Prenzlauer Berg: Angriff auf Israeli - Kippa als Test getragen

Ein junger Mann zieht seinen Gürtel aus der Hose und schlägt damit zu. Mehrfach und brutal. Dabei brüllt er in arabischer Sprache das Wort Jude. Diese Szene spielte sich am Dienstagabend auf dem Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg ab – sie ist auf einem Video zu sehen, das am Mittwoch im Internet kursierte. Der Fall sorgte bundesweit für Empörung. Politiker und Verbände gehen von einem brutalen antisemitischen Übergriff aus. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Mittwoch: „Der Kampf gegen antisemitische Ausschreitungen muss gewonnen werden.“

Der junge Mann, dem der Angriff galt, heißt Adam A., ein 21-jähriger Tiermedizinstudent, der seit drei Jahren in Deutschland lebt und erst seit einem Monat in Berlin ist. Er und ein Freund trugen an diesem Abend Kippas und filmten den Übergriff mit ihren Handykameras.

Ein Test sei es gewesen, es sei darum gegangen zu sehen, ob kippatragende Menschen in Berlin sicher seien. Die Kippa habe er von einem Freund geschenkt bekommen. In Berlin solle er sie aber lieber nicht aufsetzen, dort sei es zu gefährlich, habe ihm der Freund im Scherz gesagt, berichtete A. im rbb. Am Dienstag haben er und sein Freund Salah M. dies testen wollen. So erzählt es auch der 24-jährige Salah M. der Berliner Zeitung.

Er möchte nicht, dass sein Nachname veröffentlicht. Sie hätten beide die Kippa getragen und seien die Raumerstraße entlang gelaufen, erzählt M. Dort habe sie ein Mann beschimpft. Salah sagt, er habe ihn aufgefordert, damit aufzuhören. Daraufhin habe der Mann angegriffen. Adam habe mit einer Hand gefilmt, als der Täter auf ihn zukam und sich mit der anderen Hand verteidigt. „Er war so hasserfüllt und aggressiv. Es war schrecklich“, so Salah M. Eine Frau sei ihnen zu Hilfe geeilt und habe gedroht, die Polizei zu rufen. In der Nähe sei ein Lokal mit vielen Menschen gewesen, aber nur eine weitere Frau habe sich um das Geschehen gekümmert. Der Täter habe ihn später dann noch mit einer Glasflasche bedroht, erzählte Adam A. am Abend in der Sendung stern.tv

947 antisemitische Übergriffe

Sie seien beide keine Juden, erklärten die jungen Männer. A. ist in Israel geboren. Seine Vorfahren haben muslimische, katholische und jüdische Wurzeln, hieß es. „Egal welcher Mensch sich eine Kippa aufsetzt, wenn es dann zu solch einem Angriff kommt, ist das die Perversion der Zustände in dieser Stadt“, sagt Mike Delberg, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Laut Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus hat es im vergangenen Jahr mit 947 Fällen die höchste Zahl antisemitischer Übergriffe in Berlin gegeben, seit die Initiative mit der Erfassung solcher Vorfälle begann. Der aktuelle Fall wurde bekannt, weil der Betroffene sein Video in einer Chatgruppe veröffentlicht hatte. Dort entdeckte es ein Mitarbeiter der Initiative Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus.

Der Polizeiliche Staatsschutz fahndet nun nach den Tätern. Der gefilmte Angreifer ist augenscheinlich im selben Alter wie sein Opfer. Adam A. betonte am Mittwoch gegenüber dem israelischen Fernsehen, dass dem Übergriff kein Streit vorausgegangen sei. Unklar ist, wie viele Männer sie beschimpften. A. sprach von drei Männern, sein Freund Salah M. hatte zwei gesehen, wie er der Berliner Zeitung erzählte.

Täter soll sich verantworten

Am Mittwochabend war der Vorfall auch Thema beim Marsch des Lebens, bei dem Hunderte Menschen über den Kudamm zum Wittenbergplatz zogen. Dabei wird europaweit ein Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus gesetzt.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wiederholte seine Warnung, auf der Straße eine Kippa zu tragen. „Offensichtlich ist es zunehmend problematisch, sich im großstädtischen Bereich offen als Jude erkennen zu geben.“ Der Pankower Bezirksbürgermeisters Sören Benn sagte: „Der Täter wird hoffentlich schnell gestellt und zur Verantwortung gezogen. Er sollte Gelegenheit bekommen, wahrzunehmen, wie sehr uns sein Verhalten anwidert.“

Viele Reaktionen auf den Berliner Fall heben darauf ab, dass der Täter in dem Handy-Video arabisch spricht. Für das American Jewish Committee Anlass für die Forderung, nicht „die Augen vor dem immer häufiger auftretenden Antisemitismus in Teilen der arabischen und muslimischen Community“ zu verschließen. (mit vat., kd.)