Das ist ein krasser Wandel: Wo jahrzehntelang Männer Pritschen- und Kastenwagen mit der Robbe als Logo repariert haben, sind nun Leinwände gespannt. Videos der US-amerikanischen Künstlerin Lynn Hershman Leeson sind jetzt dort zu sehen. Es geht um Identität, Geschlechterkonstruktionen und sexuelle Selbstbestimmung. In Berlin liebt man ja solche Brüche: intellektuelle Genderdebatte im proletarischen Industrieambiente.

Die früheren Werkstatthallen der Berliner Autoverleihfirma Robben & Wientjes an der Prinzenstraße in Kreuzberg werden derzeit von Berliner Künstlern zum Proben und Ausstellen ihrer Arbeiten genutzt.

„In Berlin fehlen solche Räume“, sagt Mathias Groß, Leiter der Berliner Niederlassung der Kölner Pandion AG, der das Areal inzwischen gehört. „Wir können ihnen zwar nicht dauerhaft Räume anbieten, aber für eine gewisse Zeit.“ Temporäre Zwischennutzung heißt dieses Konzept, mit dem renommierte Immobilienfirmen gern für ihre Projekte werben.

Sprühkunst im Bankgebäude

Die Pandion AG hat so etwas schon einmal erfolgreich in Berlin ausprobiert. The Haus hieß das Kunst-Highlight aus dem vergangenen Jahr. 160 Künstler aus 17 Ländern durften die tristen Büroräume in einem ehemaligen Bankgebäude an der Nürnberger Straße in Charlottenburg mit Sprühkunst, Installationen, Zeichnungen und Skulpturen verwandeln, bevor das Haus abgerissen wird. An den 56 Tagen kamen über 80.000 Besucher. Nun entstehen dort Luxuswohnungen.

Das Kunst-Konzept zwischen Leerstand und Abriss führt Pandion nun in ähnlicher Form in Kreuzberg fort. Das Unternehmen hat Anfang diesen Jahres zwei Grundstücke an der Prinzenstraße gekauft. Sie gehörten einst der Berliner Autoverleihfirma Robben & Wientjes. Die Firmengründer Dietmar Robben und Ulrich Wientjes hatten sich Anfang 2018 entschlossen, ihr Unternehmen nach 40 Jahren zu verkaufen.

Die Firma samt Fahrzeugflotte und Personal übernahm Konkurrent Buchbinder, die Grundstücke der beiden Robben & Wientjes-Filialen an der Prenzlauer Allee und an der Prinzenstraße wurden gesondert verkauft. In Kreuzberg erwarb Pandion die Flächen links und rechts der Prinzenstraße. Ende Juli wird der Autoverleih dort schließen, die Gebäude werden abgerissen.

Kreativ, grün und sozial 

Bis es soweit ist, dürfen Künstler die Werkstatthallen und Büroräume für ihre Arbeiten nutzen. Kreativ, grün und sozial – eines dieser Kriterien müssen die Kurzzeitnutzer erfüllen. Es gab bereits Buchpremieren, Ausstellungen und Veranstaltungen. Studierende der Universität der Künste haben dort ihre Abschlussarbeiten präsentiert.

Am 13. Juli stellen Absolventen der Kunsthochschule Weißensee ihre Abschlussarbeiten aus, im Oktober folgen die Studenten der Fotoschule Ostkreuz. Im September können Besucher eine große Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst im Rahmen der Berlin Art Prize 2018 sehen.

In einer leeren Werkstatthalle proben tagsüber die künftigen Bühnentänzer der Schule für die darstellenden und bildenden Künste, die Etage aus Kreuzberg. Zu lauter Percussion-Musik aus dem Rekorder springen die Schüler in die Höhe. Niemanden stört die laute Musik. Im Hof hat ein kleines Café eröffnet.

Büros, Einzelhandel, Gewerbe und Gastronomie

The Shelf Berlin hat Pandion das temporäres Kunstprojekt genannt. Das Regal. Der Name hat zu tun mit dem ersten der beiden geplanten Neubauten an der Prinzenstraße. Die Optik des Neubaus erinnert an ein Regal. Im August beginnt der Abriss der alten Gebäude der Autoverleihfirma, bis Dezember 2020 soll der erste Neubau fertig sein.

Auf dem anderen Grundstück starten die Bauarbeiten im November 2018, dieses Gebäude soll im Sommer 2021 bezugsfertig sein. Insgesamt investiert Pandion 150 Millionen Euro. Büros, Einzelhandel, Gewerbe und Gastronomie wird es dort geben. Pandion-Chef Mathias Gross spricht von einem „belebten Gebäude“ in direkter Nachbarschaft der Stadtgärtner in den Prinzessinnengärten und dem Aufbau-Haus am Moritzplatz.

Die Fassaden der Gebäude werden mit Moos bepflanzt. In den Tiefgaragen wird es mehr Abstellplätze für Fahrräder geben als für Autos sowie Ladestationen für Elektro-Räder und Scooter. Auch Stellplätze für Carsharing-Autos sind geplant, ebenso Duschen und Umkleideräume für verschwitzte Radfahrer. So bleibt der einst bekannte Standort des Berliner Autovermieters dem Thema Mobilität verbunden – auf moderne Art.

Neue Verleihstation in Lichtenberg

Und was wird aus Robben & Wientjes, wenn es die Kreuzberger Filiale nicht mehr gibt? Das Unternehmen hat Ende Juni eine neue Filiale in der Siegfriedstraße in Lichtenberg eröffnet. Der Standort an der Prenzlauer Allee wird wohl noch bis zum Ende des Jahres fortgeführt, dann baut der Eigentümer dort Wohnungen. Erhalten bleiben die Stationen in der Lahnstraße in Neukölln und der Scharnweberstraße in Reinickendorf.

„An unserem Geschäftsmodell ändern wir nichts“, sagt der Geschäftsführer von Buchbinder, Hubertus M. Terstappen. Zurzeit arbeitet er an einer App, mit der Kunden künftig Autos im gesamten Stadtgebiet mieten können. Mehrere Parkplätze zur Übergabe werden dafür angemietet, bestenfalls als Zwischennutzer, denn reguläre Parkflächen sind längst viel zu teuer für preiswerte Pritschen.