Undichte Dächer, zugige Fenster, verstopfte Toiletten – am Montag beginnt die Schule. Viele Schüler müssen wieder in Gebäuden lernen, die marode sind. Eine Privatschule in Friedrichshain hat die Sanierung selbst in die Hand genommen.

Das Schulgebäude aus DDR-Zeiten wurde in Eigenregie umfassend erneuert – innerhalb kürzester Zeit. Dafür haben die Eltern tief in die Tasche gegriffen. Sie gaben über Jahre für die Schule Geld aus, um das Bauvorhaben umzusetzen. An einer staatlichen Schule wäre das wohl undenkbar.

„Um 5.30 Uhr kommt noch die Putzkolonne, um halb neun kommen die Schüler“, sagt Inga Burgmann, Geschäftsführerin der Berlin Bilingual School. Wie an allen Berliner Schulen ist an diesem Montag auch in der englisch-deutschen Grundschule erster Schultag. Allerdings ist hier nichts mehr so wie vor den Sommerferien: Zum ersten Mal betreten die Grundschulkinder in der Weinstraße ein nagelneu hergerichtetes Schulgebäude.

Ehemalige Schokoladenfabrik als Ersatz-Location

Die Bilingual School hat ihr altes DDR-Schulgebäude der Marke „Gangtyp“ seit Frühjahr 2017 grundsaniert – aus eigener Kraft. Jetzt strahlt der Stahlbeton-Skelettbau aus den 60er-Jahren auf jedem Stockwerk in einer anderen Farbe. Fenster und Lärmisolierung wurden erneuert, Sonnenblenden montiert und eine Schulcafeteria gebaut. Auf den neuen Fahrstuhl und die Toiletten ist Schulleiterin Sina Bellmann besonders stolz: „Unsere Schule ist jetzt komplett barrierefrei.“

Während des Umbaus zog die zweisprachige Grundschule nach Weißensee an den Standort der Sekundarstufe. In der ehemaligen Schokoladenfabrik wurden vorübergehend zusätzliche Räume gemietet. Nach eineinhalb Jahren können die Grundschüler nun in den frisch sanierten Plattenbau zurückkehren.

Keinen Anspruch auf Förderung

Rund 5,2 Millionen Euro hat der Umbau gekostet. Das sei vergleichsweise günstig, meint Geschäftsführerin Burgmann. „An staatlichen Schulen ist das Budget oft doppelt so groß.“ Als Privatschule hat die Bilingual School für die Sanierung keinen Anspruch auf eine Förderung vom Land Berlin. Jahrelang hat die Geschäftsführung der Schule deshalb von allen Eltern Baugeld eingesammelt.

„20 Euro pro Monat und Familie“, erklärt Burgmann. 700.000 Euro sind so zusammengekommen, der Rest wurde über einen Kredit finanziert. Eine ungewöhnliche Herangehensweise. Nicht alle Berliner Mütter oder Väter wären dafür bereit – und längst sind nicht immer hätten sie das nötige Kleingeld dafür übrig.

Klar, hinter der Schule steckt eine ganz besondere Elternschaft: Gegründet wurde die Schule 2007 von Eltern einer deutsch-englischen Kita in Prenzlauer Berg. Die Zweisprachigkeit der Kinder ist Voraussetzung für die Aufnahme. „Es gab keine deutsch-englische Schule im Osten von Berlin, das wollten wir ändern“, sagt Virginia Roaf. Beide Töchter der 51-jährigen Britin besuchen die Bilingual School, inzwischen in der Sekundarstufe.

Familien aus der kreativen Szene

Das stimmt, im ehemaligen Ost-Teil Berlins gibt es staatlicherseits keine biliguale deutsch-englische Schule. Auch der Ableger der internationalen staatlichen Nelson-Mandela-Schule entsteht nun am Rande des nordwestlichen Tiergartens. Allerdings gibt es in Alt-Mitte auch die Metropolitan und die Cosmopolitan School, wo weitgehend auf Englisch unterrichtet und nicht unerhebliches Schulgeld erhoben wird.

Um eine Ablehnung der staatlichen Schulen gehe es ihr und den anderen Eltern nicht, betont jedenfalls Virginia Roaf. „Entscheidend war die Zweisprachigkeit und das Konzept der Schule, in dem es viel um Gemeinschaft geht.“ An der Bilingual School müssen zum Beispiel alle Eltern in Arbeitsgruppen mithelfen, Feiern organisieren, kleine Reparaturarbeiten übernehmen oder die Lehrer beim Einrichten der Klassenräume unterstützen.

Laut Roaf zieht das idealistische Konzept Familien aus der kreativen Szene an: „Viele Eltern sind Musiker, Journalisten oder Filmemacher.“ Roaf selbst arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit. Bisweilen seien auch Prominente unter den Eltern, beispielsweise Fran Healy, der Sänger der schottischen Band Travis. Ihr bekanntester Hit war bisher der Titel „Why does it always rain on me“ aus dem Jahr 1999.

Lange Wartelisten

Im Laufe der Jahre habe sich die Elternschaft geändert, berichtet Burgmann. Einerseits wohnten jetzt weniger Kreative im Einzugsgebiet zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain. „Künstler und Musiker können sich die Mieten hier nicht mehr so einfach leisten.“ Andererseits drängten Schulplatznot, Sanierungsstau und Unterrichtsausfall an staatlichen Schulen auch immer mehr Familien ohne internationalen Hintergrund zu einer Anmeldung an der Privatschule.

Immerhin geht nun auch der Senat den Sanierungsstau an staatlichen Schulen an. In den nächsten zehn Jahren stehen 5,5 Milliarden Euro für umfassende Sanierungen und den Neubau von Schulen zur Verfügung. Doch schon die Einrichtung der dafür nötigen GmbH hat deutlich länger gedauert als geplant.

„Bei uns sind die Wartelisten lang, wir können nicht alle Bewerber aufnehmen“, sagt Sina Bellmann, Leiterin der Bilingual School. An der Grundschule in der Weinstraße ist Platz für insgesamt 290 Kinder, 190 Schüler besuchen derzeit die Sekundarstufe.

Schulgeld kommt dazu

Die Bilingual School ist eine von rund 200 Schulen in privater Trägerschaft in Berlin. Inzwischen besucht jedes neunte Kind in der Hauptstadt eine Privatschule, Tendenz steigend. Die Schulgebühren variieren von wenigen Hundert bis zu mehreren Tausend Euro im Monat. Die Bilingual School gehört zu den Privatschulen mit moderaten Kosten: Zwischen 100 und 300 Euro pro Monat und Kind werden für die englisch-deutsche Schulbildung fällig, abhängig vom Einkommen der Eltern.

Promi-Vater Fran Healy hat gar einen eigenen Song für die Bilingual School geschrieben. „Wir halten alle zusammen, im Osten des Flusses“, heißt es darin in Anerkennung des Gemeinschaftsgedankens. Healys Sohn hat bis zum letzten Jahr die Bilingual School besucht, inzwischen ist die Familie nach Kalifornien gezogen. Auf das Lied bleibt die Schule weiterhin stolz, sagt Bellmann: „Es wird bei der Eröffnungsfeier am Montag wieder gesungen.“