Wie in Zeitlupe löffelt die junge Frau ihre Gemüsesuppe. Ganz langsam führt sie den Löffel zu ihrem Mund und wieder zurück zum Teller, der Blick geht ins Leere. Zerbrechlich und zart wirkt sie, wie sie da zusammengesunken in dem hellen Ledersessel sitzt, die Arme kaum dicker als die Handgelenke. Morgen hat Marie* Geburtstag. Heute muss sie noch ein bisschen Geld verdienen. Als sie aufsteht, schwankt sie und muss sich kurz an der Lehne des Sessels festhalten. Dann greift Marie ihre schwere Tasche, hängt sie über ihre Schulter und öffnet die Tür zum Strich der Kurfürstenstraße, wo sie auf ihren nächsten Freier warten wird. Marie ist Prostituierte. Und heroinabhängig.

Im christlichen Café Neustart am U-Bahnhof Kurfürstenstraße bekommen die Prostituierten eine warme Mahlzeit, Tee und Kaffee, manchmal Kuchen und belegte Brote. Oder ein offenes Ohr. Zuhören. Reden. Da sein. Ganz wenig kann manchmal ganz viel sein. Mehrere Sozialarbeiter kümmern sich um die Frauen, ehrenamtlich.

Tochter auf dem Rücksitz

Einmal in der Woche packen die Streetworker abends eine Umhängetasche voll mit Bonbons und Schokoriegeln, kochen große Kannen Tee und Kaffee und machen einen Spaziergang. Durch eine Gegend, in der Frauen an der Straße auf Männer warten, die für schnellen, anonymen Sex Geld zahlen: 20 bis 40 Euro für Geschlechtsverkehr im Auto, im Park, im Stundenhotel.

Es sind junge Männer, alte Männer, reiche und arme, Männer jeglicher Herkunft, die hierherkommen. Männer, die zu Fuß kommen oder mit dem Porsche vorfahren. Bei manchen schläft die kleine Tochter auf der Rückbank des Autos im Kindersitz. Rund 300 Prostituierte gehen an der Kurfürstenstraße zwischen Genthiner und Potsdamer Straße anschaffen. Mal mehr, mal weniger. Wenn eine Messe oder Sportveranstaltung stattfindet, sind es mehr. Die Nachfrage regelt das Angebot. Heute ist ein normaler Tag. Zwei Kannen mit Getränken sollten reichen für den rund einstündigen Gang der Streetworker.

Bibel und Brettspiele

Seit mehr als sieben Jahren gibt es das Café, das zum Verein Neustart gehört. Es wurde mit dem Ziel gegründet, drogenabhängige, sich prostituierende und inhaftierte Frauen zu beraten und zu begleiten. Gerhard Schönborn ist Erster Vorsitzender des Vereins. Der 52-Jährige umsorgt die Frauen wie ein guter Freund, immer mit einem Lächeln, immer mit ein paar lieben Worten. „Kann ich hier mal meinen Rucksack lassen?“, fragt eine junge Frau, die gerade zur Tür hereingerauscht kommt.

Sie wirkt betrunken und fahrig, die Haare hängen in Strähnen. „Mit der Tasche kann ich ja wohl schlecht da draußen stehen“, nörgelt sie und drängt sich polternd an den anderen Frauen vorbei. Gerhard Schönborn legt ihr sanft eine Hand auf die Schulter, nimmt ihr den Rucksack ab und schließt ihn in einem Schrank ein. Er fragt nicht nach. Er hält sie nicht auf. Helfen in kleinen Schritten. Ganz wenig kann so viel sein.

Gemütlich ist es hier im Café, hell. Der kleine Raum erinnert an eine WG-Küche, nur viel aufgeräumter: ein paar Sofas hier, ein Sessel da. Collagen mit Sprüchen und Fotos hängen an den Wänden, auf dem Fensterbrett liegen Zeitschriften und Magazine, ein paar T-Shirts und Hosen – Kleiderspenden, die sich die Frauen mitnehmen dürfen. In einem Regal stapeln sich Bücher, auch eine Bibel ist dabei. Der Duft von frischem Kaffee und Gebäck hängt in der Luft. Tür auf, Tür zu. Immer wieder kommen Frauen herein, setzen sich kurz, trinken schweigsam einen Tee, gehen wieder zurück auf die Straße.

Vor dem Haus stoppt ein blauer Bus mit dunkel getönten Scheiben. Eine Frau mit langen blonden Haaren beugt sich mit ihrem Oberkörper durch die Scheibe der Beifahrertür. Sie tippelt von einem Bein auf das andere, spielt mit einer Haarsträhne, zupft an ihrem kurzen schwarzen Rock. Nach fünf Minuten rollt der Transporter langsam weiter. Später beim Rundgang durch die Straßen wird man ihn eine Straßenecke weiter sehen. Wieder wird eine Frau an der Beifahrertür stehen und mit dem Fahrer reden. Über Preise. Über Sex.

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