Iranerinnen in Berlin: Die Revolution der Frauen macht Mut

Die iranische Exilgemeinde Berlins ist wegen der Proteste in der Heimat in Aufruhr. Rastlos werden Solidaritätsveranstaltungen und Demos organisiert.

Protest in Berlin vor der iranischen Botschaft mit Fotos der verstorbenen Mahsa Amini
Protest in Berlin vor der iranischen Botschaft mit Fotos der verstorbenen Mahsa Aminidpa/Paul Zinken

Vielleicht erlebe er bald die fünfte Fluchtwelle aus dem Iran, sagt Hamid Nowzari, Geschäftsführer des Vereins iranischer Flüchtlinge mit Sitz an der Reuterstraße. Nowzari verließ den Iran 1980 und flüchtete nach Deutschland.

Die Islamische Republik war nach dem Sturz des Schahs 1979 damals gerade ein Jahr alt. Mehr als 40 Jahre und mehrere Wellen der Verfolgung und Massenflucht aus dem Iran später könnten erneut viele Iraner ihre Heimat verlassen, fürchtet Nowzari. Und die kommenden Tage könnten darüber entscheiden. 

Der Iran brennt seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Laut Angaben von Nichtregierungsorganisationen sind 76 Menschen bei gewaltsamen Protesten in verschiedenen Städten ums Leben gekommen. Ungewöhnliche Szenen spielen sich bei den Protesten ab. Frauen verbrennen ihre Kopftücher und schneiden sich unter Applaus der Demonstranten die Haare ab.

Sie drücken so ihre Solidarität mit Mahsa Amini aus. Sie besuchte Mitte September die iranische Hauptstadt Teheran. Beamte der sogenannten Sittenpolizei nahmen sie in Gewahrsam, weil sie angeblich ihre Kopfbedeckung nicht den islamischen Regeln entsprechend getragen hatte. Die 22-Jährige starb nach der Festnahme in einem Krankenhaus. 

Iraner organisieren Kundgebungen in Berlin

Hamid Nowzari berichtet von einer rastlosen Zeit für Exiliraner in Berlin. Geflüchtete, Studierende aus dem Iran und Berliner mit iranischen Wurzeln organisieren täglich Solidaritätsaktionen und Demonstrationen in der Hauptstadt. Junge Leute gäben dabei den Takt an. „Ich sehe eine Wut, die ich so noch nicht erlebt habe“, meint der Exiliraner.  

Wer nicht gerade Kundgebungen organisiere, versuche, an Informationen über die Lage im Iran heranzukommen, schildert Nowzari. Ziel sei es, den Demonstranten im Iran eine Stimme zu geben. Augenzeugenberichte fänden über den Umweg Berlin ihren Weg zu persischssprachigen Auslandssendern. Diese sendeten wiederum auf digitalen Schleichwegen in den Iran. Die iranische Regierung hat allerdings das Internet im Land teilweise lahmgelegt.

Die Regierung drosselt das Internet

Die iranische Studentin Mina erzählt, dass das gedrosselte Internet den Kontakt zu ihrer Familie erschwere. An einem Tag komme ein Anruf oder eine Textnachricht durch, am anderen nicht. Immerhin wisse sie, dass ein Cousin nach einer Festnahme wieder auf freiem Fuß ist. 

Die Studentin will ihren wirklichen Namen nicht nennen. Sie hat Angst vor Mitarbeitern der iranischen Botschaft in Berlin. Sie fürchtet, dass sie Kundgebungen in Berlin ausspähen. „Wenn sie uns erkennen, kann das schlimme Folgen für unsere Familien haben“, sagt sie.

Die Frauen begehren auf

Mina hat eine Formulierung dafür, was gerade in ihrer Heimat geschieht. Sie spricht von einer „Revolution der Frauen“.  Es gehe anders als bei vorherigen Protesten nicht um wirtschaftliche Missstände oder Korruption, sondern um das von der Islamischen Republik mit Gewalt durchgesetzte Patriarchat.  

Doch nicht nur Frauen gehen derzeit im Iran auf die Straße. Videos zeigen aufgebrachte Männer, die Frauen gegen Einsatzkräfte beistehen oder jubeln, wenn Frauen ihre Kopftücher verbrennen. „Ich glaube, die iranischen Männer verstehen jetzt, dass das Patriachat auch für sie nicht gut ist“, sagt Mina. 

Auch die Männer erheben sich

Hamid Nowzari glaubt, dass die iranischen Männer gerade eine Schuld begleichen. „Als nach der Islamischen Revolution der Schleierzwang kam, haben die Männer Frauen alleine demonstrieren lassen. Aufrufen von Frauenrechtlerinnen, die Fußballstadien zu boykottieren, bis Frauen dort Zugang haben, sind sie nicht gefolgt“, sagt der Exiliraner.

Doch was hat sich im Iran verändert? Mit Mahsa Amini könne sich die ganze Bevölkerung identifizieren, meint Nowzari. „Viele sagen, das könnte meine Schwester gewesen sein oder meine Frau“, sagt der Exiliraner. „Neu ist aber, dass die Männer den Frauen bei den Demonstrationen den Vortritt lassen. Die Frauen halten die Reden oder führen die Kundgebungen an“, meint Nowzari. 

Schwere Unruhen gab es schon 2019

Die Unzufriedenheit mit der Führung sei schon lange am Siedepunkt. Tatsächlich ist es nicht einmal zwei Jahre her, dass bei Protesten gegen eine Benzinpreiserhöhung nach Schätzungen 1500 Iraner ums Leben kamen. Die wirtschaftliche Not gehe mit einer Entfremdung von den Normen der Islamischen Republik einher. „Die Menschen haben es satt, dass in der Öffentlichkeit andere Regeln gelten als bei ihnen zu Hause“, meint Nowzari.

Der Geschäftsführer des exiliranischen Vereins wagt wie auch die Studentin Mina keine Prognose über die Zukunft der Proteste. Nowzari ist überzeugt davon, dass die Islamische Republik in der Kopftuchfrage keinen Kompromiss eingehen kann. Der als Hidjab bezeichnete Schleier sei zu sehr Symbol der iranischen Theokratie. 

Deutschland bestellt Irans Botschafter ein

Er hofft auf mehr Druck aus dem Ausland, auch aus Deutschland. Die Bundesrepublik gelte im Vergleich zu anderen Ländern als nachgiebig gegenüber der Islamischen Republik, kritisiert er. „Es ist gut, dass nun der iranische Botschafter in Berlin einbestellt worden ist“, sagt Nowzari.

Die deutschen Behörden sollten bei Asylanträgen frauenspezifische Unterdrückung besser berücksichtigen, fordert der Exiliraner. In den 80er-Jahren sei es für Iraner einfacher gewesen, Asylgründe zu belegen, meint er. „Sie konnten nachweisen, dass sie zu dieser oder jener Partei gehören. Die hat das Regime inzwischen alle beseitigt.“