Berlin - Die jungen Punks, die an der Ecke Kleine Rosenthaler, Linienstraße von der Polizei gefilzt werden, wirken in dieser durchgestylten Gegend von Mitte fehl am Platz. Knapp 1000 Demonstranten haben sich am frühen Samstagabend versammelt, um für den Erhalt der Linienstraße 206, eines der wenigen verbliebenen alternativen Wohnprojekte in der Spandauer Vorstadt, zu demonstrieren.

Das Eckhaus ist unsaniert. Auf das gräulich-braune Mauerwerk sind Graffitis gesprüht. Im Nachbargebäude gibt es einen schicken Vintageklamottenladen, daneben ein Hotel von Easy Jet und auf der anderen Straßenseite werden Ferienwohnungen vermietet. Die Bewohner der Linienstraße 206 kämpfen gegen ihre Verdrängung und die anderer alternativer Kulturstandorte in Mitte und Prenzlauer Berg. Eine erste Räumungsklage haben sie erhalten, weitere drohen.

Im Mai 1990 zogen Besetzer aus West- und Ost-Berlin in das Haus an der Linienstraße 206. Nachdem das Gebäude an eine rumänische Erbengemeinschaft rückübertragen wurde, deren Vorfahren von den Nazis zwangsenteignet worden waren, gab ihnen die WBM, die Wohnungsbaugesellschaft Mitte, Mietverträge. „Damit wurde das Haus legalisiert“, sagt Markus, ein 45-jähriger Taxifahrer, der Ende der 90er Jahre eingezogen ist. Ihre Nachnamen möchten die Mieter im Gespräch für sich behalten.

Mietvertrag nur mündlich abgeschlossen

Doch es gab immer wieder Eigentümerwechsel. Dann entschlossen sich die Mieter, das Haus zu kaufen. Im Jahr 2010 verhandelten sie mit dem damaligen Besitzer und boten 550.000 Euro. Doch der verkaufte die Immobilie für 600.000 Euro an die Lippert und Wadler GbR mit Sitz in Berlin.

Die neuen Eigentümer haben nun einer ersten Bewohnerin gekündigt, weil ihr Mietvertrag nur mündlich mit einem Vorbesitzer abgeschlossen wurde. Die Frau hat dagegen vor dem Amtsgericht Mitte geklagt. Mit Erfolg. Der Richter hielt ihre Darstellung für glaubwürdig, zumal sie immer Miete gezahlt habe. Er schlug den Eigentümern ein Mediationsverfahren vor. „Sie lehnten ab und haben stattdessen eine Klage wegen Prozessbetrugs angekündigt“, sagt Markus.

Besetzer der ersten Stunde

Gegenüber der Berliner Zeitung wollen sich die Vermieter nicht äußern. „Alle Eigentümer haben das Haus nur als Investitionsobjekt gesehen und kein Geld hineingesteckt“, sagt Markus. Geheizt wird mit Kohle, die Bewohner haben Bäder in das 1826 errichtete Mietsgebäude eingebaut. Damals wohnten dort Offiziere in Einzelzimmern, die sich eine Gemeinschaftsküche teilten. Bis heute gibt es keine separaten Wohnungen. Wer aus seinem Zimmer geht, steht im Treppenhaus.

15 Menschen, Familien, Paare, Singles leben auf 600-Quadratmetern zusammen, manche sind Besetzer der ersten Stunde, die jüngste Bewohnerin ist ein halbes Jahr alt. Die Miete, 5,50 Euro kalt pro Quadratmeter, wird kollektiv gezahlt, die Bewohner kochen gemeinsam und halten das Haus instand. „Wir haben Bautage, um zu renovieren oder das Haus winterfest zu machen“, sagt Miiriam. Die 27 Jahre alte Sozialarbeiterin ist vor einem knappen Jahr eingezogen. Sie engagiert sich mit den anderen Bewohnern in Mieterinitiativen. „Die Eigentümer versuchen, unser Haus zu entmieten“, sagt sie. Zu Verhandlungen seien sie nicht bereit. „Sie haben eine Hausbegehung gemacht, den Schlüssel verlangt und gegen alle Bewohner Abmahnungen wegen nicht genehmigter Untervermietungen und Umbauten erwirkt“, sagt Miiriam.

„Die wenigen, die es noch gibt, muss man schützen“

Das Bezirksamt hat – nach einem Antrag der Bezirksverordnetenversammlung, sich für den Erhalt des Hausprojektes einzusetzen – vor ein paar Monaten die Vermieter angeschrieben. Eine Antwort gab es nicht. „Weiter können wir leider nicht eingreifen, weil das eine zivilrechtliche Angelegenheit ist“, sagt Baustadtrat Carsten Spallek (CDU).

„Die Besitzer versuchen, mit brachialen Methoden, ein über die Jahre gewachsenes Wohnprojekt zu zerstören“, kritisiert Katrin Lompscher, wohnungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Sie war bei dem Gütertermin im Amtsgericht dabei und sagt, es gebe nicht mehr viele Zeugnisse alternativer Stadtentwicklung in Mitte. „Die wenigen, die es noch gibt, muss man schützen.“

Der Protestzug am Samstag führt vorbei an der Kultur- und Schankwirtschaft Baiz an der Torstraße hin zum Jugendclub Kirche von Unten in der Kremmener Straße. Auch ihnen sind die Mietverträge gekündigt worden.