Promi-Schneider Günter Adam schließt nach 51 Jahren am Kurfürstendamm

Es ist in die Jahre gekommen, das kleine Maßschneider-Atelier in der Meinekestraße am Kurfürstendamm, wie sein Besitzer. Noch immer verbreiten ein Kronleuchter, Klassizismusmöbel und ein Schrank mit Mustern von feinem Tuch nobles Ambiente. Doch eigentlich müsste mal wieder renoviert werden. Im Gründerzeithaus mit der Nummer 6 hat Günter Adam seit Mai 1965 sein Atelier. Seit den Siebzigerjahren ließen hier Berliner Schauspieler und Showgrößen Maß nehmen.

Vorbei, Ende April wird Günter Adam die Glastür seines Maßschneiderateliers für immer hinter sich schließen. „Reicht ja ooch“, berlinert er. 81 Jahre alt wird er bald. Noch hängen zwei ärmellose Sakkos aus dickem, karierten Tweed auf den Kleider-Büsten. „Natürlich mache ich alle Aufträge fertig“, versichert der schmal gebaute Maßschneider, gekleidet in von Hosenträgern gehaltener schwarzer Hose und weißem Hemd. Alles außer Unterwäsche, Socken und Badehose schneidert er sich selbst. Seine Frau kommt aus der Werkstatt und verabschiedet sich, „bis Mittag“. Montag bis Freitag fährt Adam seit einigen Jahren zum Essen nach Hause, dann bleibt das Geschäft zwei Stunden geschlossen.

Zahl der Meister rapide gesunken

1935 kam Günter Adam in Weißensee zur Welt, auch der Vater war Schneider. Die Großväter waren Brauer, „gab’s ja damals viel. So wie Schneider nach dem Krieg“, erzählt er. Dessen Ende überlebte er mit Mutter und Schwester im Riesengebirge. Als der Vater 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückkam, empfahl der dem Filius „Mach Schneider, da kannst du ein Hemd für ein Huhn tauschen.“ Genau das Richtige in Hungerzeiten.

Am 17. Juni 1953 schwänzte er die Gesellenschule und ging gegen Normerhöhungen und Regime demonstrieren. „Ich wusste, hier bleibe ich nicht.“ Eineinhalb Jahre arbeitete er noch bei verschiedenen Schneidermeistern, unter anderem in einem Atelier an der Invaliden- Ecke Chausseestraße. Als er dann im volkseigenen Textilbetrieb „Fortschritt“ Massenware anfertigen sollte, übersiedelte er in den Westen.

Nach seiner Meisterprüfung in Düsseldorf kehrte er 1960 nach Berlin zurück, in den Westteil. 700 Schneidermeister gab es damals in Berlin. „heute sind es keine zehn mehr“, resümiert Adam. Die erste Zeit war schwer, „es gab viele Schneider aus dem Ostteil der Stadt, die für weniger Geld arbeiteten. Mit der D-Mark waren die drüben ja Kings“. Nach dem Mauerbau änderte sich die Situation für ihn deutlich zum Besseren. Gute Maßschneider waren plötzlich rar, und erhielten doppelt so viel Lohn wie vorher. Nach vier Jahren hatte Adam genug gespart, um das Geschäft in der Meinekestraße zu übernehmen und sich selbstständig zu machen. „3 000 D-Mark Abstand musste ich zahlen. Zum Glück konnte ich abstottern.“

Anfang der Siebzigerjahre begann sein Aufstieg. Die Schauspieler Wolfgang Völz und Walter Giller ließen sich einkleiden, teilweise für Theater – und Fernsehrollen. „Völz für die Fernsehserie „Graf Yoster gibt sich die Ehre“ “, erinnert sich Adam. Musikmanager Dieter Behlinda brachte noch mehr Prominenz in das Maßschneideratelier: Schlagersänger wie Michael Holm, Jürgen Markus, Ricky Shayne, auch Dieter-Thomas Heck trug Sakko und Schlaghose von Adam. „Das war die Zeit der schmalen Revers und dünnen Taillen.“ Sogar in der Luft hatte Adam Erfolg: Die Fluglinie Pan Am ließ ihre mehr als hundert Stewardessen von ihm einkleiden.

Ein Blick in Adams Atelier:

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Zu dieser Zeit richtete er einen kleinen Partykeller unter dem Atelier ein. „Da wurde ordentlich gefeiert.“ In den Achtzigerjahren zählte Avantgardekünstler Edward Kienholz zum Kundenstamm. Adam war eines der ersten Mitglieder des Vereins der Freunde der Neuen Nationalgalerie. Selbst internationale Stars wie Harvey Keitel besuchten den kleinen Laden und ließen sich Anzüge, Smoking oder Frack schneidern. Der Mauerfall bedeutete einen erneuten Wandel, „alles zog nach Mitte.“ Doch Adams Qualität, sein gutes Auge, und seine Beratung sorgten für neue Klientel. Und seine Ehrlichkeit. „Wenn jemand einen Stoff und einen Schnitt aussuchte, der partout nicht zu im passte, dann habe ich das auch gesagt“, berichtet Adam.

Bis heute suchen seine Kunden den Stoff aus Musterbüchern. Die Firmen kommen aus England und Italien. Nach dem Aufmaß bestellt er den Stoff und fertigt zuerst den Unterbau. Als nächstes wird auf dem Futterstoff mit unzähligen kleinen Stichen eine Rosshaarunterlage befestigt. An Schultern und Revers wird dann mit Filz aufgepolstert, darauf wird der Oberstoff genäht. Seit Jahrzehnten macht Adam das mit seiner alten Pfaff-Maschine. Zum Aufbügeln nimmt er ein knapp fünf Kilo schweres Eisen. „Sehen Sie, auch deshalb muss ich aufhören. Ich kann das schwere Ding nicht mehr gut heben.“ Hinten im Atelier stehen noch eine Kettelmaschine und zwei weitere Pfaff-Nähmaschinen. Erinnerung an alte Zeiten, als zu viert gearbeitet wurde.

Vor sechs Jahren wollte Adam schon einmal aufhören, aber seine Stammkundschaft wie Star-Trompeter Till Brönner und Entertainer Max Raabe bewogen ihn, weiterzumachen. „Ein guter Smoking ist der halbe Erfolg“ schrieb Max Raabe in sein Kundenbuch. Eine seine letzten prominenten Kundinnen war Meret Becker. „Sie trägt klassische Anzüge, sehr kess“, bewundert Adam den Modegeschmack der Schauspielerin. Diesmal wird endgültig Schluss sein, „auch wenn sie jammern. Ich will die paar letzten Jahre noch mit meiner Frau genießen“, sagt er bestimmt. Dann ist es Zeit für das Mittagessen.