Berlin - Vier Fußgänger sterben, weil sie von einem SUV erfasst werden, der von der Fahrbahn abkommt. Nach dem Unfall ist eine Debatte entbrannt: Sollen derart große schwere Autos aus der Innenstadt verbannt werden? Zwei kontroverse Meinungen. 

Pro: Wann, wenn nicht jetzt? 

Ich bin gebürtiger Berliner, 53 Jahre alt, und habe bisher den übergroßen Teil meiner Zeit in meiner Heimatstadt verbracht. Und ich kann mich nicht erinnern, in der Zeit jemals von einem Unfall gehört zu haben, bei dem vier unbeteiligte Fußgänger totgefahren wurden. Ja, ich rede von einem Unfall und nicht von einem widerlichen, gestörten Terroristen, der seinen Laster bewusst und mordlüstern in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz lenkt.

Und nein, ich finde es überhaupt nicht pietätlos, über die Konsequenzen des Unfalls zu reden, bis wir nicht haarklein wissen, ob der Fahrer des SUV ein tempogeiler Idiot war, der vor Gericht gehört, oder ob ein gesundheitliches Problem dafür gesorgt hat, dass er links an einer Autokolonne vorbeirast, auf den Bürgersteig gerät, dort Poller und einen Ampelmast ummäht, dadurch abhebt und vier völlig unbeteiligte Menschen in den Tod reißt.

Es tut mir unsagbar leid um die Opfer, die ich nicht kannte: Die beiden Männer. Die Großmutter. Ihren dreijährigen Enkel. Ich weiß nicht, wie es anderen geht: Ich bin zweifacher Vater, auch meine Söhne waren einmal drei Jahre alt. Wenn ich auch nur versuche, mich in die Hinterbliebenen hineinzuversetzen, spüre ich tiefe Trauer, und ich spüre eine kalte Wut. Und es schleicht sich die Frage an: Wann, wenn nicht jetzt, sollen wir darüber reden, wie wir leben wollen?

Ja, ich argumentiere emotional. Na und? Der Unfall von Freitagabend an der Invalidenstraße mit dem rund zwei Tonnen schweren SUV geht mir und vielen anderen Menschen ans Gemüt. Er reißt mich als Fußgänger – der ich bin – aus meiner trügerischen Sicherheit, wenn ich auf einem Bürgersteig stehe, meinem geschützten Raum in der Stadt. Und er reißt mich als Autofahrer – der ich auch bin – aus meiner Routine und ermahnt mich dazu, noch vorsichtiger zu fahren. Dabei wiegt mein Auto ein Drittel weniger als der Unfall-Porsche.

Wir sollten darüber reden, ob SUV weiter durch die Innenstadt fahren dürfen  

Aber der Unfall geht tiefer. Er betrifft die Frage, wie wir den Verkehr in der Stadt organisieren wollen. Wer soll sich wie in der immer enger und dichter werdenden Stadt bewegen dürfen? Wo müssen wir eingreifen? Ich bin gegen Verbote. Jeder soll glücklich werden nach seiner Façon. Das gilt, solange dabei niemand anderes in seiner Menschenwürde verletzt, beeinträchtigt, gefährdet oder sogar getötet wird.

Doch weil das natürlich nicht immer gewährleistet ist, muss permanent reguliert werden. Auch im Straßenverkehr. Ich weiß, dass nach 120 Jahren Unterwerfung einer Stadt unter den Fetisch Auto ein Umdenken einsetzt. Dass sich die Gesellschaft langsam, ganz langsam, entwickelt von der autogerechten hin zur menschengerechten Stadt. Noch darf aber jeder fahren, was er will. Jedenfalls fast. Aber die ersten Schritte sind getan. Es geht los – und das ist richtig so.

Weil sie zu dreckig sind, dürfen Diesel auf manchen Streckenabschnitten in Berlin schon nicht mehr fahren. Und wir sollten auch darüber reden, ob besonders schwere, manche sagen „panzerähnliche“, Autos weiter durch die Innenstadt fahren dürfen. Der Fußgängerlobbyverein Fuss nennt SUV „die Dinos unter den Geländewagen“. Sie seien übergroß und eine Gefahr für andere. Der Grünen-Politiker Florian Schmidt sieht sie als Ausdruck einer Egoisten-Kultur.

