Protest in der Regionalbahn: Warum Nikoläuse die RB26 gekapert haben

Zwischen Berlin und Küstrin-Kietz klagen Fahrgäste über volle Züge und andere Probleme. Die Chance, dass ihre Hauptforderungen erfüllt werden, ist gering.

Flashmob in der RB26: Friederike Fuchs (2.v.r.) von der „Initiative für zuverlässigen Nahverkehr in Märkisch-Oderland“ und andere Fahrgäste singen umgedichtete Weihnachtslieder. 
Flashmob in der RB26: Friederike Fuchs (2.v.r.) von der „Initiative für zuverlässigen Nahverkehr in Märkisch-Oderland“ und andere Fahrgäste singen umgedichtete Weihnachtslieder. Ben Laser

Die Linie RB26 hat es mal wieder geschafft. In der offiziellen Qualitätsstatistik wurde sie erneut als unpünktlichste Regionalzuglinie im Gebiet des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) gewürdigt. Im Oktober wurden nur 61,4 Prozent der Fahrten zwischen Berlin und Küstrin-Kietz als pünktlich gewertet – das ist unter den 43 Strecken im VBB Minusrekord. Fahrgäste beklagen Verspätungen, Technikstörungen, volle Züge und schlechten Schienenersatzverkehr. „Wir fühlen uns alleingelassen“, sagt Friederike Fuchs von der Initiative für zuverlässigen Nahverkehr in Märkisch-Oderland (MOL). Jetzt hat die Gruppe mit einer ungewöhnlichen Aktion auf sich aufmerksam gemacht. Doch auch eine ihrer zentralen Forderungen hat derzeit keine Chance, erfüllt zu werden.

Dass die Fahrgäste am Nikolaustag plötzlich weihnachtliche Anwandlungen bekamen, hatte nichts damit zu tun, dass sie eventuell etwas zu viel Glühwein getrunken hatten. Friederike Fuchs und ihre Mitstreiter hatten sich am Dienstagnachmittag unter die Reisenden des Dieseltriebwagens gemischt, der um kurz nach halb fünf von Berlin-Lichtenberg über Strausberg und Müncheberg ins Oderland Richtung Polen fuhr. Sie sprachen mit Reisenden über die Forderungen: genug Sitzplätze, Informationen künftig per App, mehr Pünktlichkeit und Geld zurück für Zeitkarteninhaber bis November.

„Oh Regiobahn, oh Regiobahn, was hast du mir nur angetan“

Zuerst zögerten die Reisenden, sich eine Nikolausmütze aufzusetzen. Doch als im Mehrzweckabteil ein Gruppenfoto anstand, „kam Schwung in die Sache“, so Fuchs. Die Initiative hatte Weihnachtslieder wie „O Tannenbaum“ und „Stille Nacht“ umgedichtet, im Text ging es um die Probleme auf der RB26. Gesungen wurde auch auf Polnisch. Fuchs: „Bis Nikolaus(in) in Rehfelde einstieg, waren wir schon eingesungen.“

Eine erste Strophe begann so: „Oh Regiobahn, oh Regiobahn, was hast du mir nur angetan, mit dir komm ich nie pünktlich an, drum muss ich mit dem Auto fahr’n.“ In der zweiten Strophe heißt es: „Oh Regiobahn, oh Regiobahn, du hast nur einen Wagen dran. Es drängt sich innig Frau an Mann, sodass auch niemand umfall’n kann.“ Verspätungen, im Sommer Ausfälle der Klimaanlage in den Zügen der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB), im Winter Kälte: Alles, was die Nutzer der RB26 nervt, findet sich im Lied wieder.

Unter Hartmut Mehdorn ließ die DB Weichen und Gleise abbauen

„Wir haben den Nikolaustag genutzt, um auf die Probleme auf der Strecke aufmerksam zu machen“, sagte Friederike Fuchs. Die Architektin, die in Buckow in der Märkischen Schweiz ihr Büro hat, nutzt die Regionalbahnen vor allem in ihrer Freizeit. Viele Menschen sind auf die RB26 angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Ein großer Teil kommt aus Polen. „Krankenpflegerinnen, Reinigungskräfte, Köche – Menschen, auf die Krankenhäuser und andere Unternehmen in Berlin angewiesen sind“, berichtet Fuchs. 

Besonders gravierend wirkt sich aus, dass DB Netz viel auf der Strecke baut – seit 2017 fast durchgehend. Allein seit März gab es neun planmäßige Bauvorhaben. Das führte immer wieder dazu, dass auf zum Teil langen Abschnitten Busse die Züge ersetzten, was Reisen stark verlängerte. Doch weil auch in der Busbranche Personal fehlt, war es oft schwierig, ausreichend Kapazität im Schienenersatzverkehr (SEV) bereitzustellen. „Es kam wiederholt zu gefährlichen Situationen in überfüllten Bussen“, berichtete Fuchs.

Startklar für die Fahrt nach Berlin: Ein Dieseltriebwagen der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) vom Typ Pesa Link steht am provisorischen Bahnsteig in Müncheberg.
Startklar für die Fahrt nach Berlin: Ein Dieseltriebwagen der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) vom Typ Pesa Link steht am provisorischen Bahnsteig in Müncheberg.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Ein weiteres Problemfeld ist die Infrastruktur auf diesem Teil der Ostbahn, wie die einst nach Königsberg führende Strecke anfangs hieß. Während der Nullerjahre ließ die DB in Müncheberg und anderswo Weichen sowie Gleise ausbauen. Entlang der eingleisigen Trasse gibt es kaum noch Reserven, um Verspätungen ausgleichen zu können. Bahnübergänge, Signale, Stellwerke sind zudem oft veraltet, Störungen kommen vor. Allein im Juni und Juli fielen mit rund 35.000 Zugkilometern rund 19 Prozent der bestellten Zugleistungen aus – meist war das bau- und infrastrukturbedingt, teilte die NEB mit.

