Projekt von BVG und Daimler : Das Mittelding zwischen Bus und Taxi heißt „Berlkönig“

Es ist digital, es hat mit Smartphones zu tun, und es sieht nicht so aus wie herkömmlicher Nahverkehr. Aber ist es auch die Zukunft der Mobilität? Im nächsten Frühjahr beginnen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und der Autobauer Daimler damit, in der östlichen Innenstadt einen Fahrdienst zu erproben, der an Sammeltaxis erinnert. Erst werden 50 Autos und Großraumlimousinen eingesetzt, die per App herbeigerufen werden können. Danach soll die Zahl auf bis zu 300 steigen. „Berlin ist ganz weit vorn, Berlin geht neue Wege in der Mobilität“, sagte die Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für die Grünen).

In der Halle des Omnibusbetriebshofs Müllerstraße war es kalt. Doch für die Politiker, BVG- und Wirtschaftsleute, die das Pilotprojekt am Mittwoch vorstellten, schien es sich um eine heiße Sache zu handeln. „Wir stehen am Beginn einer großen Veränderung der Mobilität“, sagte die BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta. „Ich freue mich, dass die BVG so innovativ unterwegs ist“, lobte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne).

„Heute sind viele Städte noch mit der Technologie des 17. Jahrhunderts unterwegs“, sagte Chris Snyder von Via Van, einem Gemeinschaftsunternehmen von Mercedes-Benz Vans und Via. Um das zu illustrieren, zeigte der aus New York angereiste Amerikaner das Bild eines Pferdeomnibusses, Urahn heutiger Busse. „Wir definieren Mobilität neu“, sagte Snyder.

Mittelding zwischen Taxi und Bus

Es geht um Ride Sharing – Fahrdienste, die an ein Mittelding zwischen Taxi und Bus erinnern. Fahrgäste, die ähnliche Ziele ansteuern, werden gemeinsam befördert – in einem Auto oder Kleinbus. Die Wagen verkehren nach Bedarf - on demand. Wer mitfahren will, zückt sein Smartphone und bucht per App einen Platz. Ein Computer koordiniert die Fahrtwünsche und stellt die Routen zusammen. Ziel ist es, dass sich möglichst viele Fahrgäste die Autos teilen – das senkt die Kosten.

Was ist für Berlin geplant? Eine besondere Form von Ride Sharing, so die BVG. Schauplatz sind Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain-Kreuzberg. Mit Hilfe der Via-App können Wagen von Mercedes-Benz für Fahrten innerhalb des Versuchsgebiets angefordert werden – Vans der Modelle Vito V-Klasse mit bis zu acht Sitzen sowie vollelektrische B-Klassen vom Typ B250e mit vier Sitzen. Ab Sommer 2018 wird auch der neue vollelektrische eVito Tourer durch die östliche Innenstadt fahren. Auf dem schwarzen Lack der Autos prangt das gelbe BVG-Herz – und „Berlkönig“ oder „Berlkönigin“. So nennt die BVG das neue Angebot.

Zunächst steht es abends und am Wochenende zur Verfügung, ab Sommer 2018 ganztägig, Feste Linien wie beim Bus gibt es nicht, in dem Gebiet alle Fahrstrecken sind möglich. Der Ein- und Ausstieg ist allerdings nicht überall, sondern nur an bestimmten Orten möglich. „Start und Ziel sind Bushaltestellen oder virtuelle Haltepunkte, die von der App angezeigt werden“, sagte BVG-Finanzvorstand Henrik Haenecke.

Startpunkte und Tarife

Der jeweils nächste Startpunkt soll aber höchstens 200 Meter entfernt sein. „Der Fahrpreis liegt zwischen dem BVG- und dem Taxitarif“, so der Manager. BVG-Tickets werden nicht anerkannt, mit Umweltkarte gibt es keinen Rabatt.

Das Personenbeförderungsgesetz verbietet es normalerweise, Plätze in Taxis und Mietwagen einzeln zu „verkaufen“. Doch beim Senat wurde beantragt, die Experimentierklausel des Gesetzes zu nutzen, die auf bis zu vier Jahre angelegte Tests ermöglicht. „Rechtlich handelt es sich um atypischen Busverkehr“, erklärte Haenecke.

Das unterscheidet die Kooperation von BVG und Via Van auch von den Ride-Sharing-Diensten, die es in Berlin schon gibt. Clever Shuttle betreibt 30 Elektroautos. „Wir freuen uns über die aktuelle Entwicklung. Es wird Zeit, dass neue Mobilitätskonzepte wie Ride Sharing salonfähig werden“, sagte Sprecherin Nora Erdbeer. „Bleibt nur zu hoffen, dass die BVG ebenso kompromisslos auf nachhaltige Mobilität setzt, wie wir es tun.“

„Bestätigung und Ermunterung“

Allygator Shuttle – so heißt der zweite Fahrdienst dieser Art, den es seit 2015 in Berlin gibt. „Wir freuen uns, dass nun auch andere Unternehmen auf den Zug aufspringen. Das zeigt uns, dass wir seit zwei Jahren auf dem richtigen Weg sind“, sagte Tom Kirschbaum vom Betreiberunternehmen Door2Door. „Wir sehen das Engagement von Via Van und der BVG als Bestätigung und Ermunterung.“ Kirschbaum kündigte an, dass Allygator die Zahl seiner Fahrzeuge in Berlin (derzeit zehn) im ersten Quartal 2018 vervielfachen wird.

„Wir sehen das Engagement der BVG beim On-Demand-Ride-Sharing sehr kritisch“, sagte dagegen Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbands IGEB. Das Landesunternehmen wildere in Bereichen, die nicht seine Kernaufgabe sind. „Die BVG hat genug eigene Baustellen, allen voran muss sie einen verlässlichen Fahrplan für die U-Bahn aufstellen, der auf den tatsächlich verfügbaren Fahrzeugen beruht“, so Wieseke weiter. „Zudem macht sie sich selber Konkurrenz.“ Wenn man vergleichbare Angebote wie andere Ride-Sharing-Dienste macht, dann bitte nicht in der Innenstadt, sondern in Siedlungsgebieten wie Lichtenrade oder Mahlsdorf. „Und ist auch unklar, wieso sich die BVG dazu hergibt, der Autoindustrie bei neuen Produkten zu helfen.“

Das neue Angebot soll Taxis, Bussen und Bahnen keine Konkurrenz machen, sondern ergänzen. „Es richtet sich an Autofahrer – wir wollen sie vom Auto wegbringen,“ sagte Senatorin Günther. „Es geht um Verkehrsvermeidung – nicht um mehr Verkehr.“