Problemschule in Berlin: Warum Schüler und Lehrer kaum noch an die Johanna-Eck-Schule wollen

Tempelhof - Die in die Schlagzeilen geratene Johanna-Eck-Sekundarschule in Tempelhof befindet sich offenbar in einer dramatischen Abwärtsspirale. Anlässlich der diesjährigen Oberschulanmeldungen im Februar wollten nur noch 44 Eltern ihre Kinder unbedingt mit Erstwunsch auf diese Schule schicken. 52 Plätze blieben deshalb zunächst leer, wie Daten des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg belegen, die der Berliner Zeitung vorliegen. Das entspricht zwei ganzen Klassen.

Solche Daten alarmieren in der Regel die Bildungsverwaltung. Andere Schulen mit einem ähnlichen Anmelderückgang nahm die Verwaltung bereits für Jahren in ein Turnaround-Programm für scheiternde Schulen auf.

Lehrer an der Johanna-Eck-Schule: „Es sieht derzeit nicht gut aus“

An der Eck-Schule ist allerdings die Problemlage eine ganz besondere. Der Absturz erfolgt plötzlich. Denn nach der Statistik hat sich die Schule an der Ringstraße von einer gut nachgefragten Schule binnen weniger Jahre zu einer Problemschule entwickelt, die gemieden wird.

„Es sieht derzeit nicht gut aus“, sagte ein Lehrer der Schule. Nur noch zwei weitere Oberschulen im Bezirk haben demnach eine noch geringere Nachfrage, besonders die Gustav-Langenscheidt-Sekundarschule mit nur 20 Erstwunsch-Anmeldungen. Im vergangenen Jahr hatte die Johanna-Eck-Sekundarschule trotz des fortlaufenden Streits immerhin noch 65 Anmeldungen. Zuvor noch mehr.

Streit der neuen Schulleiterin mit einem Großteil des Kollegiums sorgt über Schlagzeilen

Hauptgrund für die aktuelle Misere: Seit zwei Jahren tobt an der Eck-Schule ein überaus ernster Konflikt zwischen der neuen Schulleiterin und einem Großteil des Kollegiums. Es gibt Streit um die Ausdünnung der Sprachlernklassen und um Tausende Euro Schwarzgeld, die vormalige Schulleiter in einem geheimen Tresor gesammelt hatten. Letzteres allerdings nicht für den eigenen Gewinn, sondern für die Schüler.

Ein Teil des Kollegiums verstand sich an der Schule als eine Art gallisches Dorf gegen die Schulverwaltung. In Sachen Geheimtresor ermittelt die Bildungsverwaltung disziplinarrechtlich. Im Visier sind Mitglieder der erweiterten Schulleitung. Lehrer werfen der neuen Schulleiterin, die auf Anfragen der Berliner Zeitung nicht reagierte, eigenmächtiges Verhalten vor.

Lehrer der Johanna-Eck-Schule haben Versetzung beantragt

Vor einigen Wochen dann eskalierte die Situation weiter: Die Schulaufsicht setzte einen besonders kritischen Lehrer in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit sofortiger Wirkung an eine Schule in Mitte um. Das sorgte für weiteren Unmut. Aus Solidarität mit dem Kollegen hat nun ein Fünftel des Kollegiums der einst preisgekrönten Eck-Schule einen Umsetzungsantrag gestellt hat. „13 Anträge liegen vor“, bestätigte Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung. Bereits im vergangenen Jahr hatten einige Lehrer ihre Versetzung beantragt.

Eine Art Massenflucht. Es sei aber noch nicht klar, ob diesen Anträgen entsprochen werde, betonte Stoffers. Diese Lehrer kritisieren auch, dass an der früher preisgekrönten Vorzeige-Schule die Sprachlerngruppen für nichtdeutschsprechende Schüler dezimiert wurden. Diverse Schüler mussten in andere Bezirke wechseln.

Versetzung eines besonders kritischen Lehrers sollte Schulfrieden wieder herstellen

Die neue Schulleiterin wiederum gilt als gut vernetzt in der SPD-geführten Bildungsverwaltung. Wegen der schon länger andauernden Auseinandersetzung hat die Bildungsverwaltung einen Prozessbegleiter an der Schule eingesetzt. Doch beim letzten Studientag ging erneut ein Riss durch das Kollegium. Eine Lehrer-Arbeitsgruppe forderte von der Schulleiterin provokativ „eine professionelle Einsicht in die eigene Inkompetenz“.

Schließlich griff die politische Spitze der Bildungsverwaltung durch: Nur durch die Versetzung des umstrittenen Lehrers sei der Schulfrieden wieder herstellbar, schrieb Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) in internen Vermerken. Auch die Zahl der dauerkranken Lehrer war zeitweilig hoch. All das sind Indikatoren, die inzwischen von der Bildungsverwaltung erfasst werden. Wie zum Beispiel die Schulabbrecherquote oder die Anzahl der Schwänzer. So sollen Fehlentwicklungen früher auffallen.

Große Schwankungen bei den Anmeldezahlen in Tempelhof-Schöneberg

Blickt man auf die Anmeldezahlen in Tempelhof-Schöneberg fallen die großen Schwankungen auf. Sekundarschulen mit eigener Oberstufe müssen viele Erstwunsch-Bewerber abwerben: 233 Schüler finden an der Carl-Zeiss-Schule in Lichtenrade keinen Platz, 161 an der Sophie-Scholl in Schöneberg – und immerhin noch 48 Schüler müssen an der Gustav-Heinemann-Sekundarschule in Marienfelde abgewiesen werden.

Die einzige Sekundarschule ohne eigene Oberstufe, die mehr Anmeldungen hat, als Plätze zur Verfügung stehen, ist die Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau. Der dortige Schulleiter Michael Rudolph hat seit Jahren kontinuierlich dafür gesorgt, dass seine Schule attraktiv wurde. Auch wenn ihm zuletzt ein negativer Schulinspektionsbericht die Stimmung verhagelte. Rudolph verwies darauf, dass die positiven Leistungsdaten der Schule dabei gar nicht berücksichtigt wurden. Der 65-jährige Witwer hatte dennoch beantragt, seine Arbeit über die Pensionsgrenze hinaus fortzusetzen. Doch das ließ Staatssekretär Rackles nicht zu – wegen eines gestörten Vertrauensverhältnisses.