Was soll ich sagen? Kann gut sein, dass sie recht haben. Ich weiß nur, dass selbst Auto-Fans kein Argument einfällt, warum jemand so ein Fahrzeug in der Stadt fahren sollte. Doch es gibt eines: Weil er es kann! Das muss ja nicht so bleiben.

Elmar Schütze

Contra: Der SUV als Sündenbock 

Maximale Forderungen bei schwacher Faktenlage zu erheben, führt nie zu guter Politik. Sondern nur zu gut geklickten Schlagzeilen. Von Grund auf populistisch sind deswegen in kürzester Zeit herausgeblasene Statements wie jene von Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel oder dem Friedrichshainer Stadtrat Florian Schmidt (beide Grüne). Beide brachten innerhalb von kürzester Zeit ein SUV-Verbot ins Spiel, nachdem vier Fußgänger bei einem Unfall ihr Leben verloren.

Die beiden Grünen bedienen sich hier der Medien, wie es sonst die AfD nach Vergewaltigungen durch Flüchtlinge tut: Sie und ihre Partei wollen ohnehin weniger Autos in den Städten, vor allem aber weniger rollende Riesen. SUV sind dafür das Sinnbild schlechthin: absurd teuer, absurd groß und trotzdem absurd erfolgreich. Vier Tote sind für die Schmidts dieser Welt nicht etwa Grund zum Innehalten, sondern Grund zum So-Richtig-Aufdrehen. Und das schnell, bevor die Ermittlungen der Polizei abgeschlossen sind und am Ende noch Fakten die eigenen Argumente entkräften.

Der krasse Einzelfall wird so zum Standard erhoben, die Opfer missbraucht, die Öffentlichkeit emotional erpresst. Durchsetzen soll sich die simple Botschaft: SUV töten. Bei all der Emotionalität zurzeit tut sie das natürlich mit Erfolg, schon jetzt hat sie sich gut verbreitet: Auf Schildern bei der Mahnwache am Sonnabend und rund um die Unfallstelle findet sich genau dieser Spruch. Das ist aus vielen Gründen fatal.

Diskussion auf SUV zu verengen führt zu nichts  

Erstens – und das ist das Wichtigste – sind viele Fragen noch ungeklärt: Warum kam der Fahrer überhaupt vom Weg ab? Der Mann soll Epilepsie gehabt haben – welche Auswirkungen hatte die Erkrankung auf die Schwere des Unfalls? Konnte er vielleicht gar nicht mehr adäquat reagieren? Ist er weitergefahren, wo gesunde Menschen längst gestoppt hätten? Spielt der Fahrzeugtyp also von vornherein eine zweitrangige Rolle?

Diskutieren müssen wird man angesichts der hochgepeitschten SUV-Diskussion auch die wenig pietätvolle Frage: Wären die Menschen vielleicht auch gestorben, wenn ein Fiat Panda sie mit derselben Geschwindigkeit erfasst hätte? Ein 70er-Jahre-VW-Bus? Ein Camper? Ein Tesla? Für die betroffenen Familien müssen solche Berechnungen die Hölle sein, eine Verhöhnung ihres Schmerzes. Man hätte sie ihnen mit etwas Zurückhaltung ersparen können. Dass die Polizei auch in Richtung eines medizinischen Notfalls beim Unfallfahrer ermittelt, war spätestens seit Samstag bekannt.

Zweitens aber führt es zu nichts, die Diskussion um Autos in der Innenstadt auf SUV zu verengen. Grüne Politiker schießen sich sogar selbst ins Bein, wenn sie sich alleine auf diesen billigen Sündenbock, bei dem immer auch eine Prise Sozialneid mitschwingt, kaprizieren. Denn Berlin diskutiert ja über die Verkehrswende, seit Monaten so angeregt und ernsthaft wie nie, nicht zuletzt angetrieben von den Grünen im Abgeordnetenhaus.

Sehr viel radikalere und im Sinne der Grünen wirksamere Ideen liegen da bereits auf dem Tisch: Citymaut, verkehrsberuhigte Zonen, Verbrenner-Verbot – um nur ein paar Themen zu nennen. Sie richten sich zum Teil gegen alle Autos, besonders aber gegen jene, die in Größe und Verbrauch auf Kosten anderer gehen. SUV schließt das ganz selbstverständlich ein. Berlin kommt zurzeit gut voran auf diesem mühsamen Weg weg von der Autostadt. Eine Konzentration auf nur einen Autotyp macht schlicht keinen Sinn. Sie verengt den Blick, wo es ums große Ganze gehen sollte. 

Annika Leister