Berlin - Die Polizei beobachtet derzeit, dass immer mehr Frauen aus Südosteuropa nach Berlin kommen und dann hier als Prostituierte arbeiten. Weil die traditionellen Straßenstrichbereiche aktuell ausgelastet sind, weichen die neu zugewanderten Frauen an den Stadtrand aus – nach Buch, Weißensee und Hohenschönhausen.

Das hat sich auch in einschlägigen Internetportalen herumgesprochen. Männer berichten davon, dort Prostituierte besucht zu haben, 40 bis 50 Euro hätten sie für Sex ohne Gummi bezahlt. Die Frauen kämen aus Bulgarien und Rumänien, sie stünden tagsüber dort, doch „die Verrichtung ist leider nur im Auto möglich“, schrieben die Freier.

Außer an den bekannten Rotlichtmeilen zwischen Kurfürsten- und Bülowstraße in Tiergarten und Schöneberg, der Oranienburger Straße in Mitte und rund um die Straße des 17. Juni in Charlottenburg stehen Prostituierte neu erdings auch an der Hobrechtsfelder Chaussee im Pankower Ortsteil Buch und an der Darßer Straße zwischen Hohenschönhausen und Weißensee.

Grundsätzlich erlaubt

Polizeibeamte haben einige der Frauen dort überprüft und die Fachdienststellen für Rotlichtkriminalität informiert. Mehr tut die Polizei derzeit nicht. Denn Prostitution sei grundsätzlich erlaubt, seitdem am 20. Dezember 2001 das Prostitutionsgesetz beschlossen wurde, erklärt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. „Auch das Ordnungsamt hat keine Handhabe“, sagt Pankows Stadtrat für Ordnungsangelegenheiten, Torsten Kühne (CDU). „Das ist alles völlig legal.“

Die Prostituierten-Selbsthilfe-Organisation Hydra bestätigt ebenfalls eine „gewisse Zunahme“. „Wenn mehr Frauen kommen, ist eben auch die Kurfürstenstraße irgendwann voll“, sagt eine Mitarbeiterin. Frauen aus EU-Ländern, die in ihrer Heimat oft keine Arbeit fänden, könnten ganz regulär als Selbstständige in Deutschland tätig werden.

So legal das Sex-Gewerbe am Straßenrand auch ist, etliche Anwohner reagieren empört und beschweren sich in den Bezirksämtern. Im Forstamt Buch ärgert sich Leiter Romeo Kappel über die „Verschmutzungen am Straßenrand“. Er meint benutzte Kondome und gebrauchte Taschentücher, von denen immer mehr an der Hobrechtsfelder Chaussee liegen. Und er befürchtet, dass die Prostitution mit kriminellen Delikten einhergehen könnte. Die Polizei kann diesen Zusammenhang jedoch nicht bestätigen.

Emails und Anrufe

Am Donnerstagabend reagierten die Behörden in Lichtenberg. Polizisten vom Abschnitt 61 und Vertreter des Bezirksamtes besichtigten den Straßenstrich an der Darßer Straße in Hohenschönhausen. Prostituierte trafen sie dort nicht an, diese waren wohl gewarnt worden. Zur Runde gehörte auch der Kreisvorsitzende der CDU Lichtenberg, Martin Pätzold. „Es gab Beschwerden von Bürgern beim Bezirksamt, auch mich haben Emails und Anrufe erreicht“, sagt er.

Der Bezirk Lichtenberg will nun eingreifen, wenigstens mit stadtgestalterischen Maßnahmen. So sollen Sträucher und Bäume beschnitten werden, um das Geschäft mit dem käuflichen Sex zu erschweren. Gerade die Freier werden nicht gern beobachtet. Zum größten Teil befindet sich der Strich zwar an brachliegenden Gewerbeflächen, allerdings gibt es auch ein Oberstufenzentrum und Wohnhäuser in der Nähe. Die Polizei wird öfter Streife fahren. „Wir wollen auch mit den Frauen sprechen, das Gesundheitsamt soll dabei sein“, sagt Pätzold. Oft seien die Frauen in Notlagen, ihnen müsste Hilfe angeboten werden.

In Mitte – dort liegen der Straßenstrich Oranienburger Straße und der Strich an der Kurfürstenstraße in Tiergarten-Süd – kümmern sich muttersprachliche Sozialarbeiterinnen vom Verein Olga um die südosteuropäischen Frauen. Die Sozialarbeiter geben Ratschläge zur Gesundheit und Hygiene und helfen, den Ausstieg aus dem Geschäft zu erleichtern. Manche Frauen sind drogenabhängig. Hilfe sei aber nicht einfach zu leisten, sagt der Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD). Oft wechselten die Prostituierten nach einigen Monaten. „Dann fangen die Sozialarbeiterinnen wieder von vorn an.“

Einen Sperrbezirk, wie in einigen Städten üblich, lehnt Hanke ab. „Sperrbezirke verdrängen das Problem.“ Für Berlin sei es besser, ein paar wenige feste Standorte zu haben, damit man sich um die Frauen kümmern könne, sagt Hanke.