working-Space in der Brunnenstraße gezahlt werden können.

Bislang umfasst die Avocargo-Flotte zehn Bikes. Die Dreiräder können ab 2,90 Euro für 20 Minuten gemietet werden. Eine Stunde kostet knapp sieben Euro, ein ganzer Tag 29 Euro. Das Geschäftsgebiet ist vorerst auf den Nordosten der Stadt begrenzt. Man darf überall unterwegs sein, kann sich aber nur im Geschäftsbereich wieder ausloggen. Wird das Lastenrad abgestellt, muss es im Unterschied zu Leih-Scootern mit einer Kette etwa an einem Laternenmast angeschlossen werden. So will Avocargo vermeiden, dass das sperrige Mobil wild geparkt wird. Aber Schurr macht sich da keine großen Sorgen. „Wir haben eine Zielgruppe, die darauf achtet, dass die Fahrzeuge nicht im Wege stehen.“ Schurr denkt eher an den Möbel- und Gartenmarktbesucher statt an Party-Touristen.

In jedem Fall soll die Flotte wachsen. Bis zum Jahresende sei laut Avocargo-CEO Schurr mit einer dreistelligen Zahl zu rechnen. Genauer könne er nicht werden, weil es derzeit große Lieferprobleme gebe. „Wir hätten gern deutlich über 100 in der Stadt“, sagt er dann. Gespräche mit Investoren liefen bereits. Im nächsten Jahr soll der gesamte Bereich innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings abgedeckt sein. Dann geht es über Berlin hinaus in andere deutsche Großstädte mit gut ausgebautem Fahrradverkehrsnetz. Vielleicht ein halbes Dutzend, schätzt Schurr.

Beim Berliner Unternehmen Tier Mobility, das sich selbst als Europas Nummer eins in Sachen Mikromobilität bezeichnet und in der Stadt 5800 E-Scooter sowie 2000 E-Mopeds zum Verleih per App anbietet, begrüßt man das Angebot von Avocargo. „Wir drücken den Kollegen die Daumen“, sagt Firmensprecher Florian Anders und auch, dass man bei Tier Cargo-Bikes für eine interessante Option halte. „Wir haben das Thema im Blick, aber keine konkreten Pläne“, sagt er. Dafür sollen noch in diesem Jahr E-Bikes in Berlin in die Flotte aufgenommen werden.

Dass die Nachfrage nach dem ökologisch korrekten Autoersatz in der Stadt wächst, weiß Corinna Geißler aus eigener Erfahrung. Seit zwölf Jahren betreibt sie in der Skalitzer Straße in Kreuzberg das Geschäft Velogut, in dem Lastenräder gekauft oder geliehen werden können. 20 bis 70 Euro kostet dort ein Pedaltransporter am Tag. „Wir haben ständig knapp 50 Räder auf der Straße“, sagt die Velogut-Chefin. Das Gros der Kundschaft seien Firmen, die die Räder im realen Einsatz testen wollen. An den Wochenenden bestimmten indes Familien das Verleihgeschäft.

Ganz ohne Geld ist ein Lastenrad dagegen bei Flotte Berlin zu bekommen. Das in Deutschland einzigartige Projekt des Berliner Fahrradclubs ADFC gibt es seit 2018, es wird vom Berliner Senat finanziert. Aktuell stehen in Berlin und im Umland 174 Cargo-Bikes als Leihräder zur Verfügung. Der Verleih ist für ein bis drei Tage kostenfrei. Allerdings müssen die Räder online reserviert und an einer der Leihstationen abgeholt werden. Die Nachfrage ist auch dort groß. Im Schnitt seien die Bikes zu 70 Prozent ausgelastet. Mittlerweile zählt Flotte Berlin mehr als 9000 Nutzer.