Johanna wollte endlich etwas von Computern verstehen, sich selbst helfen können, wenn es mal Probleme gab. Eine Freundin erzählte ihr von den Rails Girls. Kurz darauf saß sie in einem Programmierkurs für Anfänger. „Niemand gab mir dort das Gefühl, dumm zu sein, weil ich keine Ahnung hatte“, sagt sie. Nach zwei Tagen hatte sie ihre erste App programmiert.

Johanna ist 29 Jahre alt und hat Philosophie studiert. Anderthalb Jahre ist ihr erster Kurs jetzt her. Der war natürlich nur zum Schnuppern, sie saß danach noch immer recht ratlos vor dem Computer. Aber sie hatte die Scheu verloren. „Männer bekommen schon als Kind ganz selbstverständlich ein positives Verhältnis zu Computern mitgegeben“, sagt sie. „Frauen haben das Gefühl: Ich verstehe es einfach nicht.“ Nach dem Kurs wurde ihr klar: „Ich bin nicht zu blöd, ich fange nur später an.“ Sie ist dabei geblieben, einer Übungsgruppe beigetreten.

Die Rails Girls Berlin sind Teil einer internationalen Initiative, die mehr Frauen zum Programmieren bringen will. Programmiererinnen leiden häufig darunter, dass sie die einzige Frau in ihrem Team sind; und auch Männer wünschen sich mehr Kolleginnen, allein schon weil in gemischten Teams das Arbeitsklima entspannter ist. Mehr als zwanzig Workshops haben die Rails Girls seit 2012 in Berlin organisiert, knapp 770 Frauen haben daran teilgenommen. 120 Coaches arbeiten für die Rails Girls, viele sind erfolgreiche Programmierer, die gut verdienen und etwas zurückgeben wollen, an Frauen, die nicht die gleichen Chancen hatten wie sie.

Johanna hat sich vom ersten Erfolgserlebnis tragen lassen. Die Rails Girls schulen in der Programmiersprache Ruby und dem darauf basierenden Programmgerüst Rails. Twitter ist beispielsweise mit Rails gebaut, die Shoppingplattform Dawanda ebenfalls, viele Start-ups in Berlin arbeiten mit diesem Programm. Zwei der Coaches, die Johanna unterrichten, programmieren hauptberuflich beim Internetfernsehsender Tape.tv. Johanna findet es faszinierend, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die die Zukunft mitbestimmen. „Das motiviert mich“, sagt sie.

Die Programmiersprache Ruby gilt als vergleichsweise einfach zu lernen, weil sie einer klaren Syntax folgt und von den Begriffen her an Englisch angelehnt ist: „when“, „then“, „end“. Rubys Erfinder, der Japaner Yukihiro Matsumoto, wollte, dass die Sprache intuitiv genutzt werden kann. Er nannte das „das Prinzip der geringsten Überraschung“. Trotzdem: „Programmieren ist richtig schwierig“, sagt Johanna, wie eine Fremdsprache lernen. Sie paukt Befehle wie Vokabeln. „Das kann man nicht nur ein Mal die Woche nebenbei machen.“

Es hilft ihr, dass viel weniger Mathematik gefordert ist, als man annimmt. „Es geht mehr um Logik“, sagt Johanna. Und das kennt sie aus der Philosophie.

Das Lernen können die Rails Girls ihren Schülerinnen nicht abnehmen, sie können ihnen aber die Berührungsängste nehmen und sie darin unterstützen, Gleichgesinnte zu finden. Und manchmal hilft da schon, dass es bei ihren Veranstaltungen Kuchen gibt.

Johanna hat mittlerweile einen Mentor und arbeitet an einem eigenen Projekt: einer Datenbank für Philosophinnen. Programmieren war anfangs ihr Karriereplan B. Langsam wird es zu Plan A.