Berlin - Unten Klassik, oben Punk, dazwischen elektronische Musik, Techno und Hip-Hop. Die Proberäume in dem Marzahner Hochhaus an der Beilsteiner Straße sind aufgeteilt wie in einem gut sortierten Plattenregal.

Die Anordnung dient allerdings nicht dem schnellen Finden der gewünschten Musik, sondern sie sorgt dafür, dass die Musiker sich nicht gegenseitig nerven. Dass also die Geigenspielerin nicht wummernde Techno-Bässe hören muss. Und der Klarinettenspieler nicht das laute Gegröle der Punkband.

Unten leise, oben laut – so lautet das Vergabeprinzip in dem abseits gelegenen Hochhaus in einem Marzahner Gewerbegebiet zwischen Landsberger Allee und der Allee der Kosmonauten. Von außen sieht das Gebäude aus wie die meisten Häuser in dieser Gegend. Ein Plattenbau, errichtet in den letzten Jahren der DDR. Früher haben darin Gerichtsvollzieher gearbeitet, erzählen die neuen Mieter.

Platz für 500 Musiker

Aus dem ehemaligen Bürokomplex ist ein Haus für Musiker geworden. Tag und Nacht können sie darin spielen, so laut und so lange sie wollen. Krach stört hier keinen. 200 Proberäume und Tonstudios gibt es im Haus, etwa 500 Musiker nutzen sie. Alle Räume sind vermietet. Es gibt eine Warteliste.

„Wenn jemand auszieht, kommen sofort die nächsten Musiker“, sagt Aline Freifrau von Godin. Die 30-jährige Managerin hat sich mit ihrer Immobilienfirma Arttraktiv auf Marzahner Plattenbauten spezialisiert. Sie baut die Häuser so um, dass Musiker darin proben können. Denn für freie Musiker wird es immer schwieriger, Probenräume zu finden. Was Wohnungsmieter schon lange beklagen, beschäftigt also auch die Kreativszene.

Arbeitsräume werden immer teurer. Künstlern fehlen Ateliers, Musikern Spielräume. Die Lage ist aussichtslos. „In zentraler Lage Räume zu finden, ist schwierig“, sagt Daniel Bartsch, Sprecher von Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Im Koalitionsvertrag steht, dass der Senat bis zum Ende der Legislaturperiode 2000 neue Arbeits- und Atelierräume schaffen will. „Dazu zählen auch Räume für Musiker“, sagt Bartsch.

Laute Musik stört hier keinen

Ständige Anfragen nach freien Proberäumen bekommt Katja Lucker, Chefin des landeseigenen Musicboards. „Die Verdrängung hört nicht auf“, sagt sie. Musiker hätten es unter den Künstlern am schwersten. „Es herrscht die Angst vor der Lautstärke“, sagt sie. Vermieter müssten mehr Geld in den Schallschutz investieren, wenn sie Räume an Musiker vermieten. Also nehmen sie lieber Maler.

Doch im Gewerbegebiet stört laute Musik keinen. Und so kaufte Aline Freifrau von Godin vor vier Jahren das leere Bürohaus in der Beilsteiner Straße. „Jeder kann sich seinen Raum einrichten, wie es ihm gefällt“, sagt sie. Der kleinste Probenraum ist zwölf Quadratmeter groß und kostet 149 Euro im Monat, der größte misst 60 Quadratmeter groß, er ist für 500 Euro zu mieten.

In den Preisen enthalten sind die Kosten für Strom, Heizung und Internet. Im Erdgeschoss gibt es Duschen, im Keller befindet sich eine Werkstatt für Instrumente. Die Musiker können ihre Probenräume Tag und Nacht nutzen, auch an Feiertagen. Die meisten Musiker kennen sich, manche spielen spontan in Sessions. Aline Freifrau von Godin spricht von einer „Gemeinschaft internationaler Künstler“. Sie kommen aus 50 Ländern. Es sind Band- und Solomusiker, DJs, Sprecher, Produzenten, Rapper. Sie spielen, proben oder nehmen Songs auf.

