Berlin - Sie ist noch nicht fertig. Felicitas Schirow steckt den Kopf aus der Badezimmertür – sie trägt einen Bademantel und die Haare sind nass – und winkt: „Kommen Sie rein, gleich geht’s los“. Dann verschwindet Berlins bekannteste Bordellbetreiberin wieder im Bad.

In der kleinen Küche ihres Reihenhauses sitzen unterdessen schon zwei Experten, mit denen Schirow noch einiges vorhat: Percy MacLean, früher Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht, und Matthias Lehmann, Forscher zum Thema Prostitution und Menschenhandel. Sie sind zwei von sieben Fachleuten, die am Montag ab 18 Uhr bei einer Diskussion in der Urania dabei sein werden, die Felicitas Schirow organisiert hat. Titel: „Das habe ich mir ja ganz anders vorgestellt!“. Es soll um die aktuelle Debatte über Prostitution gehen, um mögliche Änderungen des Prostitutionsgesetzes und Pläne, Freier von Zwangsprostituierten zu bestrafen. Vor allem aber soll eine Gegenposition zu Alice Schwarzer formuliert werden, die Prostitution verbieten möchte.

Woran erkennt man denn eine Zwangsprostituierte?

Die Kampagne der Ober-Feministin bringt Felicitas Schirow in Rage. So sehr, dass sie kurzfristig Journalisten in ihr Reihenhäuschen im Berliner Südwesten eingeladen hat. Die 57-Jährige, die seit 40 Jahren immer wieder als Prostituierte arbeitet und mit ihrem Rechtsstreit um das Café Pssst! Geschichte schrieb, will ihre Sicht der Dinge schildern. Dass sie es in ihrer Küche und ihrem Wohnzimmer tut, wirkt, als wollte sie sagen: Schaut her, ich habe nichts zu verstecken.

Alice Schwarzer diskriminiere Prostituierte und Freier, sagt Schirow, sie arbeite mit falschen Statistiken und verkenne die Realität. Prostitution erfülle einfach ein Grundbedürfnis des Mannes, und wenn eine Frau die Tätigkeit freiwillig ausübe, sei das völlig in Ordnung.

Mit dem Gesetz von 2002 habe sich die Lage der Sexarbeiterinnen deutlich gebessert, sagt Schirow. „Auch für mich war es gut.“ Denn seitdem ist auch die Förderung der Prostitution nicht mehr strafbar – und das tut Schirow, da in ihrem Café Pssst! Huren und Freier zusammenkommen. Doch nun hat Schirow Angst, „dass von der Politik der falsche Weg eingeschlagen wird.“

Sie will keine Sperrbezirke oder Sperrzeiten, wie sie für die Kurfürstenstraße diskutiert werden, sagt sie. Und keinerlei Bestrafungen für Prostituierte und Freier. Auch Freier von Zwangsprostituierten sollten nicht bestraft werden. Denn dann würden sie nicht mehr mit der Polizei zusammenarbeiten. Zudem: Woran erkennt man denn eine Zwangsprostituierte?

Wenn ein Freier eine Frau zum Sex zwinge, sei das bereits strafbar, sagt Percy MacLean. Der Jurist fällte 2000 das Urteil zum Café Pssst!. Jetzt sitzt er in Schirows Wohnzimmer, als wäre dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Schwarzer unterstelle ihm Naivität, sagt er. „Das verbitte ich mir.“ Ihm sei es darum gegangen, dass auch Prostituierte Grundrechte haben.

Matthias Lehmann sagt, gegen Menschenhandel helfe nur eins: Präventionsmaßnahmen in den Herkunftsländern, wie sie beispielsweise die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" in Bulgarien initiiert habe. Dort werden Mädchen in der Schule über das Thema aufgeklärt. Darüber hinaus sollten Frauen, die vorhaben zur Sexarbeit nach Deutschland zu kommen, vorab über ihre Rechte und die zu erwartenden Arbeitsbedingungen informiert werden.

Schirow hört zu und nickt. Sie habe ja selber auf viele Fragen keine Antwort, sagt sie. Aber vielleicht sei das am Montag schon anders – nach der Diskussion in der Urania.