Atterwasch - Am Mittwochmorgen geht Mathias Berndt zur Kirche. Der Pfarrer schließt das Gotteshaus in dem Lausitzdörfchen Atterwasch auf und zündet drei Kerzen an. Seit fünf Jahren macht er das – Tag für Tag. Die Kerzen stehen für Atterwasch und die Nachbargemeinden Kerkow und Grabkow. Orte, die ein Schicksal vereint – sie sollen der Braunkohle zum Opfer fallen. Zehn Kilometer vor Atterwasch steht der Tagebau Jänschwalde. Irgendwann soll er in Richtung Norden weitergeführt werden, die drei Dörfer sind ihm dabei im Weg.

An diesem Mittwoch hat sich der Protest gegen die Pläne in Atterwasch versammelt. Beim Dorffest, das das Bündnis Heimat und Zukunft organisiert hat. Etwa 300 Menschen sind gekommen. Selten ist die Kirche zu einem Gottesdienst so voll. „Höchstens zu Weihnachten“, sagt Pfarrer Berndt. Der 62-Jährige hat sich an die Spitze des Protests gestellt. „Seit Vattenfall uns in Rundschreiben mitgeteilt hat: Wir brauchen die Kohle, ihr müsst weichen“, fasst der Pfarrer den Inhalt des Briefes vom September 2007 zusammen. Zum Schluss stand da ein „Glück auf“.

Zermürbende Ungewissheit

Pfarrer Berndt lebt seit 37 Jahren in dem Dorf, dass 2044 gerne seine 750-Jahr-Feier begehen würde. Doch da gibt es den Energiekonzern Vattenfall, der gerne noch über Jahrzehnte weiter Braunkohle in der Lausitz fördern würde. Und da gibt es die Landesregierung, die in ihrer „Energiestrategie 2030“ festgehalten hat, dass die Braunkohleverstromung auch über das Jahr 2030 hinaus für eine Übergangszeit eine wichtige Rolle spielen werde. Trotz Energiewende und trotz der Tatsache, dass in den Braunkohlekraftwerken große Mengen des Klimakillers Kohlendioxid produziert werden.

„Man muss die Schöpfung bewahren“, erklärt Berndt sein Engagement. Es gebe Entwicklungen, bei denen die Menschen dem Rad in die Speichen greifen müssten. So wie jetzt in Atterwasch. „Das Schlimme ist, dass niemand sagen kann, wann Atterwasch abgebaggert werden soll. Die Zeit spielt für uns, aber die Ungewissheit zermürbt auch. Sie macht depressiv und aggressiv“, erklärt der Pfarrer. Er glaubt nicht, dass der Kabinettsbeschluss, der Planungssicherheit für Vattenfall bedeutet, bis 2015 kommen wird.

Die Menschen in Atterwasch haben an diesem Tag eine klare Botschaft: „Wir wollen hier bleiben“, sagt Monika Schulz-Höpfner, die in der Menge steht und dem Redner auf einer Bühne vor der Kirche zuhört. Sie lebt in dem 240 Einwohner zählenden Dorf, und sie ist Landtagsabgeordnete der CDU. „Wir haben hier alle nicht geglaubt, dass Atterwasch einmal zur Disposition stehen würde“, erklärt sie. Hatte doch vor Jahren der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe erklärt, Horno sei das letzte Dorf, das abgebaggert werde.

„Vielleicht war es blauäugig, das zu glauben“, sagt die 57-Jährige. Dabei hat Schulz-Höpfner durchaus Pläne für eine Zukunft in Atterwasch. Ihre Tochter will nach dem Studium zurückkommen. Und den Hof soll einmal ihre Enkelin übernehmen, die Landwirtin lernt.

Viele haben resigniert

Wird es Atterwasch dann aber noch geben? „Die lange Ungewissheit – kommen die Bagger, kommen sie nicht – ist einfach nervend“, sagt Schulz-Höpfner. Vor allem junge Leute seien weggezogen. Viele haben auch resigniert. „Sie wollen in Ruhe gelassen werden, weil sie denken, die Politiker machen so und so was sie wollen.“ Das Argument, dass Vattenfall Arbeitsplätze schafft, lässt die CDU-Politikerin nicht gelten. „Der Ausstieg aus der Braunkohle würde 30 Jahre dauern.“ Günter Schulz hört bedächtig den Reden zu. Der 86-Jährige ist in Atterwasch geboren, wie schon seine Mutter, Großmutter und Urgroßmutter.

Schulz hat hier eine Landwirtschaft betrieben, die sein Sohn übernommen hat. „Atterwasch ist meine Heimat, die kann man auch mit einer Menge Geld nicht woanders finden“, sagt der alte Mann. Um sich mache er sich wenig Sorgen, vielmehr um seine Kinder und Enkel. Vertrauen in die Politik hat er längst nicht mehr.

Auch Eckhard Schulz, sein Sohn, ist pessimistisch. „Man soll die Hoffnung nicht aufgeben, aber für Atterwasch sehe ich schwarz.“ Er sagt, dass die Protestfront längst bröckelt, einige an Wegzug denken. „Gerade ältere Leute, deren Kinder aus dem Haus sind, überlegen, ob sie nicht auch gehen sollen“, sagt er. „Kann man es den Leuten übelnehmen, wenn die Zukunft keine Zukunft mehr ist?“ Pfarrer Mathias Berndt wird weiter gegen die Abbaggerung protestieren. „Menschen dürfen nicht entwurzelt werden“, sagt er. Die Kerzen in der Kirche sind heruntergebrannt. Morgen wird er neue anzünden.