Berlin - Die Bilder, die in den vergangenen Tagen aus Hellersdorf kamen, schienen alle Klischees über den gefährlichen Osten zu bestätigen. Hässliche Szenen spielten sich auf einer Bürgerversammlung zum geplanten Flüchtlingsheim ab, sofort wurde der Vergleich zu Rostock-Lichtenhagen gezogen, wo 1992 ein rechter Mob tagelang Asylbewerber jagte. Auf einmal wurde in der Öffentlichkeit so getan, als seien alle Hellersdorfer Nazis, als sei die Abwehr von Fremden ein Phänomen, das speziell in ostdeutschen Plattenbauten auftritt. Die Linken-Bundestagsabgordnete Pau sprach von einer Progromstimmung.

Statistisch gesehen ist Hellersdorf keine rechte Hochburg. Der Gesamtbezirk mit Marzahn rangiert im Berliner Vergleich rechter Übergriffe eher hinten. Allerdings ist die Zahl im vergangenen Jahr leicht gestiegen, wie fast überall in der Stadt, von 75 (2011) auf 114 Übergriffe.

Würde es anderswo keinen Ärger geben, wenn mitten in einem Wohngebiet eine Flüchtlingsunterkunft für 400 Menschen eingerichtet werden sollte? Überall in der Stadt schwelen Konflikte, die durch die gestiegene Zahl der Fremden hervorgerufen wird – und die Politik wirkt überfordert. Als vor ein paar Wochen über ein geplantes Heim in Charlottenburg diskutiert wurde, regten sich die Bürger auch auf, sie redeten nur eloquenter. Auch an dem Camp am Oranienplatz in Kreuzberg entzündet sich der Frust von Anwohnern.

Politiker, die das Weltgeschehen beobachten, hätten ahnen können, dass die Zahl der Asylbewerber weiter steigen wird. Tausende Plätze fehlen in Berlin. Deshalb wird hektisch nach leeren Gebäuden gesucht, egal wo. Doch es fehlt an dem Willen und dem Mut, die Bürger aufzuklären, ihnen die Angst zu nehmen. Die einen ducken sich weg, wie der SPD-Abgeordnete, der nur „bei Gelegenheit“ für das Asylrecht eintritt oder der CDU-Abgeordnete, der findet, man müsste mehr abschieben.

Der Bezirk Hellersdorf hat die Stimmung der Bürger falsch eingeschätzt, organisierte eine Versammlung schlecht, zu spät – und verlor die Kontrolle. Die NPD, die im Bezirksparlament sitzt, nutzte das Treffen als Podium, öffentlich unwidersprochen von den anwesenden Politikern von SPD und Linke.

Wie sollen die Bürger eine klare Haltung gegen Rechtsaußen entwickeln, wenn das nicht mal den Volksvertretern gelingt? Wenn es keine klare Sprache gibt? Ende Juli kommen die ersten Flüchtlinge.