Am Ende war es ein imponierendes Areal: Etwa 250 Meter von der Oderstraße entfernt, vom Neuköllner Eingang zum Tempelhofer Feld, flatterte das rot-weiße Absperrband quer über die nebelnasse grüne Wiese. Das Band markierte ein Rechteck, das dort bebaut werden soll. Mit Wohnungen, die an den Schillerkiez angrenzen sollen. Die Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“, die gegen jede Randbebauung auf dem ehemaligen Flugfeld ist, hatte die Absperrung gespannt. Sozusagen zur Mahnung, wie Mit-Initiator Michael Schneidewind sagte: „Wir wollen zeigen, wie massiv hier gebaut werden soll“.

1 800 Meter rot-weißes Plastikband hatten die Aktivisten gemeinsam mit Grünenpolitikern aus Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg am Sonnabendnachmittag ausgerollt. Die Markierung reichte quer über die Hundewiese und blockierte alle Betonwege zum Ausgang.

Der Senat will am Rand des Tempelhofer Feldes etwa 4.700 Wohnungen, dazu Gewerbeflächen für rund 7.000 Arbeitsplätze und einen Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek errichten. Die große Fläche in der Mitte des Tempelhofer Feldes soll auf 230 Hektar frei bleiben. Zum Vergleich: Der Große Tiergarten ist 210 Hektar groß. Die Bürgerinitiative will das Feld als Grünschneise und Freizeitpark komplett bewahren. Derzeit sammeln ihre Mitglieder Unterschriften für ein Volksbegehren. Bis zum 14. Januar 2014, also in vier Wochen, müssen rund 174.000 gültige Unterschriften beisammen sein, dann ist das Volksbegehren erfolgreich. Bislang ist der Zulauf eher mäßig, hat man erst etwa die Hälfte gesammelt.

Aber Michael Schneidewind ist optimistisch: „Wir haben gerade 90.000 Unterschriften bei der Landeswahlleiterin abgegeben und geben jetzt noch mal Vollgas“, sagte er. Die Markierung der Wiese am Sonnabendnachmittag sollte auch so etwas wie der Beginn des Endspurts sein. Nur schade, dass außer den rund 60 Aktivisten kaum jemand da war, der das bemerkte: Während sich in den nahen Neuköllner Geschäftsstraßen die Menschen im Einkaufsstress drängten, präsentierte sich das Tempelhofer Feld – abgesehen von einigen Hundehaltern – nahezu menschenleer. Doch es gibt natürlich nicht nur diese eine Aktion: 1.140 Unterschriftenlisten liegen derzeit in Geschäften und Kneipen aus, 120.000 Info-Flyer wurden in Hausbriefkästen gesteckt, weitere 200.000 Flyer warten noch auf ihre Verteilung. Michael Schneidewind: „Wir werden jetzt auch auf Weihnachtsmärkten, in Unis und beim Heimspiel von Hertha sammeln.“

Sollte die nötigen Unterschriften pünktlich vorliegen und das Abgeordnetenhaus dem Volksbegehren dennoch nicht folgen, kommt es zum Volksentscheid. Dann werde sich zeigen, sagte Schneidewind, wie ernst die Berliner Politik Demokratie nehme. Der Senat müsse dann nicht nur die Argumente der Bau-Befürworter, sondern auch die der Bau-Gegner penibel auflisten, jeder Berliner Haushalt müsse diese Informationen erhalten. Schneidewind: „Dann kann jeder für sich entscheiden, wie er abstimmt.“

Die Initiative werde jedes Ergebnis akzeptieren, auch ein für sie negatives. Denn zuletzt hatten 59 Prozent der Berliner die Bebauung des Tempelhofer Feldes befürwortet, in einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung wollte die Mehrheit dort neue Wohnungen. Immerhin plant der Senat, dass beim ersten großen Bauprojekt am Tempelhofer Damm, wo bis zu 1.700 Wohnungen entstehen sollen, mindestens die Hälfte davon zu Mieten von 6 bis 8 Euro pro Quadratmeter monatlich (kalt) angeboten werden. Diese für Neubauten vergleichsweise niedrigen Mieten sollen unter anderem durch eine neue Wohnungsbauförderung erreicht werden.

Dass in Berlin neue Wohnungen dringend gebraucht werden, ist auch den Baugegner klar. Aber, so Schneidewind: „Es gibt genügend andere, besser geeignete Flächen in der Stadt.“ Die grüne Wiese in Tempelhof müsse erst für viel Geld baureif gemacht werden. Und: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass später, wenn Berlin wieder mal Geld braucht, weiter Freiflächen dort für weitere Bauvorhaben verkauft werden.“