Durch Berlins Speckgürtel wachsen Berlin und Brandenburg immer weiter zusammen.
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BerlinVor 100 Jahren wurde Berlin zur wahren Weltstadt. Am 27. April 1920 verabschiedete die Preußische Landesversammlung das Gesetz zur Schaffung von Groß-Berlin. Seit 1911 kooperierte die Hauptstadt in einem Zweckverband mit dem Umland. Das reichte aber nicht: Berlin wuchs unablässig, und die Planungen konnten mit der Realität nicht mithalten. Deshalb wurden 97 Dörfer, Gutsbezirke, Städte und Kreise eingemeindet.

Die Bevölkerungszahl sprang auf 3,8 Millionen. Nur London und New York hatten mehr Einwohner, und nur Los Angeles war größer. Nun, 100 Jahre später, boomt Berlin wieder. Es gibt kaum noch bezahlbare Wohnungen, und auch ein Weltkonzern wie der US-Elektroautobauer Tesla wählt sich für seine erste europäische Produktionsstätte die Region Berlin-Brandenburg aus.

Aber gerade bei dieser Großinvestition von vier Milliarden Euro konkurrieren die beiden Länder massiv gegeneinander. Wäre es da nicht Zeit für ein zweites Groß-Berlin-Gesetz wie vor 100 Jahren? Oder sollte die 1996 gescheiterte Fusion beider Länder wieder diskutiert werden? Trennendes und Verbindendes:

- Schwer umsetzbar

Ein zweites Groß-Berlin wäre nur schwer umsetzbar. Brandenburg hat 2,5 Millionen Einwohner, allein etwa 1,5 Millionen leben im Berliner Speckgürtel. In Brandenburg wurden extra acht der 14 Landkreise so langgezogen geschnitten, dass sie wenigstens mit einem kleinen Stück an Berlin grenzen – sodass der gesamte Kreis vom erfolgreichen Umland profitiert. Würde Berlin das prosperierende Umland eingemeinden, wäre Brandenburg bevölkerungsarm und kaum überlebensfähig. 

+ Länder wachsen zusammen

Beide Länder wachsen zusammen. Viele S-Bahnen enden in Brandenburg: in Potsdam, Oranienburg, Hennigsdorf, Bernau, Strausberg, Erkner, Zeuthen, Königs Wusterhausen, Schönefeld, Blankenfelde, Teltow. Die Bahnlinien und großen Ausfallstraßen ergeben die Strahlen des sogenannten Siedlungssterns, an denen gebaut und investiert wird.

+ Ohne einander nicht denkbar

Und beide Seiten sind ohne einander nicht denkbar. Brandenburg wäre also ohne das pochende Herz Berlin in der Mitte zwar noch immer sehr schön – beispielsweise wie die Altmark im Nachbarland Sachsen-Anhalt – aber wirtschaftlich auch genauso schwach wie der Altmark-Kreis Salzwedel, der soeben von Focus Money zum wirtschaftlich drittletzten von allen 374 Landkreisen bundesweit gewählt wurde. Und Berlin wäre ohne das grüne Brandenburg nur Großstadt.

- starke Konkurrenten

Berlin und Brandenburg sind zugleich starke Konkurrenten: Bei der Tesla-Ansiedlung zeigt sich, dass beide eben keine Einheit sind. Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen schrieb 2018 an Tesla-Chef Elon Musk, dass das Unternehmen doch bitte nach Berlin kommen solle, von Brandenburg sprach sie nicht.

Doch Brandenburg verhandelte mit Tesla und siegte zum Schluss mit dem Standort Grünheide – natürlich vor allem wegen der Nähe zu Berlin, dem direkten Autobahnanschluss an den Berliner Ring und die Nachbarschaft zum Flughafen Schönefeld. Zwar treten die Wirtschaftsförderer beider Länder auf Messen gemeinsam auf, aber wenn es um konkrete Ansiedlungen geht, sind sie Konkurrenten.

+ "Ein guter Zeitpunkt"

100 Jahre Groß-Berlin sind „ein guter Zeitpunkt“ für eine Debatte. Das findet Jens-Holger Kirchner (Grüne). Im RBB sagte er, man sollte das Groß-Berlin-Gesetz von 1920 „mal langsam weiterschreiben“. Kirchner ist ehemaliger Verkehrsstaatssekretär in Berlin und nun in der Senatskanzlei für Großprojekte zuständig. Er sagte: „Man sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob diese Stadt nicht auch, was die Gebiete betrifft, weiter wächst.“ Quasi ein Groß-Groß-Berlin wird.