Ein erfolgreiches Geschäftsmodell

Einer von ihnen ist Paul Dutz. Der Tonmeister, Komponist und Produzent sitzt in seinem Probenraum in der dritten Etage vor zwei großen Bildschirmen. Um sich herum hat er Keyboards, Lautsprecher und Verstärker aufgebaut. Dutz erzählt, in der Regel arbeite er von mittags bis abends in seinem zwölf Quadratmeter großen Tonstudio. „Ich kann hier in Ruhe arbeiten“, sagt er. Dass der Raum in Marzahn liege, sehe er als einen Vorteil. So kämen nicht ständig Bekannte und Kollegen vorbei.

Aline Freifrau von Godin hat aus dem Mangel an Probenräumen ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt. In Kürze eröffnet sie das nächste Probenhaus. Etwa 500 Meter entfernt, ebenfalls im Gewerbegebiet, verlässt in Kürze ein großes Unternehmen seinem Büroplattenbau. Dieses Gebäude in der Frank-Zappa-Straße 11 wird die Geschäftsführerin dann auch so umbauen, dass es dort weitere 200 Probenräume für 500 Musiker gibt.

Alle zahlen pünktlich

Doch über die Bands und DJs, die sich bei ihr eingemietet haben, will Aline Freifrau von Godin gar nicht viel sagen. Schon gar keine Namen nennen. Das Musikerhaus soll auch ein Rückzugsort für Künstler sein, ein diskreter Schutzraum zum Arbeiten. Ohne Fans vor der Haustür. Denn manche Musiker, so die Vermieterin, seien schon recht bekannt und wochenlang auf Tournee. Sie haben eine große Fangemeinde.

Vor dem Haus parkt ein Kleinbus. Sunpilots steht auf der Heckklappe. Es ist der Name einer erfolgreichen deutsch-australischen Rockband.

Von der Straße hört man unterschiedliche Klänge aus dem Haus: Schlagzeug, Keyboard, jemand singt. „Wegen Lärm gibt es hier keine Beschwerden“, sagt Aline Freifrau von Godin. Und sie muss sich auch keine Sorgen um die Einnahmen machen, alle zahlen pünktlich.

„Am zuverlässigsten sind die Punker und Heavy Metal Bands“, sagt sie. Aline Freifrau von Godin hört selbst gern Musik. Fever Ray ist eine ihrer Favoriten, eine schwedische Electro-Musikerin. Und sie weiß, dass sie etlichen Musikern helfen kann, weiter Musik zu spielen und sich einen Proberaum leisten können. „Ich mache das aus Leidenschaft“, sagt sie.

Abgelegen und ungestört

Es scheint, als entwickele sich in dieser Ecke von Marzahn das neue Musikzentrum der Hauptstadt. Denn auch das Orwo-Haus, Berlins ältestes Probenhaus, hat dort seinen Sitz. Bald werden in diesem Gebiet etwa 1800 Musiker proben. Abgelegen, aber ungestört.

Im Musikhaus in der Beilsteiner Straße sitzt Marie Hoffmann an den Synthesizern und spielt. Sechs Monate hat sie nach diesem Probenraum gesucht. Zufrieden sei sie jetzt, sagt die Sängerin und Keyboarderin vom Electro-Duo Sparcle Motion. Mit dem französischen Musiker Tidiane Cacique produziert sie zurzeit ein Album.

Neulich, erzählt Marie Hoffmann, habe eine Musikerin aus dem Nebenraum vorbeigeschaut. Sie hatte eine Violine dabei. „Wir haben zusammengespielt, das war schön“, sagt sie und schaut aus dem Fenster der siebenten Etage auf die Wohnhäuser von Marzahn. Die sind weit weg.