Berlin - Diese Demonstration sei lange überfällig, sagt Dietmar Scheffler. „Und sie ist dringend nötig“, meint der Charlottenburger. „Im Straßenverkehr sind wir Fußgänger das mit Abstand schwächste Glied in der Kette. Wir werden an den Rand gedrängt.“ Um diesen Missstand geht es bei der Demonstration, die am kommenden Mittwoch um 16 Uhr in Mitte beginnt. „Gehwege für die, die gehen – Rad ab!“ lautet das Motto der Protestaktion, zu der die Fußgängerlobby und andere Verbände auf den Alexanderplatz eingeladen haben.

Dietmar Scheffler ist oft in seinem Wohnviertel unterwegs. „Ich kenne Nachbarn, die sich nur noch ungern auf die Straße trauen, weil sie Angst haben“, berichtet der 77-Jährige. Sie fürchten sich vor den Radfahrern, die sich die Bürgersteige aneignen, als ob das selbstverständlich wäre.

Scheffler wohnt nicht weit vom Theodor-Heuss-Platz entfernt. „Dort wird gerade gebaut, Radfahrer weichen auf die Gehwege aus – verbotenerweise“, erzählt der Ruheständler. „Wenn ich mich beschwere, werden mir Prügel angedroht, oder Radfahrerinnen zeigen mir den Mittelfinger.“

Höhere Bußgelder für Gehwegradler gefordert

Ihn nerven aber auch die Kraftfahrer: „Bei uns gibt es kaum eine Kreuzung, auf der nicht falsch geparkt wird.“ Anstatt den vorgeschriebenen Fünf-Meter-Abstand einzuhalten, stellen sie Knotenpunkte mit ihren Autos zu.

Das verschlechtert nicht nur die Sicht und erhöht die Unfallgefahr: „Fußgänger mit Kinderwagen oder Rollatoren haben Mühe, zwischen den Autos auf die Straße zu gelangen“, klagt Scheffler. „Autos müssen raus aus der Stadt!“ Immer öfter werde auch auf Gehwegen geparkt: In seinem Viertel sind es vor allem Motorräder, die den Raum einengen.

Dass Radfahrer für mehr Platz auf den Straßen demonstrieren, kommt verhältnismäßig häufig vor. Fußgängerprotest ist dagegen eine Ausnahmeerscheinung – jedenfalls bislang. Dabei wird rund ein Drittel aller Wege in der Hauptstadt zu Fuß bewältigt. Dieser Anteil ist deutlich höher als beim Auto oder dem Fahrrad.

Unterstützt wird die Fußgänger-Demonstration am 28. August vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverband, vom Sozialverband Deutschland, vom Seniorenbeirat Mitte und von dem Verband Changing Cities. Organisator ist der Fachverband Fußverkehr Deutschland, kurz FUSS. Der Verband geht neuerdings vermehrt an die Öffentlichkeit.

„Wir alle sind auf Sicherheit und Raum beim Gehen angewiesen. Davon wird uns aber immer mehr genommen“, sagt Verbandsvorstand Roland Stimpel. „Auf den Gehwegen wird unerlaubt Fahrrad und neuerdings E-Roller gefahren, die Fahrzeuge stehen und liegen kreuz und quer. Falsch geparkte Fahrzeuge stehen auf Gehwegen und an Straßenecken. Viele von uns werden behindert und bedroht. An diesem Tag holen wir uns unsere Wege zurück.“ Gehwege dürften nicht länger zu „Rumpelräumen und Rennpisten verkommen, fordert Stimpel.

Bei dem „Demonstrations-Spaziergang“ gehe es um vier Forderungen: Gehwege sind zum Gehen da, nicht für schnellere und abgestellte Fahrzeuge. Falsch parken und fahren wird strenger bestraft. Leihfahrzeuge stehen nur noch am Fahrbahnrand. Und: „Ampelgrün für Fußgänger kommt eher, läuft länger und wird weniger durch Abbieger gefährdet.“

Auch Elektrokleinstfahrzeuge machen Fußgängern den Platz streitig – illegal. Obwohl elektrische Tretroller Radwege oder Straßen nutzen müssen, sind sie auch auf Gehwegen unterwegs – sehr zum Ärger vieler Passanten. Seit Mitte Juni dürfen solche Mini-Zweiräder auch für deutsche Straßen zugelassen werden. Dagegen sind Kleinstfahrzeuge ohne Lenk- oder Haltestange weiter illegal. Das soll sich ändern, fordert der Branchenverband Electric Empire – und ruft für den 21. September um 12.30 Uhr zu einer Demonstration in Berlin auf. Sie führt rund 15 Kilometer weit vom Stuttgarter Platz über den Kurfürstendamm zum Tempelhofer Feld.

Elektro-Skateboards, Onewheels, Monowheels – das sind drei Beispiele für die Vehikel, um die es bei dieser Protestaktion geht. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) habe angekündigt, dass er Fahrzeuge ohne Lenk- oder Haltestange testweise zulassen will, sagte der Vorstandsvorsitzende Lars Zemke. Doch seitdem der Bundesrat dies am 17. Mai abgelehnt hatte, weil er ein „Mindestniveau für die Sicherheit“ herstellen wollte, fühlten sich die Aktivisten vergessen. Zemke: „Wir spüren vielerorts eine immense Ablehnung.“

Eine Wutwelle rollt

Mit der Demonstration sollen die Politiker daran erinnert werden, die bislang nur für E-Tretroller geltende Verordnung zu ergänzen. „Außerdem wollen wir zeigen, dass wir diese Fahrzeuge beherrschen, dass wir keine Rowdies sind“, sagte der Verbandschef. Anders als bei Rollern muss das Fahren erlernt und trainiert we rden – das sei der große Unterschied. Doch wie andere Fahrzeuge dieser Art sollten auch diese Vehikel nicht auf Gehwegen fahren dürfen.

„E-Roller richten schon genug Chaos an. Jetzt auch noch kleine Fahr-Spielzeuge wie Einräder, motorisierte Rollschuhe und Hoverboards zuzulassen, würde das Ganze noch verschlimmern“, entgegnete Roland Stimpel. Er könne nur hoffen, dass Scheuer diese Fahrzeuge nicht auch noch zulässt. „Eine Fußgänger-Wutwelle ist spürbar“, so FUSS. Die Demonstration soll sie kanalisieren.

Dietmar Scheffler hofft, dass die Fußgänger am 28. August in Mitte ein Zeichen setzen. „Wir sind viele“, sagt er.