Zwangsmittel wurden angedroht, und Zwang wurde auch tatsächlich ausgeübt. Eine Frau und zwei Männer, die aus Protest gegen den Weiterbau der Autobahn A 100 mehrere Bäume in Neukölln besetzt hatten, bekamen ihn am Montag zu spüren. Nacheinander wurden die Umweltaktivisten, die sich in den Pappeln angeseilt oder festgekettet hatten, nach unten geholt, wo die Polizei ihre Personalien feststellte. Fas fünf Stunden dauerte die Räumung des Grundstücks Neuköllnische Allee 33, die von rund hundert Polizisten gesichert wurde. „Damit ist der Weg frei für die Verlängerung der A 100“, sagte Petra Rohland, Sprecherin von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD).

Plötzlich wehte ein Hauch von High Noon durch das Neuköllner Gewerbegebiet. Es war kurz vor zwölf Uhr mittags, als dunkel gekleidete Männer in wehenden Mänteln das Grundstück betraten, das für die Autobahn nach Treptow als Baustellenfläche gebraucht wird. Der Mann an der Spitze ging mit einem Siegerlächeln an den mehr als zwei Dutzend versammelten Autobahngegnern vorbei, und ein Sieger war er in der Tat. Denn die Enteignungsbehörde der Senatsverwaltung, die Michael Losch als Leiter der Rechtsabteilung vertrat, hat den Streit um das Grundstück gewonnen.

Eigentümer José da Silva habe acht Verfahren vor dem Verwaltungs- und dem Oberverwaltungsgericht angestrengt und verloren, wie Losch feststellte. Nun sei er gekommen, um den Enteignungsbescheid zu vollstrecken und als Vertreter des Bundes das Grundstück in Besitz zu nehmen. Er erwarte die Übergabe, so der Jurist. Umgehend.

Mit seinen Anwälten, seiner Frau und den drei Kindern stand José da Silva vor dem Senatstrupp. Der gebürtige Spanier sah aus, als könne er nicht verstehen, was ihm gerade widerfährt. In der rund tausend Quadratmeter großen Halle lagert der Händler spanische Lebensmittel und Wein. Er berichtete: „Am 9. Juni 2011 habe ich dieses Grundstück ersteigert“, von der Landesbank Berlin. Er sei froh gewesen, dass er endlich passende Räume für sein Unternehmen „Spanische Quelle“ bekam.

„Jetzt geht es um meine Existenz“

Lutz Adam, der die Bundesstraßenverwaltung vertrat, fand den Kauf erstaunlich. Schließlich lag der Planfeststellungsbeschluss für die Autobahn damals schon vor. Doch da Silva berichtete, dass in dem Sachverständigengutachten zu der Zwangsversteigerung stand, dass die Halle nicht abgerissen werden müsse. „Jetzt geht es um meine Existenz.“ Das Land habe da Silva „ins offene Messer laufen lassen“, klagte Michael Lahni, einer der Anwälte.

Doch auch der letzte Versuch vor Gericht scheiterte. Vor wenigen Tagen habe das Bundesverfassungsgericht seine Verfassungsbeschwerde abgewiesen, berichtete da Silva. „Als der Senat eine Entschädigung nach Verkehrswert versprach, willigte er in die Übergabe ein. „Ich bin gegen die Enteignung, aber nicht gegen die Autobahn“, sagte der Spanier.

So konnte sich Losch den Baumbesetzern von Robin Wood und dem Aktionsbündnis „A 100 stoppen“ zuwenden. Er ging zu der Pappel mit dem Protest-Baumhaus. „Können Sie mich hören?“ rief er hinauf. Laute Töne aus einem Megaphon waren die Antwort von oben. Auch die Besetzer müssten das Grundstück verlassen, sagte Losch: „Sonst begehen Sie Hausfriedensbruch.“

Um 12.52 Uhr hieß es dann: „Hier spricht die Polizei!“ Eine Beamtin des Abschnitts 54 verkündete ein Ultimatum, doch die Besetzer harrten auch nach Ablauf der 15-Minuten-Frist aus. Und so sperrte die Polizei die Straße, Hundeführer gingen in Stellung. Beamte der Bundespolizei, sonst für Höhenrettungen zuständig, packten Seile und Karabiner aus. Hinter dem rotweißen Absperrband sahen Senioren aus der Nachbarschaft zu. „Du brauchst Dir diese Typen nur ansehen“, sagte einer. „Alles Hartz-IV-Empfänger.“ Da baten Polizisten gerade die Grünen-Abgeordneten Dirk Behrendt und Harald Moritz nach draußen. Eine Frau musste weggetragen werden.

Er heiße Valerius, rief der erste Baumbesetzer, den die Bundespolizei holte. Da lag die erste Pappel schon abgesägt am Boden. Gegen 17.30 Uhr, es war schon dunkel, war auch der letzte Aktivist entfernt, und es konnte mit der Zerstörung des Baumhauses begonnen werden.

Für die Gegner der 3,2 Kilometer langen, 475 Millionen Euro teuren Autobahn hat sich die Aktion gelohnt, das Medieninteresse war beträchtlich. Groß gestört wurde das Projekt aber nicht. Lutz Adam vom Senat hatte extra einen alten Mantel angezogen, weil er mit Eierwürfen rechnete, doch es blieb friedlich. „2022 soll die Autobahn fertig werden“, sagte er. Und ging ins Büro.