Berlin - Die letzten Kartoffeln sind geerntet, im Prinzessinnengarten in Kreuzberg wird alles winterfest gemacht. Empfindliche Pflanzen kommen in Gebäude, die Wasserleitung erhält einen Frostschutz-Mantel. Und es sieht derzeit ganz so aus, als würde sich die Mühe lohnen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auf dem Biotop am Moritzplatz auch im nächsten Frühjahr eine neue Gartensaison beginnen.

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg will noch in dieser Woche beantragen, dass das 6000 Quadratmeter große Grundstück vom Liegenschaftsfonds ins eigene Portfolio zurück kommt, um selbst darüber zu bestimmen. Das heißt, die alte Kaufhaus-Brache wird nicht an Investoren verkauft und nicht bebaut.

„Wir bemühen uns seit eineinhalb Jahren darum, dass das Gelände nicht verscherbelt wird, sondern dass es eine langfristige Perspektive für den Prinzessinnengarten dort gibt“, sagt Bürgermeister Franz Schulz (Grüne). Er habe darüber viele Gespräche in mehreren Senatsverwaltungen geführt und sei inzwischen optimistisch.

Dass am Moritzplatz zwar mit viel Enthusiasmus, aber eben nicht nur so zum Spaß gegärtnert wird, ist inzwischen tatsächlich auch an oberster politischer Stelle angekommen. Stadtentwicklungssenator Michael Müller sagt, der Garten habe eine „Pilotfunktion“ für die gesamte Stadt.

Gerade angesichts bevorstehender Klimaveränderungen werden grüne Oasen als immer wichtiger für die Bauleitplanung und die Stadtentwicklung insgesamt angesehen. Was in diesem Falle nichts anderes heißt als: Der immaterielle Nutzen eines Projekts für die Stadt kann mitunter höher eingeschätzt werden als eine ausschließlich renditeorientierte Liegenschaftspolitik.

Auch in der Senatsfinanzverwaltung wird das in diesem Fall inzwischen so gesehen. Der Liegenschaftsfonds, der im Auftrag der Finanzverwaltung landeseigene Immobilien verkauft, hat seine Verkaufsbemühung eingestellt. „Der Bezirk hat so viele Bedingungen gestellt, dass eine Vermarktung schließlich schlicht unmöglich wurde“, sagte eine Sprecherin der Behörde am Donnerstag.

Der Prinzessinnengarten, der so heißt, weil er an der Prinzessinnenstraße liegt, gilt vielen als erfolgreiches Experiment für ein neues Miteinander durch gemeinsam geschaffenen Lebensraum. 2009 hatten Garten-Enthusiasten damit begonnen, den Müll von der Brache zu räumen.

Sie stellten Kisten und andere Gefäße auf, füllten diese mit Erde und pflanzten drauflos. Immer mehr Nachbarn machten begeistert mit. Zuletzt kamen rund 50.000 Besucher aus dem In- und Ausland. Man kann selber buddeln oder einfach im Garten-Café sitzen, wo das frische Gemüse verarbeitet wird.

27.650 Unterstützer aus dem In- und Ausland

16 Ableger hat der Garten inzwischen, auch in Berliner Kitas und Schulen, auf dem Gelände der Universität der Künste und am Haus der Kulturen der Welt wird gepflanzt. „Wir haben sogar weltweit Resonanz erfahren“, sagt Garten-Mitbegründer Marco Clausen von der gemeinnützigen Nomadisch Grün GmbH. Seit zwei Monaten, als bekannt wurde, dass es für die Fläche Kaufinteressenten gibt, haben sich 27.650 Unterstützer aus dem In- und Ausland im Internet für den Erhalt des Projekts eingesetzt.

Doch auch wenn es jetzt für die Zukunft des Projekts wesentlich günstiger aussieht als noch im Sommer, will Marco Clausen noch nicht feiern: „Wir stoßen erst an, wenn alles vertraglich gesichert ist.“

Wie es mit der Entwicklung des Areals weitergeht, skizziert Bürgermeister Schulz so: „Wir werden einen Runden Tisch einberufen und mit möglichst vielen Menschen über ihre Wünsche reden.“ Das Bezirksparlament hatte sich dafür ausgesprochen, dass der Bezirk als Neu-Eigentümer die Fläche an die Macher des Prinzessinnengartens in Erbbaupacht übergibt. Schulz: „Das Bezirksamt unterstützt das ausdrücklich.“