Generationen von Arbeitern begannen ihren Tag mit einem Besuch bei Konnopke: So eine Currywurst schmeckte schon früh am Morgen vor Arbeitsbeginn. Die Nachfrage bestimmte über Jahrzehnte die Öffnungszeiten des Traditionsimbisses an der Schönhauser Allee, direkt am U-Bahnhof Eberswalder Straße. An Werktagen wurde vom Morgengrauen bis in den frühen Abend serviert, an den Wochenenden blieben die Jalousien grundsätzlich unten. Mit dieser alten Tradition bricht jetzt die Betreiberfamilie – und richtet sich stattdessen an den Bedürfnissen der Touristen aus. Montags ist Ruhetag, dafür wird ab sofort sonntags geöffnet.

Die Entscheidung fiel Waltraud Ziervogel nicht leicht. Die 82-jährige Chefin des Familienbetriebs hängt an den eingeschliffenen Gewohnheiten. „Das Morgengeschäft läuft in der Schönhauser Allee schon lange nicht mehr so gut wie früher“, sagt sie. Viele Kunden starteten inzwischen erst später in den Tag. Sie müssten nicht um 8 Uhr morgens auf dem Bau sein, sondern um 10 Uhr im Büro, sagt sie. 

Zudem sei es Trend bei den Gastronomen im Party-Kiez, sich auf Städtereisende zu konzentrieren, die nur das Wochenende in Berlin verbringen. „Das hat uns ermutigt, über die Sonntagsöffnung nachzudenken“, sagt Ziervogel.

„Wir ziehen das jetzt durch“

Bereits am vergangenen Montag waren die goldfarbenen Metall-Jalousien vor den Fenstern und Durchreichen der Imbissbude heruntergelassen. Die Erklärung dazu lieferten die neu angeschlagenen Öffnungszeiten: „So 12.00 Uhr – 18.00 Uhr, Mo geschlossen“. In Stein gemeißelt war der Traditionsbruch damit zunächst nicht. Noch am gestrigen Dienstag hieß es auf Nachfrage zuerst, man wolle die Neuregelung möglicherweise gleich wieder rückgängig machen.

Am Nachmittag dann teilte Waltraud Ziervogel telefonisch mit: „Wir ziehen das jetzt durch!“
Vorangegangen war eine längere Diskussion innerhalb der Betreiberfamilie. „Man muss viele Argumente abwägen“, sagt Ziervogel. Kommen sonntags wirklich mehr Kunden? Was wird das Personal sagen, wenn es am Sonntag arbeiten soll? Muss sich ein Traditionsbetrieb wandeln, oder ist er vor allem seinem Erbe verpflichtet? Waltraud Ziervogel hatte selbst die größten Zweifel an der Neuregelung. Dabei ist es nicht die erste Umstellung.

Currywurst-Krieg endete vor Gericht

Schon häufiger hatte der Imbiss seine Öffnungszeiten in den vergangenen Jahren geändert. Statt morgens um 8 Uhr begann die Schicht um 10 Uhr, dauerte dafür aber bis 20 Uhr. Dann kam der Sonnabend als verkürzter Öffnungstag hinzu. Es ist auch nicht das erste Mal, dass eine Zukunftsentscheidung für Reibung in der Familie sorgt. 2012 lieferten sich Waltraud Ziervogel und ihr Sohn Mario einen regelrechten Currywurst-Krieg. Es ging um die Frage, mit welcher Strategie er das Unternehmen nach einem Generationswechsel in die Zukunft führen würde. Am Ende eröffnete Mario Ziervogel seinen eigenen Imbiss „Ziervogel’s Kult-Curry“ ein Stück weiter, am Senefelderplatz, und ist seither schärfster Konkurrent der Mutter. Eine Meinungsverschiedenheit bei den Namensrechten landete sogar vor Gericht.

Dagegen ist die Debatte um die Öffnungszeiten von „Konnopke’s Imbiss“ nun ohne größere Verwerfungen vorerst geklärt. „Wir testen die neue Regelung noch den ganzen Juli und August“, sagt Waltraud Ziervogel. Bis dahin sollte sich gezeigt haben, wie attraktiv der Sonntag wirklich für Touristen ist. Fest steht zumindest, dass sich die Zahl der Berlin-Besucher binnen 20 Jahren fast vervierfacht hat. Kamen im Jahr 1996 noch knapp 3,3, Millionen Touristen in die deutsche Hauptstadt, waren es 2016 bereits 12,7 Millionen.

Kein Mangel an Kundschaft

Tatsache ist auch, dass der Imbiss unter dem Hochbahn-Viadukt in jedem Reiseführer empfohlen wird. Viele dieser Bücher erzählen die Geschichte von Max Konnopke (1901 – 1986), der das Unternehmen an der jetzigen Stelle am 4. Oktober 1930 zunächst als Bauchladen gründete. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb seine Familie einen Wurstwagen. Die erste Imbissbude entstand 1960. Von der Verstaatlichung in der DDR blieb die Firma aufgrund ihrer geringen Größe verschont. Im Jahr 1976 übernahm dann Waltraud Ziervogel, geborene Konnopke, das Geschäft.

„Man muss immer wieder neu überlegen, ob man richtig handelt“, sagt die Imbiss-Chefin. Ihre Enkelin Linda, die auch in dem Unternehmen arbeitet, sieht das alles etwas entspannter. Sie sagt: „Ob nun Sonntag oder Montag, wir haben echt keinen Mangel an Kundschaft.“