Pritzwalk - Sie sind aus Berlin und aus vielen anderen Städten gekommen. Sie tragen karierte Freizeithemden, Stoffkappen, bequeme Schuhe, haben mindestens eine Kamera bei sich, und sie gehören ausschließlich dem männlichen Geschlecht an.

Ihr Objekt der Begierde ist ein 60 Jahrer alter Schienenbus, dessen ausgeblichener Lack viele tausend Sonnenstunden erlebt hat. Kurz nach 12 Uhr stößt er eine Dieselrußfahne in den Himmel und schleicht zum Bahnsteig Pu1 des Bahnhofs Pritzwalk. Es ist ein Vorgang, der die Männer elektrisiert: Chip um Chip füllt sich mit Fotos.

„So geht das schon seit Langem“, sagt Detlef Leppin von der Hanseatischen Eisenbahn (Hans). „Seit drei Wochen ist es richtig extrem.“ Der Lokführer wird den roten Schienenbus gleich nach Putlitz fahren. 17 Kilometer durch die Prignitz, vorbei an Wäldern, Feldern, Kühen, die Reißaus nehmen – und an einem Defilee von Bahnfans mit Kameras.

Kein Joystick – echte Technik

„Sie stehen am Gleis, manche auch im Gleis. Gefährlich!“, sagt er. Doch Leppin kann den Auftrieb verstehen und sorgt vor Bahnübergängen mit lauten Pfiffen dafür, dass sich auch die Tonspuren füllen. Die Regionalbahnlinie RB 70 nach Putlitz wird es nicht mehr lange geben, bestätigt Hans-Marketingfrau Antje Pelikan: „An diesem Freitag ist die letzte Fahrt, um 16.05 Uhr ab Pritzwalk.“ Dann ist Schluss, für immer.

12.23 Uhr. Wieder steigt Ruß auf, Die wilde Fahrt mit Tempo 50 auf alten Gleisen lässt die Köpfe der 30 Reisenden schaukeln. Die Bahnfans genießen es, auch die zwei Jugendlichen, die ihr Geld für solche Touren mit Pfandflaschensammeln verdienen. „Ich bin gekommen, um die Strecke würdig zu verabschieden“, sagt ein Berliner. „Eine der letzten Strecken mit echtem Kleinbahnbetrieb. Ich mag diesen Schienenbus.“

Das ist nachvollziehbar. Während die Reisenden in modernen Zügen meist auf hartem Kunststoff Platz nehmen müssen, sitzen sie hier auf geradezu luxuriös gepolsterten Bänken. Glühlampen verbreiten heimeliges Licht. Statt einer zu kalt eingestellten Klimaanlage hat der Triebwagen Klappfenster, die sich öffnen lassen. „Hier gibt es keinen Joystick, sondern echte Technik“, sagt Leppin, der öfter auf Tempo 30 abbremst, weil das Gleis nicht mehr erlaubt. „Dafür, dass das Fahrzeug schon so alt ist, macht es anderen was vor.“

12.34 Uhr. Kuhbier, der erste Ort an der Strecke, wird ohne Halt durchfahren. In der Bahn sitzen auch reguläre Fahrgäste: Rentner, Jugendliche – und Waleed Bilal. Der Asylbewerber ist unterwegs zu einem Freund in einer Flüchtlingsunterkunft, die der Strecke kurz vor Schluss neue Nutzer beschert hat.

„So alte Züge kenne ich aus meiner Heimat nicht“, sagt der 38-jährige Syrer. Auch er fotografiert – damit er Snapchat-Freunden in Syrien und Katar Bilder schicken kann. „Ich finde es traurig, dass bald Schluss ist“, meint er. Früher war Bilal Verkaufsmanager für Kopfhörer aus Deutschland und andere Hifi-Geräte. „Dann sollte ich in die syrische Armee. Andere töten oder selbst getötet werden – das wollte ich nicht.“

12.38 Uhr. Groß Langerwisch, Bilal steigt aus. „Es wäre schön gewesen, wenn wir immer so viele Fahrgäste gehabt hätten“, sagt Antje Pelikan. Doch im Schnitt waren täglich gerade mal hundert Menschen mit der Bahn unterwegs, während des Musikfestivals VooV bei Putlitz 150.

Nicht nur für Pelikan ist es ein Wunder, dass diese Strecke so lange überlebt hat. Schon zu DDR-Zeiten wurde überlegt, den Betrieb einzustellen. Nach 1992 drohte erneut das Ende, doch der Lokführer Thomas Becken gründete die Prignitzer Eisenbahn und übernahm 1996 den Betrieb. Ende 2006 bestellte das Land den Zugverkehr ab, aber die Prignitzer gaben nicht auf. Ein Förderverein gründete sich, seit 2007 fahren wieder Züge. Für die Schülerbeförderung zahlte der Landkreis jährlich eine fünfstellige Summe.

Ein Stück Heimat geht verloren

Doch jetzt setzt er ein neues Konzept um, in dem diese Bahnstrecke nicht mehr vorkommt, sagt Hans-Geschäftsführer Ralf Böhme. Nach einer Ausschreibung übernimmt die Firma Prignitz-Bus am Montag den Busverkehr, auch die Schülerbeförderung nach Putlitz. Die Busse sind allerdings länger unterwegs.

„Unter den bisherigen Bedingungen hätten wir den Betrieb ohnehin nicht mehr lange aufrechterhalten können. Die Strecke und das Fahrzeug sind nicht die Jüngsten“, so Böhme. Außerdem modernisiert die Deutsche Bahn 2017 einen Bahnübergang, den auch der Putlitz-Zug kreuzt. Für die Kostenbeteiligung fehlt Geld. Für das Ende gebe es rationale Gründe, fasst Böhme zusammen. „Trotzdem kriege ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.“

12.51 Uhr. Mit Tempo 20 müht sich der Schienenbus in den Bahnhof Putlitz. Er wird schon erwartet. Eine Frau aus der Kleinstadt bringt ihre Freundin zum Zug, der gleich zurückfahren wird. „Das habe ich häufig getan, das ist Tradition“, sagt sie. „Wenn der Zug nicht mehr fährt, geht wieder ein Stück Heimat verloren.“ Immer wieder wurde er gerettet. „Doch diesmal geht es zu Ende.“