Berlin - Die Anwohner kommen am Dienstagabend mit Plastiktellern voller Nudelsalat. Ein Picknick auf der Ohlauer Straße, das ist ihr Protest, für die Flüchtlinge – und für sich selbst. Am Nachmittag hat der Bezirksstadtrat Hans Panhoff (Grüne) die Polizei darum gebeten, die Gerhart-Hauptmann-Schule zu räumen. Seitdem stehen etwa 1000 Demonstranten hinter den Absperrungen, die die Polizei an den Straßen rund um die Schule errichtet hat, und protestieren. Die Anwohner singen auf ihren Picknickdecken: Kein Mensch ist illegal, Bleiberecht überall.

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Seit einer Woche ist ihr Kiez im Ausnahmezustand, seit der Bezirk versucht hat, die Flüchtlinge, die seit eineinhalb Jahren in der Schule leben, zum Umzug zu bewegen. Viele sind gegangen, ein paar Dutzend sind geblieben, haben sich auf dem Dach verschanzt, drohen, zu springen, sollten sie gezwungen werden, die Schule zu verlassen. Und der Bezirk ist irgendwo zwischen ratlos und bewegungslos und lässt mit bis zu 1000 Polizeibeamten aus ganz Deutschland die Straßen um die Schule abriegeln. Wer dort wohnt, darf nur durch die Absperrungen, wenn er seinen Ausweis zeigt. Jedes Mal.

„Die Situation ist absurd“, sagt Gregor Schuller. „Und genau das wollen wir mit diesem Picknick zeigen.“ Schuller ist Architekt. Der 32-Jährige lebt und arbeitet in der Reichenberger Straße. Er hat Baguette in Plastiktüten mitgebracht. Am Montag haben sie erst Federball über die Absperrungen gespielt, dann sind sie mit ihren Ausweisen in den Händen durch die Barrikaden bis vor die Schule gezogen. Es geht ihnen dabei nicht nur um die Flüchtlinge. Schuller sagt, er verstehe ihren Protest, auch wenn ihm unwohl dabei sei, dass einige von ihnen gedroht haben, vom Dach zu springen. „Erpressung gefällt mir nicht“, sagt er. Aber es geht jetzt eben auch um eine Bezirksbürgermeisterin, die einen ganzen Kiez tagelang zum Sperrbezirk macht.

An der Kreuzung haben Unterstützer der Flüchtlinge einen Infostand aufgebaut, mit selbst gebastelter Litfaßsäule, an der Plakate auf alles Wichtige hinweisen: Versammlungen, Lebensmittelspenden für die Besetzer, Volksküche für alle, die unten ausharren, Liveschaltungen aufs Dach, die auf Lautsprecher übertragen werden. Auch die Handynummer von Monika Herrmann hängt da. „Anrufen!“ hat jemand daneben geschrieben. Und ihre Adresse.

Davor diskutieren Anwohner, Passanten, Touristen darüber, wie das alles zusammenhängt: die Flüchtlinge auf dem Dach und die Nachrichten von den Flüchtlingen, die am Wochenende zu Tausenden in Italien ankamen. Afrika und Kreuzberg und die Unfähigkeit des Bezirks im Umgang mit der Schule, lange bevor die Situation eskalierte. Die Rede ist auch von Panhoffs verwirrendem Angebot, die Flüchtlinge dürften in einem Teil der Schule bleiben. Kann man dem Bezirk noch trauen?

Zu all dem läuft Reggae. Es ist wie ein Festival, Kreuzberg ist in seinem Element: bunt, laut, aufregend. Und aufgeregt. Es gibt Sitzblockaden, Sprechchöre, Gerangel mit der Polizei und Festnahmen. Am Nachmittag zieht eine Demonstration von Schülern zum Spreewaldplatz. Es sind Minderjährige, die den behelmten Polizisten gegenüberstehen, sich wegtragen lassen und dabei Bleiberecht für alle fordern.

Hinter der Absperrung, im Falafelladen von Mohammed Bodran, direkt neben der Schule, bleibt es ruhig. Am ersten Tag war Bodran noch so etwas wie der lokale Versorger. Polizisten aßen seine Schawarma. Die Fernsehteams, die Abgeordneten, die in der Schule waren, holten sich Kaffee, um diesen langen Tag zu überstehen. Aus dem Tag ist nun eine ganze Woche geworden.

Seit Donnerstag hat Bodran geschlossen. „Alle haben große Probleme hier“, sagt Bodran. Jeden Tag entgehen ihm 400 Euro Umsatz, viel Geld, wenn man fünf Mitarbeiter hat. Bodran hat einen Brief an den Polizeipräsidenten geschrieben, er legt Widerspruch gegen die Absperrungen ein. „Ich habe nichts dagegen, dass die Flüchtlinge bleiben“, sagt er. „Aber die Absperrungen müssen endlich weg.“

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