Berlin - „Schatz, ich weiß, was Du gestern gesagt hast! Und vor allem: Zu wem!“ Solche oder ähnliche Dinge müssen Sie sich möglicherweise bald am morgendlichen Frühstückstisch anhören. Denn eine Gruppe von Guerilla-Spionen hat in jüngster Zeit Aufnahmegeräte an mehreren Orten in Berlin platziert und Gespräche von ahnungslosen Passanten aufgezeichnet.

Anschließend stellten sie die Aufnahmen ins Netz. Ohne Einwilligung der Betroffenen. Öffentlich, für jedermann einsehbar und nachzuhören - auf einer eigens dafür aufgebauten Website unter wearealwayslistening.com („Wir hören immer zu“).

Auf dieser Seite prangt einem zunächst ein persifliertes NSA-Logo entgegen.

Damit wird klar, gegen wen sich die Aktion richtet. Die „Hobby-Spione“ - wie Vice die Aktivisten auch nennt - hören Bürger aus Protest gegen die Überwachungsmaßnahmen des amerikanischen Geheimdienstes ab. Als Reaktion auf die laut der Gruppe „illegalen Abhöraktionen der NSA“, aber auch gegen die ausbleibende Empörung durch die Bevölkerung.

Gestartet haben die Guerilla-Spione ihre Aktion in New York, inzwischen operierten sie auch in Berlin. Auf ihrer Webseite ist ein Video zu sehen, wie sie präparierte Diktiergeräte unter Tischen in Cafés befestigen, zum Beispiel - wie im Folgenden zu sehen - dem Bateau Ivre in Kreuzberg.

Die Geräte sind alt, groß und damit unter Umständen relativ gut zu entdecken. Die abgehörten Passanten sollen sie also auch sehen können und auf die Bedrohung aufmerksam werden. In den Mitschnitten ist zu hören, wie sich eine Frau über die Ausbeutung im Kunstbusiness beklagt, Teilnehmer einer Anti-Rassismus-Demonstration über Sexismus in Songs von Peter Fox unterhalten oder am Potsdamer Platz französische Touristen den guten Service in Berlin loben.

Die Inhalte erscheinen zunächst unverfänglich. Den Aktivisten geht es aber nach eigener Aussage darum, die Bürger zu sensibilisieren: Jeden Tag enthüllen Menschen auf der Straße öffentlich vermeintlich harmlose Informationen, die von Geheimdiensten aus dem Kontext gerissen und in einen anderen Zusammenhang gebracht gegen sie verwendet werden könnten.

Die Guerilla-Spione wollen vor allem die Fraktion der überwachten Bevölkerung aufrütteln, die ihr Desinteresse am Thema üblicherweise aus der Haltung zieht: „Mir egal, ich hab sowieso nichts zu verbergen.“ Trotz der skandalösen Enthüllungen über die Abhörpraktiken der NSA und der seit langem schwelenden Debatte darüber, wie sich die Bundesregierung in dieser Angelegenheit gegenüber den USA positionieren sollte, lässt die ganz große Empörung in Deutschland auf sich warten.

Die NSA sitzt weit weg, das Thema Überwachung ist vielen Deutschen reichlich abstrakt. Die Mitschnitte sollen die Bedrohung den Menschen konkret vor Augen (und Ohren) führen. Zudem gibt es auf der Website einen „Wütend?“-Button, über den man zu einer Petition von Amnesty International gelangt, mit dem Titel „Privatsphäre schützen, Frau Merkel!“.

Das alles führt zu dringenden Fragen, die wir den Anti-NSA-Spionen direkt gestellt haben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Gruppe zu dem Projekt zu sagen hat - und wie sich der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix zu dem Thema äußert.