"Preußisch Süß": Schokolade mit Bier und Knäckebrot für den Wedding

„Sesam und Schwarzkümmel fläzen sich statt auf einem Fladenbrot auf einem Milchschokoladenbett. Irgendeine trunkene Pappnase mit SO-36-T-Shirt hat noch eine Ingwerknolle aufs Kopfkissen gelegt.“

So und nicht anders schmeckt Kreuzberg, wenn sich die Berlin-Kennerin, Autorin und bekennender Schokoholic Tanja Dückers ans Kreieren von feinen Schokoladen macht. Für 15 Berliner Bezirke hat sie zusammen mit Chocolatier Christoph Wohlfahrt in jahrelanger Genuss-Arbeit die Seele der Berliner Kieze in Schokolade gegossen.

Ein paar Kostproben: Für Friedrichshain, den „temporeichen und hedonistischen Bezirk“ werden  rosa Pfeffer, Spreesalz und Sauerkirsche kombiniert. „Eine drollige Nanaminze drängelt sich auch noch dazwischen.“ Im Nordwesten Berlins, im Wedding, finden sich „Kernbeißer-Nibs, Reste von Bier und Knäckebrotkrümel auf einem durchgesessenen zartbitterbraunen Sofa.“

Genussvolles Spiel mit Klischees

Die Texte auf den Schokoladen, alle von Tanja Dückers, spielen genussvoll mit Klischees und tiefgründigem Wissen über die Eigenarten der Berliner Bezirke. Schließlich hat die gebürtige Berlinerin mit ihrer Schokoladen-Idee zwei große Leidenschaften vereint: Ihre Stadt und Schokolade.

Dückers, die schon fast überall in der Stadt einmal gewohnt und von Karlshorst bis Zehlendorf  Freunde hat, kennt sich mit den Eigenheiten und der Geschichte der Berliner Bezirke bestens aus. Auch die Leidenschaft für Schokolade begleitet sie schon ihr halbes Leben. Wo andere ihren 18. Geburtstag mit einem rauschenden Besäufnis begehen, lud sie gepflegt zum Schokoladenbrunch. Im Schokoladen-Laden in ihrem Prenzlberger Kiez kauft sie bis heute Schokoladen, wie andere ihre Zigaretten im Späti. Regelmäßig und voller Lust.

In Christoph Wohlfahrt fand sie so ihren Meister und kreierte mit ihm in jahrelanger Arbeit Stadtteil-Schoki. „Statt wie sonst über Stadtteile zu schreiben, habe ich versucht, die Besonderheiten der Bezirke auf kulinarische Art umzusetzen“, sagt Dückers. Mitte war einfach: „Die erfolgreichen Macher brauchen Kaffee und Chili“, erzählt Dückers. 

Aber für die Schokoseele Tempelhofs brauchte es sechs Anläufe. „Tempelhof hat so viele unterschiedliche Seiten“, erklärt Dückers. Da ist die historische Komponente mit Luftbrücke und Rosinen, aber auch die Hipster auf dem Tempelhofer Feld und die ganz normalen Bürger sollten in der Tafel Schokolade präsent sein.

Spandau fehlt noch

Herausgekommen ist eine gartenzwergig-mondäne Mischung mit Waldmeister. Tanja Dückers persönliche Favoriten sind aber die Tafeln Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Für  den „Wohlfühlbezirk“, in dem Dückers zu Hause ist, wurden geröstete Mandeln und Vanilleschote verarbeitet. „Kindgerecht“, heißt es außerdem auf der Tafel, ein dezenter Hinweis an die Mütter vom Kollwitzplatz.

Seit die Stadtteil-Schokoladen - bio und mit fair gehandeltem Kakao aus Peru - für 3,95 Euro im Online-Shop zu haben sind, erreichen Tanja Dückers immer wieder Fragen nach neuen Sorten. Besonders die Spandauer, die doch sonst gar nicht so recht zu Berlin gehören wollen, wünschen sich ihre eigene Schokolade.

„Weitere  Bezirke sind in Planung“, beruhigt Dückers die Kunden. Im Januar wird zunächst an  der süßen Marzahner Versuchung gefeilt. „Es wird eine puristische Schokolade“, verrät Dückers. Dunkle Vollmilch, die an Licht und Luft erinnert. „Dazu ein Hauch Grün für die Natur, die den Bezirk ausmacht.“

Wer sich einmal durch halb Berlin probieren will, kann dies am Donnerstag (30.11.) im ORi: Tanja Dückers liest Hochkalorisches, die Schokoladen können verkostet werden. 20 Uhr, Friedelstraße 8, Neukölln.

Am Sonntag (3.12.)sind die Stadtteil-Schokoladen auf dem Naschmarkt in der Markthalle Neun zu haben. 12–18 Uhr, Markthalle Neun, Eisenbahnstr. 42–43, Kreuzberg; Eintritt 3 Euro, Kinder, Jugendliche, Nachbarn (Anwohner mit PLZ 10997) und berlinpass-Inhaber frei.