Die NEB bedauert: Hauptforderung der Fahrgäste ist „nicht realistisch“

Normalerweise führt die RB26 ins polnische Kostrzyn, ehemals Küstrin. Doch die  Oderbrücke bei Küstrin-Kietz wird neu gebaut, und dieses Projekt verzögert sich zudem bis Mai 2023. Weil die Straßenbrücke nur 7,5 Tonnen trägt, dürfen nur kleine Busse als SEV verkehren. Es kommt vor, dass Fahrgäste mangels Kapazität zurückbleiben. 

Die Initiative hat bereits Demonstrationen, Diskussionen und einen runden Tisch organisiert. Auf ihrem Wunschzettel stehen nicht nur genug Sitzplätze oder mehr Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, sondern auch finanzielle Erstattungen für Nutzer der RB26, die in den vergangenen Wochen eine Monats- oder andere Zeitkarte besaßen.

Eine alltägliche Szene auf der RB26: Der 6.11-Uhr-Zug von Küstrin-Kietz nach Berlin bestand nur aus einem Triebwagen. Immer wieder kommt es vor, dass Doppeltraktionen ausfallen, weil es Probleme beim Kuppeln gibt.
Eine alltägliche Szene auf der RB26: Der 6.11-Uhr-Zug von Küstrin-Kietz nach Berlin bestand nur aus einem Triebwagen. Immer wieder kommt es vor, dass Doppeltraktionen ausfallen, weil es Probleme beim Kuppeln gibt.Friederike Fuchs

Doch die Aussichten sind schlecht. „Eine Erstattung, auch teilweise, ist nicht realistisch“, sagte die NEB-Sprecherin Katja Tenkoul der Berliner Zeitung. „Zeitkarten werden nicht für eine Linie oder ein Verkehrsmittel allein, sondern für die Beförderung während eines bestimmten Zeitraums mit allen Verkehrsmitteln im jeweiligen Gültigkeitsbereich erworben. Auch wenn viele Züge verspätet waren oder ausfielen, fand eine Beförderung in den meisten Fällen statt – durch den verspäteten oder einen nachfolgenden Zug, andere Verkehrsmittel oder Ersatzverkehr“, erklärte sie. „Die verkehrliche Leistung, für die die Fahrgäste bezahlen, wird also erbracht.“

„Den Ärger und Frust der Fahrgäste können wir verstehen. Da wir keine Kostenerstattung gewähren können, sind wir mit der DB Netz derzeit im Gespräch zu einer geeigneten Aktion, um den Fahrgästen für die vielfachen Unannehmlichkeiten und ‚Geduldsproben‘, die dieses Jahr auszuhalten waren, etwas zurückzugeben“, so Tenkoul.

2023 soll nicht mehr so viel auf der Linie RB26 gebaut werden

Immer wieder gibt es auch den Wunsch, die polnischen Dieseltriebwagen vom Typ Pesa Link durch zuverlässigere Fahrzeuge auszutauschen. Beim Kuppeln kommt es nicht selten zu softwarebedingten Problemen. Dann seien Doppeltraktionen nicht möglich, und die Züge müssen solo fahren. Doch aus Sicht der NEB haben die Pesa Links einen wesentlichen Vorteil: eine Zulassung für Polen. Mit einer Rollkur sollen nun alle elf Fahrzeuge zuverlässiger werden, bekräftigte das Unternehmen. Außerdem kündigte es eine bessere Information der Fahrgäste an. „Die NEB stellt alle internen Prozesse auf den Prüfstand, um Verbesserungspotenziale auszuschöpfen“, sicherte Tenkoul zu.

Immerhin: „Da ein Großteil der Zugausfälle und Verspätungen auf die Bauarbeiten auf der Strecke zurückzuführen sind, sollte sich die Situation im Dezember mit dem Ende der Bauarbeiten spürbar entspannen“, hofft die Sprecherin. Die NEB gehe mit heutigem Wissensstand für das kommende Jahr von einem geringeren Baugeschehen auf der RB26 im Jahr 2023 aus. „Eine sichere Prognose ist jedoch schwierig“, schränkte sie ein.

Bei der Protestaktion am Nikolaustag in der RB26 ging es auch um die Forderung, Besitzer von Monats- und anderen Zeitkarten finanziell zu entschädigen – als Kompensation für die Probleme auf der Strecke.
Bei der Protestaktion am Nikolaustag in der RB26 ging es auch um die Forderung, Besitzer von Monats- und anderen Zeitkarten finanziell zu entschädigen – als Kompensation für die Probleme auf der Strecke.Ben Laser

Friederike Fuchs hat den Eindruck, dass noch viele Anstrengungen nötig sind, bis sich auf der RB26 die Lage bessert. Sie beobachtet, dass immer mehr Menschen wieder Auto fahren. „Die Parkplätze am S-Bahnhof Strausberg sind voll“, berichtet sie. Für die auch in Brandenburg angestrebte Mobilitätswende ist das die schlechteste aller Lösungen.