Einen besonders krassen Fall von Gentrifizierung sowie Schikane ihres Vermieters erleben derzeit die Mieter des Wohnhauses Kollwitzstraße 2 in Prenzlauer Berg. Genauer gesagt, die verbliebenen Mieter, denn in dem efeuberankten Eckhaus am Senefelderplatz sind von den 16 Wohnungen nur noch 8 bewohnt. „Es herrschen Unsicherheit, Bedrohung und Existenzangst“, sagt Thomas Wolf, ein 47-jähriger Kunsterzieher mit drei Kindern. Die Mieter fürchten, aus ihren Wohnungen vertrieben zu werden. Sie haben Abmahnungen erhalten, der Vermieter droht mit außerordentlichen Kündigungen, weil manche Bewohner Kinderzeichnungen und Zettel an ihre Türen geklebt haben, auf denen etwa steht: „Hier wohnen nette Menschen!“ Und weil Fahrräder Fluchtwegen versperrt hätten.

Von außen sieht das Haus recht gewöhnlich aus. Viele kennen es, weil auch zwei bekannte Lokale dazugehören, das Chagall und das Courage. Doch die Bewohner berichten von einem monatelangen Verfall. „Das Haus verwahrlost, Fenster sind kaputt, Leuchten und Türöffner defekt“, sagt Wolf. Obdachlose übernachteten im Haus, in leeren Wohnungen feierten Jugendliche laute Partys.

Es ist Halloween 2014, als die Bewohner inmitten ihrer verkleideten Kinder von einem Beauftragten der Eigentümer erfahren, dass das Wohnhaus verkauft werde. Sie recherchieren daraufhin im Internet und sehen, dass die Wohnungen dort zum Verkauf angeboten werden. Der neue Eigentümer, die KSJ 2014 GmbH mit Sitz in Berlin, stellt im Exposé die „hochwertigen Eigentumswohnungen“ vor, die Rede ist von einem „einzigartigen Projekt in absoluter Toplage“. Die Grundrisse der Wohnungen könnten nach den Vorstellungen und Bedürfnissen der Käufer zusammengelegt und individualisiert werden. Die Kaufpreise liegen zwischen 4 600 bis 6 500 Euro pro Quadratmeter. Auf das Dach des Hauses soll ein über 300 Quadratmeter großes Penthouse gebaut werden, mit Spa-Bereich, Wintergarten, großen Lichtkuppeln, Innen- und Außenkamin. „Ein Ort, prädestiniert, um sich seine persönliche Komfortzone zu schaffen“, wirbt eine Maklerin.

Die Bewohner sind irritiert. Niemand hat mit ihnen über Umbauten, Grundrissänderungen und Wohnungsverkäufe geredet. Ihr Haus, 1875 gebaut, steht doch unter Denkmalschutz, es liegt zudem im sozialen Erhaltungsgebiet Kollwitzplatz, Luxussanierungen sind dort schwerer durchzusetzen. Zudem gilt seit März 2015 in Berlin auch noch die Umwandlungsverordnung. Sie soll Mieter vor dem Verkauf ihrer Wohnungen und vor Spekulanten schützen. Und vor Verdrängung.

Funktionierende Hausgemeinschaft

Die meisten Bewohner in der Kollwitzstraße 2 leben schon jahrzehntelang dort, sie sind zwischen 30 und 50, Akademiker und Angestellte, Prenzlauer-Berger Mittelstand. Künstler sind dabei, Historiker, Regisseure und Autoren. „Wir sind eine gut funktionierende Hausgemeinschaft“, sagt Wolf.

Die Bewohner legen eine Internetseite an, berichten von den Zuständen im Haus und suchen Unterstützer. „Wir wollen hier wohnen bleiben“, sagt Thomas Wolf. „Wir sind hier alle fest verwurzelt.“

Ein vom Hauseigentümer beauftragter Rechtsanwalt, er will ungenannt bleiben, sagt auf Nachfrage der Berliner Zeitung, es gebe eine Modernisierungsplanung, der Verkauf in Eigentumswohnungen sei nicht ausgeschlossen.

Das sieht der Stadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner (Grüne) ganz anders. „Wir nehmen die Frechheit des Eigentümers zur Kenntnis. Aber für dieses Haus gelten die Erhaltungsverordnung und die Umwandlungsverordnung, da kann der Eigentümer noch so viel für einen Verkauf werben.“ Die Wohnungen dürften nur an die Mieter verkauft werden.

Nächste Woche will der Eigentümer die Bewohner per Brief über seine Umbaupläne informieren.