Berlin - Sie protestieren bei Sonne und Regen, an lauen Sommerabenden und bei Frost. Montag für Montag stehen sie auf dem Friedrichshagener Marktplatz an der Bölschestraße, um zu demonstrieren. Der BER sei am falschen Ort gebaut worden und das Flugroutenkonzept belaste zu viele Bürger, sagen sie. Jetzt erreichen die Mahnwachen am Denkmal von Friedrich dem Großen, der den Bürgern mit Dreispitz und Gehstock zur Seite zu stehen scheint, ein bemerkenswertes Jubiläum. „Wir treffen uns zum 500. Mal“, sagt Ralf Müller, der Sprecher der Friedrichshagener Bürgerinitiative, kurz FBI. Seit 2011 sollen die Mahnwachen zeigen: „Wir sind da, und wir sind handlungsfähig.“ Das sei auch notwendig. Denn der Konflikt um den Fluglärm im Osten Berlins werde sich bald wieder verschärfen, so Müller.

Doch wann genau wird das Jubiläum stattfinden? „Der 500. Montag ist am 25. Januar. Es gab aber während des ersten Lockdowns ein Versammlungsverbot“, sagt der 56-jährige Architekt. Lediglich Mini-Mahnwachen mit maximal zwei Personen fanden statt. „Berücksichtigt man diese Zeitspanne, wird die 500. Demo erst am 15. März stattfinden“, rechnet Müller vor.

500 Demonstrationen, das ist selbst für das kritikfreudige Berlin eine bemerkenswerte Zahl. Ein Rekord? Gegen das Bahnbauprojekt Stuttgart 21 werde seit mehr als zwei Jahrzehnten demonstriert, der Flughafen Frankfurt am Main sei noch länger Zielscheibe von Protesten, gibt Müller zu bedenken. Dass es die BER-Montagsmahnwachen schon so lange gibt, macht ihn und seine Mitstreiter zwar stolz – ein Grund zur Freude ist es für sie aber nicht. Denn die Missstände bestehen fort, und sie kommen jetzt zum Tragen. Der Flughafen BER in Schönefeld wurde am 31. Oktober tatsächlich eröffnet, das Flugroutenkonzept ist nun in Kraft. Aus der Theorie ist Praxis geworden.

Man sieht es Ralf Müller nicht an, dass er ein Protestler der ersten Stunde ist. Der Schnauzbartträger spricht gelassen. Ärger ist aber trotzdem zu spüren. Lange Zeit war die Müggelseeregion in den Plänen für die Flugrouten am BER ein weißes Blatt, berichtet er. Die Strecken sollten anderswo verlaufen. Manch ein Immobilienkäufer entschied sich für Friedrichshagen, schließlich würde es dort ruhig bleiben. Aber dann tauchten in Karten für die Fluglärmkommission plötzlich Striche auf, die über den Müggelsee hinwegführten. Die Bürger fielen aus allen Wolken, sie fühlten sich betrogen. Am 4. Juli 2011 trafen sie sich am Alten Fritz, um spontan zu protestieren. Ralf Müller war bei der ersten Montagsdemo dabei – und danach bei vielen anderen.

Hans Niebergall wägt ebenfalls jedes Wort ab. Er arbeitet für eine Institution, die von vielen Friedrichshagenern seit jenen Tagen vor neuneinhalb Jahren als Hauptgegner empfunden wird: die Deutsche Flugsicherung (DFS), eine Gesellschaft im Eigentum des Bundes. Wenn der Wind aus Osten weht, wird in Richtung Osten gestartet, erklärt der Leiter des Towers Berlin. Weil Corona auch in Berlin die Zahl der Starts und Landungen zurückgehen ließ (im Dezember um fast 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat), wird am BER derzeit nur eine der beiden Startbahnen genutzt – die nördliche.

Es gibt zwei wesentliche Varianten, so Niebergall: „Geradeausflüge Richtung Erkner und das nördliche Abdrehen über den Müggelsee“ – also in Richtung Friedrichshagen. Die Müggelseeroute sei konzipiert worden, damit viele Maschinen keinen weiten Bogen um Berlin fliegen müssen. So werde Kerosin gespart und der Kohlendioxidausstoß sei niedriger. Die Routenvariante soll auch dazu beitragen, Erkner zu entlasten: „Denn dieser Bereich ist zusätzlich von Anflügen betroffen.“ Die schnurgerade Route für den Landeanflug führt über die Kleinstadt hinweg.

Wie oft wird in Berlin in Richtung Osten gestartet? „Aufs Jahr gerechnet ist das bei rund einem Drittel der Starts der Fall“, sagt Niebergall. Im vergangenen Juni traf dies auf 51 Prozent der Abflüge zu, im November nur auf sieben Prozent. Und in wie vielen Fällen ist Friedrichshagen betroffen? Der DFS-Mann nennt ein Beispiel: Am 3. Januar kurvten 66 Flugzeuge zum Müggelsee ab, 57 flogen über Erkner.

Weiterhin Fluglärm in Berlin

„Flugzeuge haben wir hier schon früher gehört“, sagt Ralf Müller. Es waren Maschinen im Landeanflug im weit entfernten Tegel. Doch TXL ist seit November geschlossen. Nun ist die Müggelseeroute in Betrieb – und dort fliegen startende Maschinen, die noch keine große Höhe erreicht haben. Zudem wird berichtet, dass viele Flugzeuge bald von der Route abweichen. Ab einer Höhe von 5000 Fuß, rund 1500 Meter, sei das zulässig, so die Flugsicherung. „Die DFS organisiert Flugverkehr nach Gutsherrenart“, entgegnet Müller verärgert. „Sie zieht einen breiten Lärmfächer über die Stadt.“ Berichtet wird, dass die Messstation, die von einem Mitglied der FBI betrieben wird, jüngst bei 68,5 Dezibel anschlug. Ein Steigflug habe dicht über die Bölschestraße hinweggeführt.

Obwohl der Bau des BER in Schönefeld damit begründet wurde, dass nach der Eröffnung der Fluglärm in Berlin abnehmen würde, sei in der Stadt weiterhin Turbinenkrach zu hören. „Zum Beispiel in Biesdorf und Mahlsdorf. Selbst aus Charlottenburg haben wir eine Meldung bekommen.“

Wenn die Pandemie abklingt, werde mit dem Verkehr auch der Fluglärm zunehmen. „Dann wird auch der Bürgerprotest wieder lauter werden“, kündigt der Friedrichshagener an. Gut möglich, dass es einen erneuten Anlauf geben werde, in Berlin ein Volksbegehren gegen Nachtflüge zu starten. Die FBI habe sich mit Luftverkehrsgegnern von Fridays for Future und „Am Boden bleiben“ vernetzt. Sie steht mit dem Umweltbundesamt in Kontakt, arbeitet an Alternativrouten. „Würden wir etwas verändern, würden andere Bürger belastet“, sagt dagegen Hans Niebergall. Wenn sich der Luftverkehr wieder normalisiert habe, werde der Betrieb ein Jahr lang beobachtet – und dann könne über Änderungen gesprochen werden.

Und so wird es die BER-Montagsmahnwachen an der Bölschestraße noch lange geben, kündigt Ralf Müller an. Der Druck werde wachsen. „Dafür sorgen wir.“ Muss er nicht auch manchmal mit dem Flugzeug verreisen? „Ich fliege nie“, sagt er.