Herr Gallwitz, Nachbarn im Dorf des Täters sagen, er sei schüchtern, fast ängstlich, habe nie eine Freundin gehabt und sehr zurückgezogen gelebt. Lässt sich aus Ihrer Sicht daraus schon etwas über den Tätertyp sagen?

Wenn man das so hört, passt das auf eine selbstunsichere Persönlichkeit – ein Tätertyp, der sehr typisch ist für Sexualstraftaten. Dass er noch bei seinen Eltern gewohnt hat und kaum Kontakte zu gleichaltrigen Männern oder Frauen hatte, bestätigt das.

Gibt es weitere Hinweise auf solch einen Typ Sexualstraftäter?

Wir haben jetzt die beiden Opfer, Elias und zuletzt Mohamed, eine Serie, wir können also vom Ende dieser Serie her unsere Rückschlüsse ziehen. Beide Jungen sind in einer Altersgruppe, bei der für Täter noch nicht so sehr die Präferenz im Vordergrund steht, die Präferenz für Mädchen oder für Jungs. Wichtig ist für ihn, dass es kleine Kinder sind.

Kleine Kinder sind keine Bedrohung.

Genau darum geht es. Sie sind keine Bedrohung. Er sieht sie als Gegenstände, als Objekte, an denen er seine Fantasien ausleben kann.

"Es geht um kleine Kinder"

Es könnte also gut auch ein kleines Mädchen gewesen sein?

Das ist denkbar und würde, so wie es aussieht, durchaus in die Serie passen. Es geht um kleine Kinder, im Vorschul-, maximal im Grundschulbereich, bei denen er sich sicher genug fühlt.

Deuten die Taten auf Bevormundung und Unterdrückung im Elternhaus hin, aus denen Hass entsteht, der sich dann entlädt?

Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht anfangen zu spekulieren. Was wir zunächst nur sagen können, ist, dass der Mann offenbar kein Interesse an einer eigenen Wohnung und Beziehungen zu Erwachsenen hat.

Können Sie abschätzen, was in dem Kopf des Täters vor sich geht, wenn er sich wie in den aktuellen Fällen ein Opfer sucht auf einem Spielplatz oder vor einem Flüchtlingsheim?

Er ist ziemlich professionell und forsch vorgegangen, zumindest wissen wir das im Fall des Jungen Mohamed, den er vor den Augen Hunderter Menschen vor einem Landesamt in Berlin entführte. Insofern können wir davon ausgehen, dass der Täter ein unheimliches Bedürfnis hatte, seine Fantasien auszuleben. Die wenigen Monate Abstand zwischen dem Mord an Elias und dem Tag, als er Mohamed entführte, zeugen von einem enormen Druck. Solche Menschen kommen immer wieder und oft sehr schnell an den Punkt, wo sie Gegenstände für ihre sexuelle Befriedigung finden müssen. Gegenstände! Diese kleinen Jungen sind für sie keine Menschen. Dafür spricht auch, dass er den kleinen Mohamed einige Zeit in seinem Auto spazieren fuhr, wahrscheinlich um Körperflüssigkeiten und Geruch aufzufangen. Irgendwann hätte er ihn entsorgt wie Müll.

Keine Beziehung zum Opfer

Sie bauen keine persönliche, menschliche Beziehungen zu ihren Opfern auf?

Keinerlei.

Eine gewisse Schüchternheit und Ängstlichkeit kann offenbar durchaus zusammengehen mit einer hohen Risikobereitschaft.

Das ist bei diesem Täter schon extrem. Wenn man den jetzt nicht erwischt hätte durch den Hinweis der Eltern, hätten wir davon ausgehen müssen, dass es eine schreckliche Mordserie wird.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass es weitere Opfer gibt?

Wir sprechen hier, wie schon gesagt, von dem Ende einer Serie. Über das, was vorher geschah, wissen wir noch nichts. Es spricht alles dafür, dass er nicht mit zwei Morden angefangen hat; es muss noch andere Taten geben. Das müssen nicht unbedingt Morde sein.

"Er ist eine tickende Zeitbombe"

Was für ein Morden ist das, das solche Täter betreiben?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten. In jedem Fall will der Täter sich an dem Kind vergehen. Häufig bringt er ein Kind um, bevor überhaupt sexuelle Handlungen stattgefunden haben, weil ihm nicht bewusst war, wie lange man den Mund zuhalten oder den Hals zudrücken kann, ohne dass es tödliche Verletzungen gibt. Er vergeht sich an dem Kind und nimmt den Tod sozusagen billigend in Kauf. Es kann aber auch ein Verdeckungsmord sein. Der Täter bringt sein Opfer um, um ungestört weiter auf die Jagd gehen zu können. Oder es gibt sadistische Neigungen, und die Tötung ist Bestandteil der sexuellen Befriedigung. Aber da müssen wir die Ergebnisse aus der Gerichtsmedizin abwarten.

Haben wir es hier mit einem Psychopathen zu tun?

Auf jeden Fall ist er eine tickende Zeitbombe. Für solche Täter gibt es keine Therapie. Er sollte nicht mehr auf die Gesellschaft losgelassen werden.