Die Situation sei mit 1920 vergleichbar. „Berlin platzte aus allen Nähten.“ Klar ist, dass die Siedlungen ineinander übergehen. Ohne Ortsschild wüssten die meisten nicht, ob der Kaufpark Eiche schon zu Brandenburg gehört oder wo die Grenze zwischen Spandau und Falkensee verläuft. Kirchner beklagt, dass sich Verwaltungsgrenzen bei der Stadtentwicklung als „Denkgrenzen“ entpuppen und Berlin das Umfeld nicht in seine planerischen Überlegungen einbeziehe. Eingemeindungen klingen für ihn wie „Okkupation“, aber er schlägt vor, dass Bernau sich nicht mehr „Bernau bei Berlin“ nennt, sondern „Bernau von Berlin“.  

+ Berlins Flughafen in Brandenburg

Berlins Flughafen befindet sich bald in Brandenburg. Der BER wird eventuell 2020 in Schönefeld eröffnet – im Landkreis Dahme-Spreewald. Schönefeld ist pro Kopf gerechnet die reichste Kommune in Brandenburg, denn das Umfeld von Flughäfen boomt immer. Und so brachte der Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel (SPD) wieder eine Fusionsdebatte ins Spiel und kooperiert bereits eng mit Schönefeld – quasi eine Art Fusion von unten. Denn Neukölln will als direkter Nachbar des BER vom Aufschwung profitieren. Neukölln und Schönefeld wollen, dass die U7, die bislang in Rudow endet, ein paar Stationen nach Schönefeld verlängert wird.

- Anti-Berlin-Kampagne von Brandenburg

Brandenburg macht eine Anti-Berlin-Kampagne. In der ersten eingenen Landeswerbung setzt das Land auf eine klare Abgrenzung zu Berlin. Auch die großen Parteien haben nach den Wahlerfolgen der AfD in den Berlin-fernen Regionen ihre Liebe zum ländlichen Regionen entdeckt und wollen keine Zentralisierung in Berlin. Nach dem Kohleausstieg wollen sie die Lausitz vor dem wirtschaftlichen Niedergang retten und wollten gar Ministerien in die Provinz verlagern.

+ Platz im Potsdamer Parlament

Im Potsdamer Parlament wäre auch Platz für die Berliner Abgeordneten. Der Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Potsdamer Stadtschlosses wurde extra so angelegt, dass auch die Berliner reinpassten. Bis Ende 2019 nutzt den Platz derweil der Landesrechnungshof. Die Idee war, dass die Brandenburger einer Fusion nur zustimmen, wenn wenigstens das Parlament in Potsdam sitzt. Es wäre eine Potsdamer Republik Berlin.

- Mental weit auseinander

Mental waren beide Länder selten weiter auseinander. Die Chance einer Fusion scheiterte 1996 an den Brandenburgern. Sie fürchteten eine Berliner Dominanz. Danach sorgen auch die Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Matthias Platzeck für eine starke Brandenburger Identität. Aktuell sagte Kathrin Schneider, die Chefin der Potsdamer Staatskanzlei, der Berliner Zeitung: „Eine Fusion ist für uns kein Thema – und hätte bei einer Volksabstimmung auch keine Chance. Beide Länder sollten weiter eng miteinander kooperieren.“

+ Auswanderungen in beide Richtungen

Wie sehr sich auch die meisten Politiker gegen eine Fusion stellen, die Länder wachsen zusammen. Berlin verlor zuletzt doppelt so viele Einwohner an Brandenburg wie gleichzeitig aus Brandenburg in die Hauptstadt kamen. Der Speckgürtel wird immer größer, die Kommunen dort werben um Berliner. In 20 Jahren endet der Speckgürtel vielleicht nicht mehr in Eberswalde, sondern in Premnitz und umfasst quasi drei Viertel des Landes Brandenburg. Spätestens dann wird wieder über eine Fusion debattiert.

Dies bedeutet einen 6:4-Vorteil für einen erneuten Fusionsversuch.