In Frankreichs Schulen sind Smartphones schon bald tabu. Am 1. September tritt die von Staatschef Emmanuel Macron im Wahlkampf versprochene Neuerung in Kraft. Betroffen sind Vorschulen, Grundschulen und Sekundarschulen. Aber kann ein solches Handyverbot an Schulen wirklich umgesetzt werden? Und ist es überhaupt sinnvoll? Zwei ganz unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema:

Pro Verbot: Kalter Entzug

Kinder sind ja clever. Statt des Weckers nutzen sie in Schulzeiten morgens den Warnton des Smartphones zum Aufwachen. So sind sie schon zu Beginn des Tages drin in der digitalen Welt. Snapchat, WhatsApp, Instagram – da gibt es viel zu klären vor dem Frühstück. Das Beispiel zeigt, dass für den Nachwuchs der Umgang mit dem Smartphone zu jeder Tageszeit selbstverständlich ist. Die Nutzungszeiten steigern die Kinder mit dem Alter, in der Pubertät bleibt das Gerät oft bis zum späten Abend oder in die Nacht eingeschaltet. Wenn Eltern das kritisieren, werden sie als ahnungslos beschimpft.

Es kann also nur gut sein, wenn die Schule als anerkannte Institution die Smartphone-Nutzung während der wichtigsten Zeit des Tages, während des Unterrichts und in den Pausen, verbietet.

Nur so können Kinder kapieren, dass ein Smartphone keine Selbstverständlichkeit ist. Nur so können sie lernen, was es bedeutet, sich wirklich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und auch mal zu scheitern. In den sozialen Medien, also der Komfortzone des Nachwuchses, ist es doch so, dass die Freunde und Freundinnen alles toll finden und für alles Verständnis haben. Und wenn gerade mal Langeweile herrscht in der Kommunikation, dann gibt es das ausgeklügelte Belohnungssystem der Social-Media-Anbieter. Tataa, die Welt ist schön. Haha, schon wieder ein Like. Das baut auf. Anders als ein Kommentar des Lehrers, der die abgelieferten Hausaufgaben so nicht akzeptieren will, weil die erbrachte Leistung den Ansprüchen des Lehrplans nicht genügt.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist das Digitale unsere Zukunft, natürlich müssen die Kinder schon sehr früh Medienkompetenz erlernen und sollten so motiviert sein, dass sie ihr Leben lang lernen wollen. Aber es gibt noch ein paar andere Sachen, die von großer Bedeutung sind. Das mag vielleicht altmodisch klingen, aber um Demokratieverständnis zu erlernen, logisches Denken zu üben und Durchhaltevermögen zu trainieren, ist moderne Technik nicht notwendig. Dafür genügen Aufmerksamkeit und Konzentration auf das Wesentliche. Es ist also nur gut, dass die französischen Behörden die Smartphones aus dem Schulalltag verbannen wollen, auch wenn es sich für einige Kinder mit Suchtverhalten wie kalter Entzug anfühlen wird.

Jörg Hunke

Kontra Verbot: Antiquiertes Weltbild

Ernsthaft? Frankreich will die Smartphones ganz aus der Schule verbannen? In der Praxis sollen dazu Schließfächer eingerichtet werden, damit die Schüler das Gerät vor dem Unterrichtsbeginn wegsperren können.

Mal ganz davon abgesehen, dass es interessant sein wird, wie man das Gesetz in der Praxis umsetzen will, ist dieser Vorschlag mehr als antiquiert und sollte in keinem Fall Vorbild für Deutschland werden.
Werden Ordner wie vor einem Konzerteinlass an der Klassentür die Schultaschen kontrollieren? Eine ziemlich beängstigende Vorstellung wäre das.

Doch noch viel entscheidender ist der Fakt, dass manche offenbar glauben, dass man mit einem Verbot irgendetwas erreichen könnte. Viel wichtiger ist es, den Kindern und Jugendlichen einen praxistauglichen und zweckmäßigen Umgang mit den Geräten beizubringen. Dazu gehören Unterrichtseinheiten, die sich mit Datenschutz und Persönlichkeitsrechten wie dem Recht am eigenen Bild beschäftigen. Dazu braucht es Experten, die den Kindern an ihren Geräten zeigen, wo sie welche Einstellungen am Telefon vornehmen können und sollten. Dazu gehört der Umgang mit Social Media, mit Mobbing und Hetze. Ja, und dazu gehört das Smartphone auf dem Tisch, damit jeder Schüler Fragen zu seinem Gerät stellen kann.

Wir leben im 21. Jahrhundert, das Smartphone ist ein Teil von uns. Wir leben es den Kindern und Jugendlichen sogar vor. Entscheidender als strikte Verbote sind Absprachen. In der Schule wie am Frühstückstisch. Was ist so fatal daran, den Jugendlichen fünf Minuten Smartphone-Zeit einzuräumen? Der Mutter schreiben, dem Freund, etwas nachschauen, googeln. Wir machen es doch auch. Wir brauchen nicht so tun, als hätten wir unser Smartphoneverhalten besser im Griff als die Kinder. Wer kennt sie nicht, die großen Ankündigungen von Bekannten, jetzt aber wirklich mal eine digitale Detox-Phase einlegen zu wollen?

Auf festgelegte Smartphone-Zeiten können sich die Jugendlichen einstellen. Auch in der Schule. Danach gehört das Telefon im Unterricht ausgeschaltet, verstaut. Wer sich nicht dran hält, dem dürfen ruhig Strafen drohen. Wenn die Eltern das Telefon der Kinder beim Schulleiter einsammeln müssen, werden sie sich schnell überlegen, ob sie es heimlich erneut aus der Tasche kramen.

Melanie Reinsch