Gregor Gysi soll helfen und man spürt gleich, dass das einer dieser Termine ist, die ein Politiker wie Gysi mag. Als der Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag am Donnerstagnachmittag aus seiner Limousine steigt, empfangen ihn die Bewohner der Wohnanlage an der Metzer Straße in Prenzlauer Berg sehr freundlich.

Gysi ist einer von ihnen. Die meisten Bewohner sind Rentner, sie haben zu DDR-Zeiten in der Humboldt-Uni gearbeitet und sind in den 1960er-Jahren in diese Anlage mit den 110 Wohnungen in drei Blöcken gezogen. Es gibt viel Grün, die Mieten der Senioren sind so niedrig wie kaum anderswo im begehrten Kollwitzkiez am Wasserturm. Für eine 66 Quadratmeter große Wohnung in gutem Zustand etwa zahlt Klaus Mennicke 350 Euro kalt. „Wir wollten hier alle einen ruhigen Lebensabend verbringen“, sagt der 81-Jährige. „Das war unsere Oase.“

Ein Projekt für 35 Millionen Euro

Doch seit drei Jahren gibt es diese Ruhe nicht mehr. Eine Bewohnerin sagt, es herrschen Angst, Enttäuschung und Wut. Denn der Besitzer der Wohnanlage, der Immobilienhändler Rainer Bahr, will 20 Wohnungen abreißen und ein neues Wohnhaus parallel zur Straße errichten. 150 Wohnungen und Dachaufbauten sind geplant, ebenso eine Tiefgarage. 35 Millionen Euro kostet das Projekt. Die Bewohner fürchten Baulärm, Dreck und steigende Mieten.

Drei Jahre lang versuchten die Bezirkspolitiker, Bahrs Bauvorhaben zu verhindern, ohne Erfolg. „Hier werden 20 preiswerte Wohnungen mitten in der Stadt abgerissen“, sagt der Bezirksverordnete der Linkspartei in Pankow und frühere Baustadtrat Michail Nelken zu Gregor Gysi und dem Pankower Bundestagsabgeordneten der Linken, Stefan Liebich. „Das ist Zerstörung von Wohnraum.“

Gysi nickt und hört zu, er lässt sich den Konflikt schildern, fragt nach. Ein Pulk Senioren steht im Kreis um ihn herum und schaut ihn an. Gysi sagt: „Die Situation ist verfahren.“ Doch er wolle mit dem Eigentümer reden, gern auch wiederkommen, wenn es Gespräche gebe. „Ich weiß, das ist nicht viel. Aber es gibt keinen Verhandlungsspielraum.“ Er wolle helfen, sagt Gysi, ihm gehe „das ständige Zugemauere der Stadt auf die Nerven“. Mit diesen Worten endet Gysis Auftritt. Er fährt ab.

Man fragt sich, was diese Show-Veranstaltung der Linken sollte. Der Bezirk mit dem damals zuständigen Baustadtrat Nelken hat es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, das Projekt zu verhindern. Es gab keine politische Initiative und vorausschauende Stadtplanung, die Wohnanlage so zu erhalten, wie sie ist. Ein Neubau ist baurechtlich legitim, der Streit zwischen Bezirk und Investor beigelegt.

„Der Bau ist nicht zu verhindern“, sagt Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung in Pankow. Mehrfach hatte Rainer Bahr, der auch die Nobel-Wohnanlage Kolle Belle an der Kollwitzstraße errichtet hat, vor Gericht gegen das Land Berlin geklagt. Er forderte Schadenersatz vom Bezirk. Und er gewann.

Im Mai 2013 entschied das Landgericht, dass seine Schadensansprüche gerechtfertigt seien. Es ging um mindestens 15 Millionen Euro. Die Anwälte im Bezirksamt reagierten sofort, denn Kosten in dieser Höhe hätten dem verschuldeten Pankow erheblich geschadet. Frustriert und in Eile entschied der Bezirk, den Schutz der Häuser aufzugeben und einen Vergleich mit Bahr zu vereinbaren. Es gilt ein öffentlich-rechtlicher Vertrag. Der regelt, wie die Bewohner geschützt werden.

Mit den Mietern von 16 der 20 Wohnungen, die abgerissen werden, gebe es eine gütliche Einigung, sagt Bahr. Sie bekommen neue Wohnungen im Komplex. Fünf Jahre erlässt Bahr ihnen die Umlage der Kosten für Modernisierungen. Wer über 70 ist, hat ein lebenslanges Wohnrecht, darf also nicht gekündigt werden. „Die alten Mieter werden nicht ihre Wohnungen verlieren“, sagt Bahr. Den vier verbleibenden Mietern in den geplanten Abrisswohnungen hat Bahr jetzt gekündigt. Ein juristischer Streit ist absehbar. „Das ist ein ganz neuer Fall in der Rechtssprechung, dass Häuser, die völlig in Ordnung sind, abgerissen werden sollen“, sagt die Rechtsanwältin Carola Handwerg. Die Kündigungen seien aus Spekulationsgründen erfolgt.

Und auch von den Nachbarn kommt jetzt Protest. Wohnungseigentümer der Straßburger Straße haben Ende November Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Der Vertrag zwischen Bezirk und Investor sei nicht gültig, sie hätten zustimmen müssen, weil der Vertrag in ihre Rechte eingreife.

Rainer Bahr will im Frühjahr 2014 mit den Bauarbeiten beginnen. Die könnten sich verzögern. Gysi sagt, das freue ihn.