Die Mieter halten Schilder mit der Aufschrift „Recht auf bezahlbare Wohnungen“ und „Vorkaufsrecht gegen Verdrängung“ hoch. An der Fassade prangen Transparente, auf denen „Hier wohnen Menschen! Wir wollen nicht verkauft werden“ und „Milieuschutz geht alle an“ steht.

Im Gründerzeitbau an der Gleimstraße 56 in Prenzlauer Berg geht die Angst um. Vor kurzem erfuhren die Mieter, dass ihr Haus verkauft wurde. Noch ist zwar unklar, wer der neue Eigentümer ist. Doch die Mieter wissen, was bei Verkäufen von Altbauten in attraktiven Wohnlagen droht. Teure Modernisierungen und die Verdrängung der weniger zahlungskräftigen Bewohner. „Wir wollen verhindern, dass wir verdrängt werden“, sagt Mieter Lothar Gröschel. Am Donnerstag haben die Bewohner zu einem Hausbesuch geladen.

Aus der Politik ist Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung Vollrad Kuhn (Grüne) gekommen. Er ist der entscheidende Mann, weil er für die Ausübung des gesetzlichen Vorkaufsrechts in Milieuschutzgebieten zuständig ist. Das Haus in der Gleimstraße liegt im Milieuschutzgebiet. Die Bezirke können hier über das Vorkaufsrecht Häuser in die Hände eines sozial verantwortungsvollen Eigentümers bringen. Erste Station des Hausbesuchs ist die Wohnung der 65-jährigen Dorit Gippner. Sie sei hier geboren worden, sagt sie.

Die Miete belaufe sich auf etwa vier Euro kalt pro Quadratmeter. „Ich will nicht auf meine letzten Tage ausziehen“, sagt die Rentnerin. Ein paar Stockwerke tiefer lebt der freischaffende Künstler Oliver Pfützenreuter. Er beheizt seine Wohnung noch über Öfen. Das spart Geld. „Es war immer vorteilhaft, dass es nicht so teuer war“, sagt er. „Wenn es dicke kommt, ist es vorbei.“ Die 39-jährige Paulina Pysz, die mit ihrer Tochter in dem Haus lebt, zahlt bereits jetzt eine Miete um die sieben Euro je Quadratmeter. Wenn die Miete weiter steigt, hätte sie als Alleinerziehende Probleme, sagt sie.

Ein Wegzug würde sie hart treffen, denn ihre Tochter besucht den Kinderladen im Erdgeschoss. 22 Kita-Plätze werden dort angeboten – die Kita ist ebenfalls in Gefahr. Stadtrat Kuhn sagt den Mietern, er müsse jetzt erstmal den Kaufvertrag erhalten und prüfen. Dann gehe ein Prozedere los, das bei Verkäufen in Milieuschutzgebieten üblich sei. Der Bezirk fragt den Käufer, ob er die Ziele des Milieuschutzes unterstützt.

Die Mieter sind enttäuscht

Wenn er sich darauf einlässt, wird dies in einer sogenannten Abwendungsvereinbarung festgehalten. Lehnt der Käufer ab, kann der Bezirk von seinem Vorkaufsrecht zu Gunsten eines Dritten Gebrauch machen. Das ist in der Regel eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft. Es kann aber auch eine Genossenschaft oder eine gemeinwohlorientierte Stiftung sein.

Auf die Ausübung des Vorkaufsrechts hoffen derzeit auch die Mieter in der Sanderstraße 11/11a in Neukölln. Ihr Haus sei für rund sechs Millionen Euro an einen privaten Erwerber verkauft worden, berichtet eine Mieterin. Das Problem: Die landeseigene Stadt und Land will das Haus nicht auf dem Weg des Vorkaufsrechts übernehmen. Ihr ist der Preis zu hoch. Auch der Verkauf an eine Stiftung kam nicht zustande. Nun tickt die Uhr. Denn nach Eingang des Kaufvertrages bleiben dem Bezirk nur zwei Monate, um das Vorkaufsrecht auszuüben.

Weitere Erwerbsmodelle werden geprüft

Die Mieter sind enttäuscht. „Wir waren für alle auch nur erdenklichen Varianten offen, sind jeder Spur nachgegangen, haben jeden Hinweis aufgegriffen“, sagt die Mieterin. Doch jetzt sehe die Hausgemeinschaft „einen gesenkten Daumen nach dem anderen“. Die Politik müsse dafür sorgen, dass ein Dritt-Erwerber zur Verfügung stehe.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erklärte am Donnerstag, dass nach Mitteilung des Bezirks derzeit weitere mögliche Erwerbsmodelle geprüft werden. Die Mieter würden keinesfalls „hängen gelassen“.