Berlin - Der Werbespruch, der groß über dem Laden prangt, klingt vielversprechend: „Wiemer repariert fast alles!“, steht dort in großen Lettern über der Schaufensterscheibe. Auf den ersten Blick klingt es gut, besonders in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung überall die politische Agenda bestimmen. Wenn man jedoch näher hinsieht, entpuppt sich der Spruch grob übertrieben.

Denn „fast alles“ heißt in diesem Fall: Hifi-Geräte, Fernseher und Lautsprecher. Doch mit diesem Sortiment ist das Geschäft, das Uwe Wiemer zusammen mit seiner Frau betreibt, vollständig ausgelastet. „Und ich habe noch nie Werbung gemacht“, fügt der 57-jährige Rundfunk- und Fernsehtechniker mit leichtem Stolz im Unterton hinzu. Seit 1999 habe er den Laden an der Oderberger Straße, und den Werbespruch habe er sich selbst ausgedacht.

Die Miete, die er momentan zahlt, ist im Vergleich zu den neuen schicken Läden an der Kastanienallee noch sehr günstig.

Verkauf gebrauchter Geräte

In den 80er- und 90er-Jahren war Wiemer in Kreuzberg ansässig, doch dann lockte die günstige Miete ihn 1999 in den Prenzlauer Berg. Der Laden quillt über vor Hifi-Komponenten, die gerade auf ihre Reparatur warten, es gibt auch einige Lautsprecher, einige Tonbandgeräte und Röhrenfernseher.

Zum Teil verkauft Wiemer auch die gebrauchten Geräte, perfekt gewartet natürlich. „Für eine Revox-Anlage zahlte man damals gut und gerne zwischen 3000 und 25.000 D-Mark, da lohnt sich eine Reparatur schon“, erzählt Wiemer. Auch Geräte aus DDR-Produktion würde er reparieren. Für RFT-Anlagen wurden ja damals horrende Preise aufgerufen, das ging bis zu 10.000 Ost-Mark, so Wiemer.

Uwe Wiemer legt Wert darauf, dass er nicht nur repariert, sondern auch revidiert und restauriert – für den Fachmann ist dies ein großer Unterschied. Bringt ein Kunde ein kaputtes Gerät in den Laden, wird zuerst ein Kostenvoranschlag gemacht. Für diese Untersuchung ist in der Regel eine halbe Arbeitsstunde nötig, und so wird ein Betrag von 39 Euro fällig, der bei der anschließenden Reparatur verrechnet wird.

„Den relativ hohen Stundenlohn von 78 Euro muss ich als selbstständiger Gewerbetreibender kalkulieren, um mein Geschäft am Laufen zu halten“, rechtfertigt Wiemer sich. Dafür wirft er in die Waagschale, dass durch seine enorme Erfahrung – Wiemer repariert Unterhaltungselektronik schon seit 40 Jahren – die Reparatur schnell von der Hand geht und fast immer von Erfolg gekrönt ist.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Deswegen empfehlen ihn auch praktisch alle Kunden weiter, und so spart Wiemer Reklamekosten. Seinen Beruf gebe es heute gar nicht mehr, trauert der Reparaturmeister, heute würden höchstens noch Informations-Elektroniker ausgebildet.

Die Kundschaft besteht zu 90 Prozent aus Männern – dass Frauen teure Hifi-Anlagen ihr eigen nennen, kommt auch heute noch äußerst selten vor.

Wer glaubt, dass nur ältere Kunden ihre Geräte zur Reparatur bringen, irrt jedoch. „Meine Eltern hören noch CD, ich höre schon Vinyl“, diesen Spruch hat er manches Mal von Teenies gehört. Vinyl komme im urbanen Musikbereich immer mehr in Mode. Und an die alten Geräte lassen sich heute auch Handy oder Tablet anschließen – die passende Buchse baut Wiemer gerne ein.

Ersatzteile aus Lagebeständen

Auf seine Reparaturen bietet Wiemer ein halbes Jahr Gewährleistung, dies ist vorgeschrieben. Der Fachmann bestätigt auch, was gerüchtehalber immer wieder in Zeitungen zu lesen ist: Neue Geräte werden heute oft so mangelhaft produziert, dass sie oft schon kurz nach der gesetzlich vorgeschriebenen Garantiezeit kaputt gehen.

Und da sie oft in Discount-Märkten gekauft wurden, lohnt die Reparatur nicht mehr – falls der Discount-Markt solch eine Dienstleistung überhaupt noch anbietet. Lobend hebt Wiemer die Firma Revox hervor: „Diese Firma ist ein Paradebeispiel, was Ersatzteile betrifft. Hier kann ich für jedes Gerät aus den 70er-Jahren noch originale Ersatzteile nachkaufen“. Bei anderen Firmen muss er auf den New Old Stock Market im Internet ausweichen, also auf alte Lagerbestände mit neuen Ersatzteilen.

Eine Halbierung der Mehrwertsteuer für Reparaturarbeiten wie sie Schweden am 1. Januar 2017 für Kleidung, Schuhe oder Fahrräder einführt, um die Umwelt zu schonen und Arbeitsplätze zu schaffen, wäre für den Laden von Wiemer natürlich auch hochwillkommen.